Elektromobilität 

Wir machen den Tesla-Test im Kreis Soest - eine Sache macht wenig Spaß

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Banger Blick auf die Anzeige: Noch ist das Ladenetz im Kreis Soest nicht ausreichend ausgebaut, um dem erwarteten Anstieg der E-Fahrzeuge ausreichend Ladestationen zu bieten. Doch in diesem Fall dürfte der Fahrer bei 53 Prozent noch ziemlich entspannt sein.

Soest - Erst die Beschleunigung, dann ein ganz neues Gefühl der Lässigkeit. Wer ein E-Auto fährt, muss sich auf Gefühlsschwankungen einstellen. Ein Test.

Die Gedanken schweben. Lautlos gleite ich dahin auf der Landstraße, mit 70. Ein Blick auf die Akkuanzeige macht die Entspannung perfekt -- bis nach Hause schaffe ich es locker. Zeit genug also, um Erinnerungen hervorzuholen. Wie war denn das noch gleich, die Sache mit dem Test eines E-Autos? Bilder tauchen auf: Ein Mittelklassewagen sollte es sein, aber dann ist bei den Soester Stadtwerken nur der Tesla verfügbar. 

Ich gebe zu: Der Start in meinen E-Auto-Test im „Model 3“ gefällt mir. Nach der Einweisung klingelt mir aber erstmal der Kopf: Eine Chipkarte ersetzt den Schlüssel, ein großes Display übernimmt so gut wie alle Einstellungen – und wie ging das gleich noch mit der Automatik? Los geht´s. Die erste Erfahrung: Legt die E-Auto-Branche bei der Markteroberung eine solche Beschleunigung vor wie der Tesla, dann müssen sich die Benziner warm anziehen. 

Tesla-Test im Kreis Soest: Das macht Spaß

Keine Frage: Das macht echt Spaß. Oder wie es über der aktuellen Geschwindigkeit ganz hipp angezeigt wird: Das ist echt „lässig“. Lässig, weil sich nach dem ersten Beschnuppern die Vorzüge des Fahrzeugs aufdrängen: Der mit zwei Elektromotoren ausgestattete Wagen schwebt mit seinen deutlich mehr als 300 PS fast lautlos übers Pflaster. 

Das entspannt zum Ausprobieren der vielen Funktionen: Dem Karaoke-Singen bekannter Gassenhauer wie „99 Luftballons“ an der Ampel zu Beispiel – oder das Ersetzen der erwähnten Stellungen durch den Begriff „Sportlich“. Letzteres hat Folgen: Schon beim Ansehen des Gaspedals haben jetzt Geschwindigkeitsbegrenzungen das Nachsehen. 

Ganz ehrlich: Wer es wagt, das Pedal ganz durchzudrücken, wird an schönste Karussell-Erlebnisse erinnert, inklusive leichtem Unwohlsein in der Magengegend. Unwohlsein verursacht auch die Anzeige für den Batterieladestand. Den befällt an kalten Novembertagen bei eingeschalteter Sitzheizung, lauter Musik und sportlicher Fahrweise die Schwindsucht. 

So bleiben von den 500 Kilometern Reichweite nach Ausflügen nach Bad Sassendorf, Erwitte und Welver nur noch 36 Prozent übrig. Jetzt ist es Zeit, die Sitzheizung auszuschalten und beim Fahren zurückzuschalten auf „lässig“. Die neue Lässigkeit tut gut, irgendwie stellt sich ein Wohlgefühl ein. 

Tesla-Test im Kreis Soest: Das macht wenig Spaß

Sanft, fast lautlos gleite ich zum Tanken ans Soester Kreishaus. Im Gepäck eine Kreditkarte, um das kostenlose Angebot der E-Ladesäule zu Entsperren, im Kofferraum das unentbehrliche Ladekabel. Das nenne ich gute Vorbereitung. Dann holt mich die Realität ein: Beide Ladeplätze sind belegt – und mein Plan des Mittagessens bei gleichzeitiger Bestromung ist gescheitert. Ich fahre zum Rathaus. Doch da ist Weihnachtsmarkt. Wieder kein Glück. 

Die Batterie hat noch 21 Prozent. Ich habe Hunger. Ich entscheide mich für mich und gegen den Tesla. Nach dem Essen gönne ich mir einen Kaffee. Und sinniere über die Vor- und Nachteile elektrischer Antriebe. Dem lässigen Wohlgefühl gleitender Fortbewegung steht eine deutlich größere Planung fürs Aufladen entgegen. Das Fahren dagegen macht Freude. Schön auch: Die kleinen Überraschungen des Autos.

Tesla-Test im Kreis Soest: Vor- und Nachteile

So befindet sich unter der Motorhaube ein kleiner Kofferraum, den mein Sohn sofort zu seinem persönlichen Eigentum erklärt. Und meine Tochter ist ganz hingerissen von den Funktionen des großen Displays, von Karaoke und Internetzugang. Erstmal haben jedenfalls alle Gesprächsbedarf. 

Den gibt es auch bei den Zufallsbegegnungen während der Probefahrt: „Das hatte ich auch schon“, tröstet mich ein Fußgänger, als ich vor der belegten Ladesäule am Kreishaus stehe. In spätestens vier Stunden sei hier wieder Platz, lächelt er vielsagend. „Wussten Sie, dass bei der Produktion eines Tesla-Motors so viel CO2 produziert wird wie ein Diesel bei 170 000 Kilometern Fahrleistung ausstößt?“, bekomme ich andernorts mit auf den Weg. 

Ein Blick unter die Motorhaube des Tesla gibt den Blick frei auf den Lieblingsspielplatz von Marco.

Oder ich werde mit dem Hinweis entlassen, dass Feuerwehren eine ganz neue Ausrüstung brauchen, um ein E-Auto zu löschen, falls er einmal brennt. Nee, wusste ich alles nicht. Mir kommt die Erkenntnis: E-Autos bewegen. Auch die Gemüter. Zurück im Gleitmodus des Wagens erwache ich aus den Erinnerungen. Jetzt gebe ich den Wagen wieder ab. Bei den Stadtwerken. Draußen hängt ein großes Schild, das für Ökostrom von nebenan wirbt. Damit wird der Wagen jetzt wieder vollgetankt. Ich steige in meinen Benziner. Zugegeben: mit einem leicht schlechten Gewissen.

Kaufprämie

Gute Nachrichten für Käufer von E-Autos: Die Kaufprämie wird bis 2025 verlängert. Bund und Autoindustrie wollen jeweils zur Hälfte die Kosten übernehmen, an Bundesmitteln sind 2,09 Milliarden Euro eingeplant. Konkret soll der Zuschuss bei E-Fahrzeugen bis zu einem Nettolistenpreis von 40 000 Euro (beispielsweise für den neuen VW ID.3) von 4000 auf 6000 Euro und bei Fahrzeugen bis zu einer Grenze von 65.000 Euro auf 5000 Euro steigen. Bei Plug-in-Hybriden soll der Zuschuss auf 4500 (Neupreis bis 40 000 Euro) und 3750 Euro (Neupreis bis 65 000 Euro) steigen.

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