Ansturm von Patienten in Praxen

Stresstest für Hausärzte: Jetzt dürfen auch sie gegen Corona impfen

Jetzt beginnen Corona-Schutzimpfungen auch in Arztpraxen.
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Jetzt geht´s auch in den Hausarztpraxen los - theoretisch. Praktisch müssen sich aber auch hier viele Patienten noch in Geduld üben.

Das war nichts für schwache Nerven: Am ersten Tag, an dem Hausärzte Patienten gegen das Coronavirus impfen konnten, ging es in den meisten heimischen Praxen hoch her – noch ein Stückchen höher sogar dort, wo die Ärzte auch noch an der Sonderimpfaktion für Ü60-Jährige mit dem Astrazeneca-Impfstoff teilnehmen und die Praxen obendrein auch noch als Schnelltestzentrum registriert sind.

Soest – Dr. Rudolf Lammers hatte nur wenig Zeit für ein Gespräch mit dem Anzeiger, wie bei vielen seiner Kollegen klingelten auch beim ihm in seiner Praxis am Isenacker die Telefone Sturm. „Für meine Mitarbeiterinnen ist das wirklich eine enorme Belastung“, erklärte der Mediziner am Mittag – auch deshalb, weil keinem der Anrufer ein sofortiger Impftermin garantiert werden konnte. „Wir haben 30 Dosen von unserer Apotheke bekommen und werden die ab Donnerstag verimpfen“, beschrieb Lammers die geplante Vorgehensweise in den kommenden Tagen.

Bei 30 Patienten sei das noch während der regulären Sprechstunden möglich, in den kommenden Wochen, wenn sehr wahrscheinlich größere Mengen Impfstoff geliefert werden, müssen man über gesonderte Zeiten für die Impfungen nachdenken.

Astrazeneca-Impfstoff im Rahmen der Sonderaktion des Landes NRW hat er noch gar nicht bestellt: „Das ist organisatorisch im Moment nicht zu leisten, schließlich sind wir ja auch noch Testzentrum“, erklärte Lammers. Allerdings wolle er nicht ausschließen, dass er sich beim Kreis noch für die Aktion melden werde.

Dr. Heinz Ebbinghaus ist noch dichter dran am Thema als viele seiner niedergelassenen Kollegen in Soest, weil er auch intensiv in die Arbeit im Impfzentrum des Kreises eingebunden ist. Daher ist er auch Ansprechpartner für andere Ärzte. „Ich hatte schon einige Anrufe von Hausärzten im Kreis, die sich darüber beschwerten, dass sie noch keinen Impfstoff bekommen haben“, erklärte Ebbinghaus am frühen Nachmittag. Helfen konnte er da freilich nicht.

„Der Impfstoff wird an die Apotheken geliefert und von dort an die Praxen“, erklärt er den Ablauf. Dabei seien einige Apotheken, wenig verwunderlich, schneller versorgt worden als andere.

Generell gelte, so Ebbinghaus, folgende Vorgehensweise: Bis Dienstagmittag bestellen die Hausärzte den Impfstoff, vorerst wird das Biontech sein. Möglich sind Bestellungen zwischen 20 und 50 Dosen. Die werden, wenn verfügbar, bis Donnerstag bei den Hausärzten gemeldet und ab Montag geliefert.

In welcher Reihenfolge Patienten eine Impfung bekommen, liegt im Ermessen des Hausarztes, er ist aber grundsätzlich an die vorgeschriebenen Priorisierungsvorgaben gebunden. In der Regel bedeutet das, dass vor allem sehr alte und bettlägerige Patienten, die ambulant gepflegt werden, sowie Patienten mit schweren chronischen Erkrankungen zuerst geimpft werden. Die meisten Hausärzte haben die Personen, die ganz oben auf diesen Listen stehen, bereits kontaktiert.

Heinz Ebbinghaus rechnet damit, dass ab Ende des Monats deutlich mehr Impfstoff zur Verfügung stehen wird und dann auch eine entsprechend größere Zahl von Patienten versorgt werden kann. „Bis dahin müssen wir einfach noch viele der Menschen, die sich jetzt an uns wenden, um etwas Geduld bitten“, erklärt er.

Diese Geduld müssen auch viele aufbringen, die sich im Rahmen einer Sonderaktion des Landes mit dem Astrazeneca-Impfstoff schützen wollen, aber am Wochenende noch keinen Termin im Impfzentrum bekamen. Rund 6500 Dosen werden an Hausärzte verteilt, jeweils rund 40 pro Praxis, die sich dafür bis gestern beim Kreis melden mussten. Geplant ist, diese Dosen innerhalb der nächsten 14 Tage komplett zu verimpfen.

Dr. Sara Schürmann rechnet fest damit, dass sie in ihrer neuen Praxis am Soester Markt schon sehr bald die ersten Wünsche von Patienten nach einer Impfung erfüllen kann: „Die Bestellung ist raus, sobald geliefert wird, vereinbaren wir mit den Patienten, die ihn am dringendsten brauchen, einen Termin“, versprach sie. Auch bei ihren Mitarbeiterinnen hatten die Telefondrähte schon vor Ostern geglüht, die Ungeduld vieler Menschen ist groß.

Und das gilt nicht nur für die „Städter“ in Soest, sondern auch für die Bewohner der Landgemeinden ringsum. Von der Beschaulichkeit einer typischen Landarztpraxis war auch dort am Dienstag wenig zu spüren. „Hier ist zwar immer viel los, aber heute ist es schon sehr intensiv, was an Anrufen hereinkommt“, beschrieb Christian Weber die Atmosphäre in der Hovestädter Hausarztpraxis in seiner (sehr kurzen) Mittagspause. „Wir haben die bestellten Dosen bekommen und werden am Mittwoch loslegen“, erklärte der Arzt. Seine Praxis beteilige sich auch an der Astrazeneca-Aktion – dieser Impfstoff werde voraussichtlich ab Freitag an Patienten gehen, die bereits informiert worden seien.

Nerven liegen blank: „Ich habe Angst“

Ein wahrer Ansturm von Anrufern brach am Dienstag über die Mitarbeiterinnen in den heimischen Hausarztpraxen herein, gerade ausgesprochen Ungeduldige drangen vehement darauf, möglichst unverzüglich einen Impftermin zu bekommen. Es wurde diskutiert und gestritten, längst nicht immer war der Tonfall dabei sachlich.

Als Beispiel sei eine Soesterin genannt, die sich in der Anzeiger-Redaktion meldete und darüber beschwerte, dass sie in ihrer Hausarzt-Praxis „sehr unwirsch“ darauf vertröstet worden sei, sich im Mai wieder zu melden. Sie wollte einen Impftermin für ihren Mann, Anfang 60, Postbote, Asthmapatient mit Bluthochdruck. Nachdem sie am Osterwochenende stundenlang vergeblich versucht hatte, einen der 1000 Termine im Soester Impfzentrum zu ergattern, hatte sie ihre ganze Hoffnung auf einen Termin bei ihrem Hausarzt gesetzt. Vergeblich.

„Ich bin total frustriert und verärgert“, ließ sie anschließend ihrer Enttäuschung freien Lauf. „Und ich habe Angst“.

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