Brachland statt Gras

Gut gemeinte EU-Regel zwingt Landwirte, Grasäcker zu ruinieren

Trist, braun und abgestorben präsentiert sich dieser Acker im Süden von Soest.
+
Trist, braun und abgestorben präsentiert sich dieser Acker im Süden von Soest.

Braunes Brachland statt Gras: Eine gut gemeinte EU-Regel zwingt Landwirte dazu, ihre Grasäcker zu ruinieren.

Soest - Ingo Timmermann ist ein echter Naturfreund. Ihn hält auch ein Wetter wie das der zurückliegenden Osterfeiertage nicht von einem Spaziergang durch die weitere Peripherie ab. Was er dabei jedoch im Süden des Soester Stadtgebiets erblickte, verschlug ihm stärker die Sprache als jede Windböe: Ein Acker lag trist braun abgestorben vor ihm, während ringsum alles im satten Grün erstrahlte. Timmermann folgerte: „Hier wurde die Grasnarbe komplett totgespritzt!“ Im Umkehrschluss bedeutete dies auch für ihn „keine Chance für Insekten und Amphibien“, und er fragte sich: „Ist das zulässig?“

Die Antwort darauf in der Kurzfassung: Ja, ist es. Aber ganz so einfach ist die Sache dann doch nicht. Der Acker gehört einem Soester Landwirt, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Und der ist richtig verärgert über den Zustand seines Ackers, obwohl er ihn selber herbeiführte. Doch die EU lasse ihm keine andere Wahl: „Sie schreibt vor, dass auf einem Grasacker nach fünf Jahren eine andere Ackerkultur angebaut werden muss. Andernfalls wechselt diese Fläche automatisch den Status von Ackerland zu streng geschütztem Dauergrünland.“

Der Grund für diese im Rahmen der EU-Agrarreform 2013 eingeführte Regelung klingt zunächst plausibel und ehrenrührig: Die EU will artenreiches Grünland schützen und fördern. Also sollten die Landwirte diese Flächen nicht mehr umbrechen dürfen, „was in der Praxis jedoch bislang ohnehin kaum jemand tat“, meint der Landwirt. Die Regelung habe nun jedoch genau zum Gegenteil geführt.

EU-Regel: Das würde einen massiven Wertverlust bedeuten

Denn ein Acker, auf dem nur Gras wächst oder wachsen darf, ist viel weniger wert als gutes Ackerland, auf dem sich weit mehr anbauen lässt. Eine von der EU verordnete Umwidmung würde somit einen massiven Wertverlust bedeuten, „denn ich werde dort nie wieder Raps oder Getreide anbauen dürfen. Und viele Flächen, nach meiner Einschätzung die Hälfte in NRW, werden von den Eigentümern nur verpachtet und bringen dann nicht nur weniger Geld ein. Wenn das passiert, der Verkaufswert so stark sinkt, kann der Verpächter den Landwirt auf Schadensersatz verklagen. Als Landwirt muss ich also dafür sorgen, dass der Status erhalten bleibt.“
Daher bleibe der Branche also nur eine Option: Sie müssen eine völlig intakte Grasnarbe einmal komplett zerstören. Und sie dann wieder neu einsäen. In der Regel wird so eine Fläche einfach umgepflügt. Auf anderen Flächen ist der Soester Landwirt exakt so vorgegangen, und die fallen freilich natürlich nicht so ins Auge wie diese hier, „denn mit Pflügen kommen Sie hier nicht weit. Hier folgt schon auf wenige Zentimeter Boden ein recht steiniger Untergrund. Daher bleibt uns an dieser Stelle wirklich nur die Option, im sechsten Jahr eine andere Kultur anzubauen. In diesem Fall Hafer. Dazu nur den Boden etwas aufzureißen, reicht nicht.“

EU-Regel: Umsetzung ist Ländersache

Zumindest nicht in NRW. Die nationale Umsetzung der EU-Vorgaben ist nämlich Ländersache. So genügt in Bayern ein oberflächiges Bearbeiten der Grasnarbe. In NRW muss sie komplett vernichtet werden: „Das haben wir vor einigen Jahren auf einer anderen Fläche gemerkt, auf der Gras durchwuchs. Und als der technische Dienst der Agrarförderung überprüfte, ob wir wirklich auf unseren Flächen das anbauten, was wir angegeben hatten, fand er zwar die Ackerbohnen, aber auch das Gras. Und dann hat er gesagt: Das ist im sechsten Jahr Grasland. Und dann hat er es zu Dauergrünland erklärt. Er selber empfahl uns, Gras künftig totzuspritzen.“

Genau das hat er nun gemacht, und ihm selber blutet das Herz dabei: „Wir sind ein Betrieb, der sich für artgerechte Tierhaltung einsetzt, der Blühflächen anlegt und biodiversitätsfördernden Gemengeanbau von Mais mit Stangenbohnen betreibt. Wir verabscheuen diese Regelung und haben in Abstimmung mit der Landwirtschaftlichen Kreisstelle nach anderen Möglichkeiten gesucht. Doch uns sind die Hände gebunden. Wir hatten da eine richtig schöne Mischung aus Gräsern und Kräutern für unsere Kühe und ihre Kälber aufgebaut. Das kostet uns richtig viel Geld, das Herbizid ebenso wie die geliehene Spezialmaschine, die für das Einsäen des Hafers benötigt wird. Wenn der geerntet ist, säen wir wieder Gras ein, das dann auch erst wieder wachsen muss. Und es fehlt uns jetzt der Futterertrag dieses Ackers für ein Jahr.“

EU-Regel: Pflanzenschutzmittel soll keine Tiere direkt schädigen

Das eingesetzte Pflanzenschutzmittel soll zwar laut Hersteller angeblich keine Tiere direkt schädigen, meint der Landwirt, bedauert aber zugleich: „Sie haben auf jeden Fall aber ihren Lebensraum verloren und müssen auf die Nachbarflächen aufweichen.“
Allerdings will der Landwirt stolze 2500 Quadratmeter des gesamten Ackers in eine Blühfläche umwandeln. Das mag zwar nur einem Fünftel der Fläche entsprechen, jedoch: „Mehr als 20 Prozent dürfen wir leider nicht – das verbietet uns die Agrarförderung.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare