42-jährige Kurdin hat eine neue Heimat gefunden

Für Arzu Kiyak scheint die Sonne in Warstein

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Warstein - Eine Frau nimmt ihr Leben selbst in die Hand. Trotz oder vielleicht auch gegen alle Widernisse. „Meine Sonne scheint für mich jetzt in Deutschland“, sagt Arzu Kiyak. Doch bis dahin war es für die starke und jetzt erfolgreiche Frau ein sehr langer Weg.

„Ich sage mir jeden Tag: Gott sei dank bin ich in Deutschland.“ Dass, was Arzu Kiyak in den vergangenen 18 Jahren in jenem Land erreicht hat, das eigentlich nur Durchgangsstation auf dem Weg nach England sein sollte, ist bemerkenswert.

 Und sie weiß: In ihrer alten Heimat im Osten der Türkei, dem Land der Kurden, hätte sie keine Chance gehabt. Dort war sie verheiratet damals, Ende der 1990er Jahre.

Die Verfolgung der Kurden ließ kaum Raum zum Atmen. Ihr Mann zog die Konsequenzen und machte sich auf nach England, als der jüngste Sohn 10 Monate alt war – mit dem festen Ziel, die Frau und die beiden Söhne nachzuholen. 

Das war die Theorie. In der Praxis gestaltete sich alles viel schwieriger. An kontrollierter Ausreise war nicht zu denken. Die Grenzen waren auch schon vor zwei Jahrzehnten kaum zu überwinden. Ihr Versuch, mit den Kindern per Schiff nach Griechenland zu gelangen, war ein großes Wagnis. 

„Wir waren 500 Leute. Eine Woche auf dem Meer, ohne Essen und kein Wasser.“ Und das bei Temperaturen bis zu 40 Grad. Man kann fast von Glück sprechen, dass das Boot aufgegriffen wurde. 

Arzu Kiyak lag eine Woche im Krankenhaus in Griechenland – und wurde wieder in die Türkei abgeschoben. Die Angst, sich noch einmal auf ein so riskantes Unternehmens einzulassen, um Asyl zu bekommen, wurde übergroß. „Nach diesen schlimmen Erlebnissen wollte ich aufgeben“, erinnert sich die 42-Jährige. 

Auf keinen Fall hätte sie sich noch einmal auf eine Schiffsreise begeben. Dann hörte sie von der Möglichkeit, dass Schleuser für viel Geld Papiere besorgen könnten und eine reguläre Ausreise per Flugzeug ermöglichten. 

Erst zögerte Arzu Kiyak, doch die politischen Verhältnisse wurden immer schwieriger. Zudem lebten Mutter, Bruder und Schwester bereits in Deutschland, und schließlich wollte sie dem Ehemann folgen. 

So stimmte sie schließlich der Ausreise zu. Anfang August 2001 landete sie mit den beiden Söhnen in Düsseldorf, wo die Familien sie bereits erwartete. Mit dem Touristenvisum kam sie zunächst zu ihrer Mutter und den beiden Schwestern nach Siegburg, stellte anschließend in Köln den Asylantrag und kam für zwei Wochen nach Hemer.

„Am 17. November 2001 bin ich in Warstein angekommen“, weiß die 42-Jährige noch das genaue Datum. Mit diesem Tag begann für sie und für die beiden Söhne das Leben in der neuen Heimat, denn der Traum von England hatte sich zerschlagen, weil ihr Ehemann, der sich schon nicht um die Ausreise seiner Familie gekümmert hatte, sie mittlerweile verlassen hatte. 

Zunächst war die Kleinfamilie in einem Haus auf dem LWL-Gelände untergebracht. Gut erinnert sie sich noch an die Anfangszeit, als sie auf Lebensmittelgutscheinen bei Plus in der Dieplohstraße einkaufte. Unterstützung fand sie bei Flüchtlingshelfern wie etwa Volkert Bahrenberg. 

Aber Arzu Kiyak wurde schnell bewusst, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen muss. Das war nicht einfach. In der Türkei hatte sie als Frau nur fünf Jahre die Grundschule besucht, keinerlei Berufsausbildung und nur ein wenig in der Landwirtschaft gearbeitet. 

So suchte sie sich kleine Jobs als Putzfrau und als Bedienung in der Gastronomie. Von McDonald‘s über Cappadocia bis hin zum Eiscafé war sie im Einsatz und versuchte, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. „Immer ein bisschen mehr“, war das Motto. 

Nach drei Jahren wurde der Asylantrag angesichts der Unterdrückung der Kurden in der Türkei anerkannt – für Mutter und Kinder. Die Familie konnte bleiben.

Die Ehe und wohl auch das gewachsene Bewusstsein, auf eigenen Füßen zu stehen, hielt die Entfernung zum Mann nach Großbritannien nicht aus. „Ich habe mir gesagt: Ich mache weiter und bleibe hier!“ Diese Entscheidung hat sie nicht bereut. 

Seit 2015 ist Arzu Kiyak Chefin in ihrem eigenen Restaurant, dem Troja in der Belecker Landstraße 3. Bis dahin war es harte Arbeit mit wenig Schlaf und gleichzeitig der Verantwortung für die aufwachsenden Söhne Mahir und Baran, die heute 22 und 24 Jahre alt sind, ihre Ausbildung absolviert haben, zur Freude der Mutter perfekt deutsch sprechen – viel besser als türkisch und kurdisch. 

„Ich mag den Kontakt mit Menschen“, sagt sie und bezieht dies auf Kunden und ihr Mitarbeiter-Team. 

Der Erfolg hält an. Im Legoland hat sie kürzlich ein Grundstück gekauft, auf dem sie bald bauen möchte.

„Ich sage mir jeden Tag: Gott sei dank bin ich in Deutschland“, bekennt Arzu Kiyak, der nur die deutsche Staatsbürgerschaft noch fehlt. Hierzu hat sie bei all der Arbeit und dem vielen Kümmern noch nicht die Zeit gefunden. Ja, sie habe viel gekämpft. „Und ich habe auch viel geweint“, gesteht sie im Rückblick zu. 

Aber: „Meine Heimat ist jetzt Deutschland.“ In der alten Heimat hätte eine Frau dies niemals erreichen können. „Für mich und meine Kinder war Deutschland ein großes Glück.“

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