Ungewollte Adoption: Eltern verklagen die Stadt Soest

Alkoholsucht. Welche bitteren Folgen das haben kann, hat eine Soester Familie am Fall ihrer adoptierten Tochter erlebt.

SOEST - Ein Soester Ehepaar hat die Stadt Soest auf 100 000 Euro Schadensersatz verklagt. Das Jugendamt soll das Paar bei der Adoption eines Säuglings im Jahr 1990 nicht darüber aufgeklärt haben, dass die Mutter des Kindes alkoholabhängig war. Bei dem Mädchen traten später Entwicklungsrückstände auf, die heute erwachsene Tochter ist zu 70 Grad behindert.

Das Oberlandesgericht in Hamm hat die Klage – wie zuvor schon das Landgericht Arnsberg – jetzt abgewiesen. Die Ansprüche der Eltern seien verjährt, heißt es in der Begründung des 11. Zivilsenats. Der Gesetzgeber, so Gerichtssprecher Christian Nubbemeyer gegenüber unserer Zeitung, räume für solche Forderungen eine Frist von drei Jahren ein. Und diese Frist hätten die Adoptiveltern verstreichen lassen.

Weil also die Klage schon aus formalen Gründen aussichtslos sei, hat das Gericht den Fall als solchen erst gar nicht überprüft. Ob das Jugendamt tatsächlich bei den Gesprächen mit den Pflegeeltern Informationen über den Alkoholmissbrauch der leiblichen Mutter gehabt und diese Kenntnisse nicht preisgegeben habe, wie es die Kläger behaupten, bleibt ungeklärt.

Die Soester Eheleute, die das Mädchen im Alter von neun Wochen zu sich nahmen, hatten erst 2007 durch ein medizinisches Gutachten bestätigt bekommen: Die Adoptivtochter leidet unter einem „fetalen Alkoholsyndrom“, also unter einer vorgeburtlichen Schädigung – verursacht durch den Alkoholmissbrauch ihrer Mutter während der Schwangerschaft. Hätten die Adoptiveltern dies gewusst, hätten sie von einer Adoption Abstand genommen, betonten sie.

Bittere Wahrheit

Doch nach der bitteren Wahrheit durch das Gutachten ließen die Adoptiveltern noch vier Jahre ins Land ziehen, bevor sie die Stadt Soest auf Schadensersatz zu verklagten. Zu spät, argumentierte die Stadt Soest, die sich mit Erfolg auf die Verjährungsfrist berief.

Unabhängig davon, ob es das Jugendamt damals versäumt hat, die Eltern umfassend aufzuklären, sagt Jürgen Winkler vom sozialen Dienst im Soester Rathaus: „Wir versuchen alles in Erfahrung zu bringen, was für die Gesundheit und Entwicklung des Kindes wichtig ist, und informieren potenzielle Pflegeeltern vollständig über unsere Erkenntnisse.“ Dieser Standard sei „ganz klar“ geregelt.

Trotz aller Enttäuschung und Härten: Die Adoptiveltern stehen weiterhin zu der heute 23 Jahre alten Tochter und sind auch vom Amtsgericht zu deren Betreuern bestellt worden, weil die junge Frau nicht geschäftsfähig ist. Die Klage um die 100 000 Euro Schadensersatz hatten sie nicht zuletzt aus Fürsorge eingereicht; das Geld war als Polster gedacht, wenn sie sich eines Tages nicht mehr selber um ihre Adoptivtochter kümmern können. - hs

Aktenzeichen 11 U 166/12

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