Krawalle liegen vier Jahre zurück

Überfall auf Soester Anwalt und BVB-Fans: Am Ende der Verhandlung gibt es nur feixende Gesichter

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Soest/Gelsenkirchen - Am Ende hat es nur feixende Gesichter gegeben: Bei den vier Angeklagten, mutmaßlichen gewaltbereiten Schalke-Hooligans, und ihren vier Anwälten. Vier Jahre hatten die Ermittler gebraucht, die Männer auf die Anklagebank zu bringen. Und von der sind sie gleich am ersten Prozesstag schnell wieder verschwunden.

Die Anwälte halten Staatsanwaltschaft und Gericht gleich ein ganzes Bündel an Formfehlern und Versäumnissen vor, so dass dem Amtsgericht Gelsenkirchen nichts anderes übrig bleibt, als schon nach wenigen Minuten den Prozess abzubrechen. 

Ob und wann es einen neuen Termin gibt, ist offen. Auf den Weg in den Pott haben sich am Freitag auch die beiden Soester BVB-Ultras gemacht, die als Zeugen gehört werden sollen. Bei dem von Krawallen und Ausschreitungen begleiteten Revierderby zwischen Schalke und Dortmund vor fünf Jahren hatten die beiden 25 und 26 Jahre „Fans“ kräftig mitgemischt. 

Dafür sind sie bereits zu Freiheits- und Geldstrafen verurteilt worden. Jetzt stehen sie als Opfer in Gelsenkirchen vor Gericht. Der überraschende Wandel vom Täter zum Opfer liegt bei den beiden Soestern vier Jahre zurück, als ihnen selber in Gelsenkirchen der Prozess gemacht wurde. 

Was war damals passiert?

Kaum war damals das Urteil gefällt, griffen die jetzt angeklagten rivalisierenden Schalke-Fans auf der Straße nahe des Gerichtsgebäudes die Soester an; so jedenfalls steht es in der Anklageschrift, die von versuchter körperlicher Misshandlung spricht. 

Die Soester saßen zusammen mit ihrem Anwalt im Auto und wollten zurück nach Soest, als eine zehn- bis fünfzehnköpfige Horde Vermummter den Wagen ausbremste und sofort mit Baseballschlägern auf das Auto eindrosch; die drei Soester konnten zum Glück ihre Haut retten, weil der Anwalt Vollgas gab und flüchtete.

Mittäter können nicht ermittelt werden

Vier aus der Horde, junge Männer zwischen 24 und 27 Jahren aus Gelsenkirchen, Recklinghausen und Arnsberg, stehen nun vor Gericht; gegen einen fünften (zur Tatzeit) noch jugendlichen Angeklagten wird in einem abgetrennten Verfahren vor dem Jugendgericht verhandelt. Die anderen Mittäter aus der Schlägergruppe konnten trotz jahrelanger Ermittlungen bis heute nicht zweifelsfrei identifiziert und überführt werden. 

Doch bevor die Verhandlung  in Gelsenkirchen am Freitag Fahrt aufnehmen kann, wollen die vier Anwälte unter Ausschluss der Öffentlichkeit nur mit dem Richter und dem Staatsanwalt reden, um womöglich einen Deal einzufädeln. Etwa dergestalt: Die Angeklagten geben ein bisschen was zu und kommen dafür mit einem blauen Auge davon. Offensichtlich ist dieses Gekungel gescheitert. Als die sechs Juristen in den Gerichtssaal zurückkehren, verliert keiner ein Wort über den Inhalt der geheimen Aussprache. Stattdessen wird das Klima von Sekunde an frostig. 

Ein Anwalt nach dem anderen trägt angebliche Unzulänglichkeiten im Vorfeld des Prozesses vor: Da sollen Ladungen die Rechtsanwälte nicht erreicht haben, da soll ihnen ein Teil der Akten nicht vorgelegt worden sein. Und besonders gravierend: Das gesamte, vierjährige Ermittlungsverfahren soll „rechtsstaatlich verzögert“ worden sein. 

„Lassen Sie sich Zeit!“ – „Garantiert nicht“ 

Mindestens die vergangenen zwei Jahre seien nur verplempert und kaum noch ermittelt worden. Quintessenz: Ein Anwalt fordert wegen dieser langen Dauer die Einstellung des Verfahrens. Der Richter indes lässt sich erst mal nicht beeindrucken und versichert den Anwälten: „Ich stelle Aktenvollständigkeit her.“ Darauf lakonisch ein Verteidiger: „Lassen Sie sich Zeit.“ Und die Antwort des Richters: „Das mache ich garantiert nicht!“

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