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Ex-Dombaumeister aus Soest kritisiert: Bauleute arbeiteten „schlampig“

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Von: Bettina Boronowsky, Klaus Fischer

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Durch ein großes Loch im Mauerwerk schaut hier Thomas Gißke.
Durch ein großes Loch im Mauerwerk schaut hier Thomas Gißke. © Peter Dahm

Jürgen Prigl ist sauer. „Schlampige Arbeit“ und „fehlenden Respekt vor der mittelalterlichen Baukunst“ wirft der ehemalige Dombaumeister an der Wiesenkirche seinen Vorgängern aus dem 19. Jahrhundert und den 20er- und 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts vor.

Soest – Sie seien bei den jeweiligen Renovierungen maßgeblich dafür verantwortlich gewesen, dass es heute Risse im Bauwerk des gewaltigen Gotteshauses gibt, ja, dass sogar der Einsturz droht.

Die Steinmetze um Prigls Nachfolger, Dombaumeister Gunther Rohrberg und Bauhüttenmeister Daniel Müller, ahnten schon, dass einiges auf sie zukommen würde, als sie vor drei Jahren mit der Arbeit am Nordturm begannen. Dass sie heute immer noch auf so viel Gerümpel stoßen würden, hatten sie aber wohl nicht gedacht.

Sie hatten zunächst eine Brüstung in luftiger Höhe von 25 Metern entfernen müssen, um an das renovierungsbedürftige Gesims zu kommen. Dabei stießen sie immer wieder auf wackelige Stellen und Risse im Mauerwerk. Wenn sie nachschauten, entdeckten sie lauter Plunder: Ziegel, Schutt, alten Mörtel und den sogenannten „Hitler-Beton“, mit dem bei der Renovierung von 1928 bis 1932 die Lücken gestopft worden sind.

Das sei typisch für die Zeit gewesen, sagt Prigl und behauptet, an dem Bauwerk könne man den jeweiligen Zeitgeist ablesen. Wie gleichgültig vor rund 90 Jahren mit dem Gemäuer umgegangen worden ist, das heute als „schönste gotische Hallenkirche in Westdeutschland“ gilt, zeigt ein Fund aus dem vergangenen Sommer: Thomas Tießke und Stefan Stubenhofer fanden einen Hammer, der – wohl schon seit Jahrzehnten – im hart gewordenen Mörtel steckte.

Wände sind bröselig geworden

Insgesamt wurde die gotische Mauerkrone an einigen Stellen fast zehn Zentimeter weit auseinander gedrückt. Die Wände sind bröselig geworden. Das kann gefährlich werden, muss sie doch das schwere Satteldach halten. Als „Erste Hilfe“ wurde eine stabilisierende Stahlkonstruktion eingebaut.

Zudem gibt es jetzt neue gravierende Schäden am Gebäude, die erst vor einigen Tagen entdeckt worden sind. Dabei handelt es sich im Kronenbereich der inneren tragenden Mauer um größere Flächen mit offenen Mauerfugen. Der Mörtel fehlt komplett. Wegen dieser eklatanten Schäden im Mauerwerk wird sich die Sanierung der Wiesenkirche wohl länger hinziehen, als zunächst angenommen wurde. Erst vor drei Jahren hatte man das Gotteshaus einmal komplett ohne Gerüst sehen können. Die Dombauhütte arbeitet mit vier Leuten. Mehr Personal wird es nicht geben.

Die fachkundigen Steinmetze arbeiten jetzt so, wie es das mittelalterliche Bauwerk braucht: mit der Hand, fachkundig und behutsam. Es gilt, nicht nur die „normal“ geplante Sanierung, sondern auch die Zusatzaufgaben zu schaffen. Wenn Hilfebedarf besteht, können sich die Mitarbeiter an den früheren Dombaumeister wenden. Prigl hat in seinen jungen Jahren reichlich Erfahrung am Freiburger Münster gesammelt und ist heute, so oft es geht, zu Besuch in der Bauhütte „seiner“ Wiesenkirche.

Auch wenn es Schwierigkeiten gibt: „Die Bauhütte läuft“, sagte Dombaumeister Günther Rohrberg jetzt während der Hauptversammlung des Westfälischen Dombauvereins an der Wiesenkirche und war voll des Lobes für die Mitarbeiter: „Die Arbeiten auf der Turmbaustelle sind trotz der Corona-Pandemie im Plan und vor allem in der gewohnt sehr hohen Qualität ausgeführt worden.“

Kinderbauhütte tritt auf der Stelle

Der Vorsitzende Heinz Helmut Piel hatte allerdings so manches Negatives in seinem Jahresbericht zu vermelden. So seien nahezu alle Veranstaltungen des Vereins während der Pandemie ausgefallen. Seit Corona ist das Grünsandsteinmuseum geschlossen. Es soll von einer Spezialfirma gründlich gereinigt und „in absehbarer Zeit“ wieder geöffnet werden. Das Projekt der Kinderbauhütte tritt noch auf der Stelle. Sie soll im nördlichen Ziegelstein-Trakt der Bauhütte unterkommen, der dafür saniert werden muss. Auch die Finanzierung ist noch nicht in trockenen Tüchern, obwohl Heimatministerin Ina Scharrenbach das Projekt bei ihrem letzten Besuch ausdrücklich gelobt hatte.

Der ewige Sanierungsfall

Im Jahr 2013 wurde das 700-jährige Bestehen der Kirche St. Maria in pratis, der Wiesenkirche, gefeiert. Sicher ist, dass dieses Bauwerk seit der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts im Stil der Gotik aus dem südlich von Soest abgebauten Grünsandstein errichtet wurde. Johann Schendeler gilt als der erste Baumeister. Die beiden stilprägenden Türme kamen erst 300 Jahre nach Fertigstellung der Halle, Ende des 19. Jahrhunderts, hinzu. Der starken Verwitterungsprozess des „Soester Grünsandsteins“ erzeugt einen ständigen Restaurierungsbedarf. Seit mehr als 40 Jahren werden die beiden Türme im Auftrag der Wiese-Georgs-Gemeinde saniert. Das Land unterstützt diese Restaurierung derzeit jährlich mit fast 700 000 Euro.

Seit Beginn der Pandemie hat es einige Veränderungen gegeben: Dr. Bärbel Cöppicus-Wex hat aus persönlichen Gründen die Leitung der Geschäftsstelle niedergelegt. So wurde Erika Kauba aus ihrem Ruhestand zurückgeholt, die momentan Regina Kaiser als Nachfolgerin einarbeitet. Steinmetzmeister Stefan Stubenhofer wurde kommissarischer Leiter der Bauhütte und soll sich diese Funktion künftig mit Markus Schulze teilen, der vor etlichen Jahren an der Dombauhütte seinen Meister gemacht hat, jetzt nach Soest zurückkehrt und die Mannschaft der Bauhütte verstärkt. Nele Dreizehner ist neue Auszubildende.

Der Verein zählt stabil um die 350 Mitglieder. Die Finanzen haben sich 2020 verbessert, machte Kassenwart Volker Kaiser deutlich. Allerdings befürchtet er angesichts der neuen Schäden, dass erhebliche unvorhergesehene Anstrengungen auf den Verein zukommen.

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