Seit 1986

Soester Verein setzt sich für ein Umschalten in der Energieversorgung ein

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Manfred Einerhand, Judith Tornau-Opitz, Magdalene Becker-Raulf und Werner Metzger vom Verein Umschalten in der Energieversorgung setzen sich dafür ein, weniger Energie zu verbrauchen und auf Kohle und Strom zu verzichten, dafür mehr Strom aus Wind und Sonne zu gewinnen. 

Soest – Der Verein Umschalten in der Energieversorgung Soest gründete sich zunächst 1986 als Bürgerinitiative nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, 1992 wurde aus der Initiative der Verein. Ziel des Vereins ist eine Wende in der Energieversorgung. Der Verein forderte und fordert, sich endgültig von der fossilen, konventionellen Großkraftwerkstechnologie, die über Kohle und nicht beherrschbare atomare Energie betrieben werden, zu verabschieden.

Die Mitstreiter setzen sich für eine alternative und dezentrale Energieversorgung ein, die über erneuerbare Energien mit Hilfe von Sonne, Wind, Wasser, und Geothermie gewonnen wird. Im Zuge dessen setzt sich der Verein auch für Energieeffizienz und Energiesparen ein. Der Verein hat einen dreiköpfigen gleichberechtigten Vorstand. Jetzt hat es einen personellen Wechsel gegeben: Der seit vielen Jahren im Vorstand aktive Manfred Einerhand tritt mit beratender Funktion ins zweite Glied zurück. Neben dem bewährten Vorstand von Magdalene Becker-Raulf und Werner Metzger ist nun Judith Tornau-Opitz dem Trio beigetreten. Astrid Gunnemann sprach mit ihnen über Erreichtes und neue Ziele des Vereins.

Was hat der Verein Umschalten in der Energieversorgung in den vergangenen 28 Jahren für Soest erreicht?
Magdalene Becker-Raulf: Zunächst haben wir uns im Jahr 1987 stark für die Errichtung von Windkraftanlagen eingesetzt. Auf der Haar haben wir Windmessungen durchgeführt und dadurch belegt, dass Windkraft auch im Binnenland rentabel ist. Wir haben viele Vorträge zum Thema Windkraft organisiert, da hatten wir volle Säle. Viele haben sich für Windkraft interessiert. Schließlich haben sich 60 Darlehensgeber zusammengetan und auf dem Biohof Leifert in Berlingsen die erste Windkraftanlage errichtet. Die lieferte damals 150 000 Kilowattstunden Strom Jahresleistung. Heute bringen die Anlagen das 40-fache! 

Judith Tornau-Opitz:
Außerdem haben wir uns für den Bau von Photovoltaikanlagen (PV) stark gemacht und Schulen wie das Archigymnasium und die Petri-Grundschule im Jahr 2000 dabei unterstützt, eine PV-Anlage auf den Dächern zu bauen. Wir haben auch durchgesetzt, dass auf dem Dach der Kreiskirchenamtes eine PV-Anlage installiert wurde – die sind wegen der Alststadtsatzung dort verboten, wo man sie sehen kann. Aber dort oben auf dem Dach ist sie von unten unsichtbar. Bei vielen Solar-Stammtischen haben wir Bürger über PV-Anlagen beraten. Später haben wir auch Vorträge über Biogasanlagen und Exkursionen dorthin angeboten.

Werner Metzger: Wir haben einen Antrag auf einen Energieberater bei den Stadtwerken gestellt, der dann 1993 auch kam. Anfangs fuhr er mit einem Beratungsbus umher, später saß er im Energieberatungszentrum in der Teichsmühle. Es geht auch auf unsere Initiative zurück, dass die Stadt Energiespar-konzepte erstellt und mit den Jahren auch umgesetzt hat, zum Beispiel an Schulen und öffentlichen Gebäuden. Unser Verein handelt in etwa so wie ein Träger öffentlicher Belange und gibt Anregungen im Rahmen der Bauleitplanung. Jeder Bürger, den das Thema interessiert, kann an unseren Energiestammtischen teilnehmen, wo übers ganze Jahr verteilt regelmäßig Fachleute und Wissenschaftler Vorträge halten.

Was ist heute, nach dem von der Regierung beschlossenen Atomausstieg, das wichtigste Ziel des Vereins?
Manfred Einerhand: Zunächst ist es weiterhin wichtig, dass sich Menschen für dieses Thema engagieren. Vor allem brauchen wir junge Mitstreiter. Der Name Umschalten in der Energieversorgung war 1986 sehr bewusst gewählt. Uns war klar, dass man Atomkraftwerke nicht einfach abstellen kann, sondern dass stattdessen viele Maßnahmen notwendig sind. Dazu zählen: eine Co2-freie oder arme Energiegewinnung durch regenerative Ernergie wie Wind, Sonne und Biogas, Energieeffizienz und Energiesparmaßnahmen, Energiekonzepte im lokalen Raum, Bildung und Information.

