Heimat - ein Wort mit vielen Bedeutungen

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Sandra del Pilar fühlt sich überall zu Hause -  ob  in ihrem Atelier in Hattrop (Bild), in Paradiese, Cuernavaca oder Mexiko City.

Soest - Ahmad Fuda und Sandra del Pilar stammen beide nicht aus Deutschland. Er wurde in Syrien geboren, sie in Mexiko. Das Wort "Heimat"  hat für sie unterschiedliche Bedeutung. 

Was gibt einem Menschen das Gefühl, nach Hause zu kommen oder zu Hause zu sein? Wieso wächst die Verbundenheit zu einigen Orten oder Regionen und zu anderen nicht? Ist es eine Frage der dort verbrachten Zeit oder der Menschen, mit denen man sie geteilt hat? Zwei Soester geben Antworten. Beide leben und arbeiten hier, beide wurden aber fernab der Börde geboren: in Syrien und in Mexiko.

Ahmad Fuda ist ein leiser junger Mann – oder vielleicht ist er einfach nur leise geworden. In ihm aber ist es oft laut. Und dunkel: Wenn die Gedanken kommen an die ersten 21 Jahre seines Lebens. An die Jahre seiner Kindheit und Jugend in Damaskus – eine der ältesten Städte der Welt, kulturelles und religiöses Zentrum des Orients, Millionenmetropole und Hauptstadt Syriens. Und die Stadt, die für Ahmads Familie der Ort war, wo sie Zuflucht fand, nachdem sie ihre Heimat Palästina verlassen mussten.

Die Heimat, die Ahmad nur aus Erzählungen kennt, aus den Nachrichten, wenn die Gewalt dort wieder neue Opfer gefordert hat – und die ihm nie zur Heimat werden konnte. „Zu gefährlich“, antwortet er nur, wenn er auf die Frage einer möglichen Rückkehr dorthin angesprochen wird. „Zu gefährlich.“ Und Damaskus? Dort ging er zur Schule, wurde Teenager, studierte Medizintechnik, ging abends aus mit Freunden. Und doch: „Ich bin immer ein Flüchtling geblieben“, sagt der junge Mann, hier vor einem Cafe in der Soester Altstadt, in der ersten Frühlingssonne.

Ahmad Fuda wuchs auf in Damaskus und lebt jetzt in Soest. Heimat ist für ihn keine der beiden Städte. Zur Vollansicht des Fotos klicken Sie bitten oben rechts.

So blieb er staatenlos, erlebte Diskriminierung im Alltag, größere und kleinere – und dann den Anfang des Bürgerkrieges. Reden will er über die Schrecken, deren Zeuge er wurde, eigentlich nicht, aber in einigen wenigen Erinnerungen, die er teilt, wird die tiefe Erschütterung deutlich, die ihn heute noch nächtelang wach hält. Die ihm Angst vor dem Bösen macht, zu dem Menschen fähig sind. Und deren Präsenz keine geografische Distanz mildern kann. Diese Erschütterung trieb ihn aber auch an, trieb ihn in die Flucht – auch die eine Serie von brutalen und schmerzhaften Momenten, die er nicht hinter sich lassen kann. 

Er wollte nach Deutschland, das Land seines Lieblingsvereins Bayern München, dessen Spiele er in Syrien bei jeder sich bietenden Gelegenheit verfolgt hatte. Das Land mit reicher Kultur, Chancen auf Wohlstand. Und Sicherheit. Und er schaffte es, 2016 erreichte er sein Ziel.

Vielleicht wird Deutschland zu meiner Heimat, wenn ich hier wirklich ein eigenes Leben habe Ahmad Fuda Seitdem lebt er in Soest, tatsächlich angekommen aber, wirklich heimisch geworden ist er hier nicht. Dabei hat er gute Freunde gefunden, schnell Deutsch gelernt, Pläne geschmiedet. Aber Heimat? „Nein, ich kann nicht sagen, dass das hier schon meine Heimat geworden ist“, wird die Stimme noch ein wenig leiser. Dazu hängt er noch viel zu sehr am Tropf der Bürokratie, wird ausgebremst von unzähligen Regelungen und Vorschriften, die seinem großen Elan, sich hier ein neues Leben aufzubauen, in schöner Regelmäßigkeit Tiefschläge verpassen. 

Studieren will er wieder – aber seine beiden Semester, die er in Syrien bereits absolviert hat, werden hier nicht anerkannt. Das gilt auch für seine Fachhochschulreife – er muss hier noch einmal ganz von vorne anfangen, hofft darauf, dass es da bald endlich, nach fast drei Jahren in Deutschland, für ihn vorangehen wird. 

Und: Den geborenen Städter zieht’s in die Stadt. In Hamburg würde er gerne leben, die Hansestadt hat es ihm angetan – den Behörden nicht. Bis auf Weiteres muss er in Soest bleiben. Gleichzeitig entfernt sich Damaskus mit jedem Tag mehr von ihm. Wenn er mit seinen Eltern und Geschwistern oder auch mit alten Freunden spricht, die zurückgeblieben sind, wird das Gefühl der Entfremdung mit jedem Mal stärker. Der Krieg macht eine Pause in der Hauptstadt, soviel weiß er. Aber was zerstört wurde, bleibt zerstört. 

