Vorschlag der Bundeskanzlerin gegen Corona-Ausbreitung

Ein-Freund-Politik stößt bei Soester Pädagogen auf breite Ablehnung

Zwei Freunde spielen in Soest „Schnick-Schnack-Schnuck“. Geht es nach der Idee von Angela Merkel, sollen sich Kinder künftig nur noch mit jeweils einem Freund treffen.  
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Zwei Freunde spielen in Soest „Schnick-Schnack-Schnuck“. Geht es nach der Idee von Angela Merkel, sollen sich Kinder künftig nur noch mit jeweils einem Freund treffen. 

Geht es nach den Ideen von Bundeskanzlerin Angela Merkel, dann sollen sich Kinder und Jugendliche an Nachmittagen und an Wochenenden, also außerhalb von Schule und Kita, nur noch mit einem festen Freund oder Freundin treffen dürfen. Durch diese weitere Kontaktbeschränkung soll die Corona-Pandemie eingedämmt werden. Doch inwiefern ist diese Idee überhaupt umsetzbar – oder schadet sie den Kindern und Jugendlichen womöglich in sozialer Hinsicht? Der Anzeiger hat sich in Kitas und Schulen umgehört.

„Viele unserer Eltern sind sehr umsichtig und halten es schon von selber so. Sie achten darauf, dass sich ihre Kinder an den Nachmittagen einzeln, also nur mit einem anderen Kind treffen“, sagt Rita Zicholl, Leiterin der Kita Sonnenkamp. Sie erlebt die Eltern sehr vorsichtig und weitsichtig. „Alle wollen schließlich, dass Corona vorbeigeht.“

Sie beobachtet auch, dass viele Kinder tatsächlich draußen auf dem Spielplatz oder dem weitläufigen Gelände der FH nur zu zweit spielen und sich nicht in Räumen treffen. Die Gruppen der Kita, die sonst offen arbeiten, sind zurzeit strikt getrennt. „Das belastet die Kinder schon“, sagt Zicholl.

Simon Kelbert, Leiter der Kita Tabrock, hält den Merkel-Vorschlag mit Blick auf Corona für sinnvoll. „Jedes Treffen, jeder Kontakt, der zurzeit nicht stattfindet, hilft, die Pandemie zu stoppen“, sagt er. Die Einschränkung für die Kinder, sich nachmittags nur noch mit einem Freund zu treffen, sei nicht so groß, schließlich könnten die Jungen und Mädchen ja tagsüber in ihrer gewohnten Gruppe gemeinsam spielen und toben. „Schwieriger wird es, den Kleinen zu erklären, dass sie zum Beispiel ihren Kindergeburtstag nicht feiern können. Das ist schon wirklich hart für die Kinder“, so Kelbert.

„Aus virologischer Sicht kann ich den Vorschlag nicht beurteilen, wohl aber aus pädagogischer“, sagt Astrid Hartmann, Leiterin der Patrokli-Grundschule. Aus sozialer Sicht sei der Vorstoß schwierig. „Den Kindern wird ohnehin derzeit vieles genommen: Sie dürfen nicht mehr in ihren Sportverein, müssen ihre Hobbys einschränken und sich jetzt festzulegen, der ist mein bester Freund, ich treffe mich nur noch mit dem, das fördert Probleme und Streit unter den Kindern und Familien“, so Hartmann. Viele Kinder würden sich so ausgeschlossen fühlen, es komme zu Konkurrenz unter den Kindern. „Kinder brauchen ein breites Umfeld, und das fördern wir“, so Hartmann.

Ein-Freund-Politik: „Den Schüler schwer vermittelbar“

„Ob die Kinder sich an Nachmittagen mit mehreren anderen Kindern treffen, das hat auch was mit dem Elternhaus zu tun und wie stark die Eltern auf das Verhalten ihres Nachwuchses achten“, sagt Jörg Fitzian, Leiter der Sekundarschule. Den Schülern sei es schwer vermittelbar, dass sie tagsüber alle zusammen in der Klasse sitzen, am Nachmittag aber dauerhaft nur noch einen Freund treffen dürfen.

„Zurzeit wird bei den Kindern sehr viel reglementiert, etwa wo sie sitzen dürfen. Sie müssen den ganzen Tag eine Maske tragen – das macht natürlich was mit den Kindern“, sorgt sich Fitzian, der in noch mehr Regeln eine Gefahr sieht. Sich nur noch mit einem Freund treffen zu dürfen, dabei gehe Vertrauen und Freundschaft in der Gruppe verloren und zurück blieben Neid und Verbitterung. Fitzian: „Ein bisschen flexibel sollten wir schon bleiben.“

Ein-Freund-Politik: „Schürt nur weiter Unmut“

„Eine solche Maßnahme würde nur den Unmut weiter schüren, weil die Kinder und Jugendlichen sich noch stärker eingeschränkt fühlen“, meint auch Kerstin Haferkemper, Leiterin der Hannah-Arendt-Gesamtschule. Sie sitzen tagsüber mit 30 anderen Jungen und Mädchen zusammen in der Klasse – die neue Regel sei schwer vermittelbar. Dadurch würden auch die Eltern unter Druck geraten, die Regel durchzusetzen und ihre Kinder zu kontrollieren, so Haferkemper.    agu

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