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Selbstversuch für einen Tag: So fühlt es sich an, alt zu sein

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Von: Marcel Voß

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Ob am Computer oder im Sport, ganz alltägliche Situationen werden durch den Alterssimulations-Anzug zur echten Herausforderung. © Dahm

Soest - Einen Tag lang „alt sein auf Probe“. Oder sich zumindest so fühlen. Möglich macht das ein Alterssimulations-Anzug, hergestellt von der Firma „PerspektivenPioniere“. Marcel Voß  stellte sich dem Selbstversuch und trug den Anzug für einen Arbeitstag. Im Folgenden berichtet er von seinen Eindrücken.

In den ersten Minuten fühlt sich die Alterssimulation zwar gewöhnungsbedürftig, aber relativ leicht an. Zahlreiche Gewichte beschweren die Füße, Oberschenkel und vor allem den Rumpf. Flexible Verbindungen zwischen Kopf und Schultern sowie zwischen den Händen und dem Oberkörper machen bedrückend unbeweglich. Das Schlimmste ist jedoch das Visier, durch das Sicht und Gehör eingeschränkt werden.

 Es sind keine Schmerzen, sondern vielmehr das Gefühl, als würde man stets einen mit Steinen gefüllten Rucksack mit sich tragen. Erste Wirkungen zeigen sich im Gang, besonders beim Treppensteigen. Die Füße sind so schwer, dass sie nach einer halben Stunde kaum angehoben werden können, über den Boden schleifen. Die Beine fühlen sich an wie nach drei Fußballspielen. Auch die gebeugte Körperhaltung macht sich bemerkbar. 

Hinzu kommt der Eindruck, dass die Schwerkraft den Träger des Anzuges gnadenlos auf die Erde ziehen will. Lesen und Schreiben gehören im Beruf des Journalisten zum Alltag. Beides wird vom verschwommenen Blickfeld aber massiv beeinträchtigt, als sähe man durch eine mit Honig beschmierte Brille. Eine Art Stechen im Kopf ist auf Dauer die Folge, so dass jede Aktivität mit der Zeit immer anstrengender wird. 

Das Empfinden mit dem Simulator lässt sich nicht mit einer Alterszahl beziffern. Allerdings lässt sich sagen, dass ganz „normale“ Dinge plötzlich nur schwer bis unmöglich machbar werden. PC-Arbeit mit Tastatur und Maus zählt ebenso wie die Bedienung des Smartphones dazu. 

Man kann nur froh sein, dass einem das Autofahren erspart bleibt – wer weiß, wie das enden würde? Allein schon das feste Greifen des Lenkrads ist eine fast unlösbare Aufgabe. Personen, die einen ansprechen, sind kaum erkennbar. Was sie sagen, ist größtenteils unverständlich leise.

 Motorische Tätigkeiten, wie das einfache Öffnen von Verpackungen, beispielsweise Tabletten oder Bonbons, sind eine große Herausforderung. Nach ein paar Minuten Bewegung oder Stand kommt automatisch das Verlangen, sich hinzusetzen und auszuruhen. Es braucht mehrere Pausen zur Erholung. Und viel fremde Hilfe bei den einfachsten Sachen, wie der Kleingeldsuche an der Supermarkt-Kasse. Zu Beginn wurde die eigene Kondition noch überschätzt, doch jede Stunde fühlt sich an wie zwei und bewirkt mehr und mehr Demut. Natürlich hängt der tatsächliche Zustand individuell von der persönlichen Fitness ab; es gibt durchaus auch 80-Jährige, die dennoch sportlich sind und zum Beispiel laufen, kochen, Auto fahren.

Als ein sehr interessantes und spannendes Experiment zu Ende ging, war ich um eine Erfahrung reicher. Ich habe keine Angst vor dem Älterwerden, sondern mehr Mitgefühl mit denjenigen, die das 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche durchmachen. Denn ich war innerlich noch positiv gestimmt, weil ich jederzeit wusste: Gleich kann ich den Anzug ablegen und wieder jung sein. Und genau das können Senioren eben nicht... Deshalb: Respekt!

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