Heimat? „Vielleicht wird Deutschland zu meiner Heimat, wenn ich hier wirklich ein eigenes Leben habe“, hofft Ahmad. Und meint einen Beruf, eine Familie, Freunde, die Fußballspiele seiner Bayern am Wochenende. Die Hoffnung darauf lebt, die Sehnsucht danach ebenfalls – endlich anzukommen in einer Heimat, die er bislang noch nie hatte. Mit viel Gepäck, das seine Seele zu tragen hat – und der Kraft, die daraus wachsen kann und die die Last langsam leichter werden lässt. Irgendwann. Vielleicht.

Sandra del Pilar ist eine Frau, die viel lacht. Und die viel hat: Talent – die 46-Jährige ist ein höchst kreativer Geist, erfolgreiche Malerin – Ehemann, Tochter, ausreichender Wohlstand, ein großer Freundeskreis, alles da. Anerkennung und Wertschätzung ebenfalls. Und nicht nur eine Heimat, in der sie wirklich zu Hause ist, sondern zwei. Mindestens. Denn eigentlich, sagt sie, ist sie überall zu Hause. Vor allem aber in Mexiko, ihrem Geburtsland, wo sie seit vielen Jahren das Winterhalbjahr verbringt, und in ihrer Wahlheimat Deutschland. 

„Ganz bewusst auseinandergesetzt mit dem Thema Heimat habe ich mich hier in Deutschland eigentlich erst vor einigen Jahren bei meinem Kunstprojekt Vaterlandsallegorien“, erinnert sie sich. Damals sei ihr klar geworden, wie „verkrampft“ viele Deutsche würden, wenn sie auf „ihre Heimat“ zu sprechen kommen – und wie entspannt im Gegensatz dazu Mexikaner bleiben. Das zeige sich zum Beispiel in Liedern und Tänzen, einem vor allem musikalisch gefüllten regionalen „Kulturpool“, der allen bekannt sei und aus dem bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit großer Freude geschöpft werde – vom Opa und der Enkelin über Generationengrenzen hinweg, von Freunden oder Menschen, die sich eben noch völlig fremd waren. Das ist ihr nahe

„Ich habe mich nie anders gefühlt“, nennt sie das. „Anders“ fühlt sie sich allerdings auch nicht in Deutschland, bei aller Unterschiedlichkeit zu Mexiko. „Ich habe in Mexiko keinen Freundeskreis mit Ausländern und hier ebenfalls nicht“, sieht sie auch darin ein Indiz, in beiden Ländern keinerlei Defizite oder gar Sehnsucht nach dem jeweils anderen zu haben. Sich auskennen, Menschen um sie herum zu haben, die sie mag und die ihr das Gefühl geben, willkommen zu sein, ihre Arbeit – daraus ist für Sandra del Pilar das „Schneckenhaus“ gemacht, in dem sie es sich gemütlich machen kann, das sie überall in die Welt mitnimmt und das für sie Heimat ist. 

Unterschiede hebt das aber nicht auf, natürlich nicht. „Ich male völlig anders in Mexiko als in Deutschland“, sagt sie – ohne dieses Andere in konkrete Kategorien fassen zu können: „Ich sehe den Bildern an, wo sie entstanden sind, weiß aber weder, warum das so ist, noch woran ich das festmachen kann“. Ein Beispiel nennt sie dann aber doch. In Mexiko hat sie eine Serie von Bildern für eine große Ausstellung unter dem Titel „Geschichte auf der Haut“ gemalt – und dafür Menschen auf diesen Bildern mit Motiven „tätowiert“, die für alle Mexikaner „Identität stiften“. Geschichte, Heimat geht so auf der Haut unter die Haut. 

Die Idee, das Projekt in Deutschland fortzusetzen, gab sie schnell auf: „Es geht einfach nicht. Es passt nicht. Und ich weiß nicht einmal warum“. Durchaus Erklärungen hat sie aber für ihr eigenes entspanntes Verhältnis zur Heimat: Das Reisen in unterschiedliche Kulturkreise war immer Teil ihres Lebens, äußerlich fällt sie in vielen Regionen dieser Welt nicht als „total anders“ auf – und nicht zuletzt die Gewissheit, schon bald wieder zu Hause in Mexiko oder zu Hause in Deutschland zu sein, all das macht es ihr wohl leichter, nirgendwo völlig fremd zu sein.

 Nicht nur einfach ist für sie aber jede Rückkehr in ihre Ateliers in Hattrop und Cuernavaca nach längerer Abwesenheit: „Ich brauche dann jedes Mal ein paar Wochen, bis ich in jeder Ecke wieder meine Spuren hinterlassen habe und die Räume meine Gegenwart atmen“, beschreibt sie das. Erst wenn das wieder der Fall ist, kann sie mit der Arbeit beginnen. Und malen. Bis zum nächsten Abschied, der dann schon die Freude aufs Ankommen in sich trägt.

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