Alter Prellbock wird zum „sprechenden Zeitzeugen“

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LWL-Betriebsleitung und der Heimatverein Suttrop mit seinen Helfern sind stolz auf das neue Prellbock-Denkmal direkt an der Treisekapelle.

Suttrop -   „Wer kann von sich schon sagen, mal ein Denkmal gebaut zu haben?“ Ayhan Aygün kann es. Und er ist stolz darauf. Gestern unterstützte der Reha-Patient in der LWL-Klinik das Team des Heimatvereins Suttrop um den Ehrenvorsitzenden Albert Weber und Ortsheimatpfleger Berni Meyer beim letzten Arbeitseinsatz an dem umgesetzten Prellbock, der hinter dem Maschinenhaus in Vergessenheit geraten war, nun aber an exponierter Stelle als erhaltener Zeitzeuge an den Abtransport von 1576 Patientinnen und Patienten in Gaskammern während des NS-Regimes erinnern soll.

Als Ayhan Aygün von dem Bauprojekt hörte, sei es für ihn selbstverständlich gewesen, sich für eine Mitarbeit zu melden. „Sogar bei Regen hat er hier ausgeschachtet“, lobte Dr. Josef Leßmann, Ärztlicher Direktor der Klinik, gestern das Engagement des Patienten. Und was der gelernte Maurer aus Dortmund geleistet hat, verdeutlichte er selbst auf Nachfrage mit Zahlen: Nach 16 Tonnen Aushub von Steinen, Wurzeln und Lehm füllte er anschließend 13,5 Tonnen Splitt auf, um für die Bahnschwellen und das Gleis einen passenden Untergrund zu haben.

Gestern war der 41-jährige Aygün wieder mit dabei, als mit Albert Weber, Berni Meyer, Franz-Josef Jütte und Dieter Woock das Arbeitsteam des Heimatvereins Suttrop anrückte, um unterstützt von LWL-Elektromeister Werner Gauseweg die letzten Montagearbeiten an den alten Bahnschwellen und dem alten Prellbock durchzuführen. „Wir können auch Gleisbau“, scherzte Albert Weber zufrieden, während er selbst den Holzbohrer durch den Querbalken des Prellbocks trieb. Der Ehrenvorsitzende zeigte sich „froh darüber“, dass der Heimatverein stets auf Helfer bauen könne, wenn Arbeiten zu erledigen seien: „So kriegen wir einiges geschafft.“

Jüngstes Werk des Heimatvereins Suttrop in Kooperation mit der LWL-Klinik – „wir haben eine enge Verbindung zur Klinik, denn das Gelände gehört zu Suttrop“ – ist das Prellbock-Denkmal. Nicht nur für den Heimatverein habe dies eine „sehr große Bedeutung“, wie Albert Weber betonte, auch Dr. Josef Leßmann unterstrich die Wichtigkeit dieses „sprechenden Zeitzeugen“. Dieser Prellbock war das Ende des Gleises hinter dem Maschinenhaus, von dem aus vor sieben Jahrzehnten 1576 Menschen per Zug unter anderem nach Hadamar gebracht und dort in den Gaskammern umgebracht wurden. Äste, Gras, Gestrüpp hätten die alte Gleisanlage über die Jahre überwuchert, mit dem Umsetzen des Gleisstücks vor die Treisekapelle, die bereits als Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie dient, habe man nun den Prellbock als „plastischen Zeitzeugen an das Abartige und Schlimme direkt vor den Augen“. Als „absolut gelungene Ergänzung zur Kapelle“ stufte auch LWL-Pflegedirektor Magnus Eggers den Prellbock ein: „Der hat mir schon einige Bilder durch den Kopf gehen lassen.“ Damit auch Außenstehende wissen, was es mit dem Prellbock direkt im Eingangsbereich der Klinik auf sich hat, soll noch eine entsprechende Infotafel angebracht werden.

„In würdiger Weise“, so Dr. Josef Leßmann, wird die neue Erinnerungsstätte am Totensonntag, 22. November, dem traditionellen Gedenktag für die Euthanasieopfer, offiziell eingeweiht. Robert Domes, Autor der Buchvorlage für den Kinofilm „Nebel im August“, für den die Dreharbeiten in dieser Woche hier zuende gehen, wird dann die Ansprache halten.

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