Wachsende Wut von Russlanddeutschen in Soest

Spätaussiedler-Verein sieht Anti-Flüchtlingshaltung mit Sorge

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Antonia Domke ist engagiertes Vereinsmitglied bei Kultur A-Z in Soest

Soest - Sie kritisieren offen und scharf die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin, sie fordern Schutz für ihre Frauen und Kinder und sie spielen mit den Vorurteilen über muslimische Ankömmlinge.

Was sich liest wie der Einstieg in eine Pegida-Berichterstattung, lässt sich seit einigen Wochen fast nahtlos auf die Beschreibung so mancher „besorgter“ Russlanddeutsche übertragen. Sie präsentieren sich als aufgebrachte Gruppe, leiern sogar Demonstrationen wie zuletzt vor dem Rathaus an, finden deutliche Worte gegen die Willkommenspolitik in Deutschland. Dabei kennen doch gerade die Spätaussiedler dieses Gefühl, unwillkommen zu sein. Woher rührt also diese Anti-Haltung? Was sind das für Sorgen – und wo kommen Sie her?

„Das ist ganz schwierig zu deuten, auch für uns“, sagt Antonia Domke, die sich im „Kultur- und Geschichtsverein der Deutschen aus Russland“ (Kultur A-Z) seit Jahren für den offenen Dialog innerhalb Soests einsetzt. Sie steht im Austausch mit Russlanddeutschen, sowohl mit jenen aus ihrem Verein, als auch mit Nichtmitgliedern. Und dennoch ist dieses neue Phänomen für sie kaum zu greifen. „Ich kann es mir nur so erklären, dass einige schlechte Erfahrungen gemacht haben mit den Behörden, mit dem Staat. Und dass bei denen die Frustgrenze mittlerweile sehr niedrig ist.“ Der Ärger projiziere sich demnach auf die, die nun offen empfangen werden.

Ein weiterer Grund für die derzeit spürbare Wut resultiere aus der Verunsicherung durch die Medien. In vielen Spätaussiedler-Familien werden die Informationen noch immer aus russischen Nachrichten aufgenommen, diese stehen teilweise im kompletten Gegensatz zu den Inhalten deutscher Berichterstatter. „Wir stehen zwischen den Medien“, sagt auch Antonia Domke. „Häufig stellt sich die Frage: Wem sollen wir noch glauben?“ Domke spielt nicht zuletzt auf das Beispiel des angeblich von südländischen Flüchtlingen vergewaltigten Mädchens in Berlin an (der Anzeiger berichtete). „Diese ganze Geschichte macht es einem wirklich nicht leicht, auch mir nicht. Ich denke, man muss vor allem der Staatsanwaltschaft vertrauen.“

Die nicht zuletzt aus dieser Geschichte hervorgegangenen Tendenzen bereiten Domke Sorgen. Sie kann für ihren Verein mit den knapp 40 Mitgliedern sprechen, die sie alle für „gemäßigt“, für reflektiert hält. In Soest aber gibt es knapp 3000 Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion. „Und wenn ich verfolge, wie in diversen sozialen Medien gehetzt wird, auf russisch wie auf deutsch... Das ist eine Dreckschleuder!“

Eine analytische, nüchterne Auseinandersetzung mit dem Flüchtlingsphänomen findet kaum statt. Dazu passt eine Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, demzufolge Aussiedler und Spätaussiedler „deutlich weniger politisch interessiert als sonstige Einwanderergruppen“ sind. Und wenn sie politisch sind, tendieren sie zu konservativen und christlichen Parteien. In einem ohnehin gereizten Klima sind ein paar harte Zeilen im Internet aber schnell geschrieben. Zeilen, die vieles kaputt machen – vor allem von dem, was Antonia Domke und andere engagierte Russlanddeutsche über Jahre mühevoll aufgebaut haben. „Ich finde es traurig, dass die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland derzeit schlechter werden“, sagt die Beauftragte für Öffentlichkeits- und Kulturarbeit im Verein. Zumindest hat Domke die Hoffnung, dass sich die drastische Ablehnung der Flüchtlingspolitik zu keinem Massenphänomen unter Spätaussiedlern ausweiten „und schnell wieder legen“ wird.

Im Video ein Auftritt von Kultur A-Z aus dem Jahr 2012.

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