Tornau-Opitz:
Im September steht die Kommunalwahl an. Wie auch schon bei der Bundestagswahl werden wir mit „Energiebausteinen“ die Wähler über wichtige Fragen hinsichtlich des Erreichens der Klimaziele auch für Soest informieren. Jeder Wähler sollte die Parteien fragen, welche Energiekonzepte sie haben. Hinzu kommt der Aspekt der weltweiten Nachhaltigkeit, was bedeutet, dass es nicht mehr nur darum gehen kann, für Deutschland eine Co2-Neutralität herzustellen, sondern dass die Belange der Menschen weltweit unter dem Aspekt der Ressourcen- und Verteilungsgerechtigkeit gesehen werden müssen. 

Was sollte Ihrer Meinung nach jeder Einzelne tun, um mit Energie sparsam und sensibel umzugehen?
Tornau-Opitz: Grundsätzlich steht jeder für sein Handeln gerade: kaufe ich neue Schuhe oder besohle ich die alten neu, nehme ich das unverpackte Produkt oder das günstigere eingeschweißte? Bevor man etwas neu kauft, sollte man sich fragen: Nutze ich, was ich habe, kann ich es leihen, tauschen, gebraucht kaufen oder selber machen?

Manfred Einerhand: Es ist wichtig, dass sich jeder bewusst wird, dass er einen Beitrag zur Schonung der Umwelt leisten kann. Das fängt zu Hause an. Ein Hausbesitzer kann zahlreiche Energieeinsparmöglichkeiten überprüfen: Das Haus dämmen, neue Heizungsanlagen und Regler einbauen, LEDs wählen. Dabei helfen die Energieberater der Verbraucherzentrale gerne. 

Wie schätzen Sie die Entwicklung der E-Mobilität für unsere Region ein?
Becker-Raulf: Im Handwerks- und Dienstleistungsbetrieben, in denen die Autos täglich kürzere Strecken fahren, zeigt sich, dass E-Autos nicht nur für das Klima schonender sind und die Luftverschmutzung in den Städten senken, sondern auch viel kostengünstiger sind. Dazu haben wir am 20. April beim Energiestammtisch einen überzeugenden Erfahrungsbericht.

Tornau-Opitz: Wichtig ist: Der Strom muss grün sein. Weniger Automobil ist allemal besser. Am Besten für die Umwelt ist immer noch das Rad oder zu Fuß gehen. Außerdem: Steigen plötzlich alle auf E-Autos um, kann gar nicht so viel Strom erzeugt werden. Wie ist es um Photovoltaikanlagen bestellt? Lohnt sich die Installation für Privatleute noch?

Einerhand: PV-Anlagen sind in den vergangenen Jahren deutlich preisgünstiger geworden. Dadurch erzeugen sie zu günstigen Konditionen erneuerbaren und fast Co2-freien Strom. Gleichzeitig sind die Umsätze bei privaten Hausanlagen sehr gering geworden, so dass nur ein kleiner Nebenverdienst übrig bleibt. Aber für den Stromverbrauch im eigenen Haus ist eine eigene PV-Anlage perfekt. 

Thema Windkraft: Was sagen Sie zu dem immer größer werdenden Widerstand der Anwohner gegen große Anlagen?
Einerhand: Wenn die Frage auf die Situation in Müllingsen zielt, bin ich der Meinung, dass die vorhandenen Anlagen aus Nachhaltigkeitsgründen noch zehn Jahre weiter betrieben werden sollten. Sie sind noch intakt und wirtschaftlich. Die großen Anlagen bieten aber den Vorteil, dass durch weniger Anlagen mehr Strom erzeugt wird. Inzwischen muss man so groß planen, sonst rechnet es sich nicht mehr. Nach Kohle und Atom-Ausstieg kann man nicht auf die Windkraft verzichten. Es ist die Energie, die viel Leistung bringt.

Metzger:
Gut wäre es, wenn es keine Einzelbetreiber gebe, sondern das ganze Dorf an der Anlage – und auch am Gewinn – beteiligt wäre.

Wie sieht es mit der Co2-Bilanz in Soest aus? Was muss die Stadt in Sachen Energie und Klima dringend auf den Weg bringen?
Metzger: Zu diesem Thema werden wir im September einen Energiestammtisch mit dem Klimaschutzbeauftragten des Kreises Soest veranstalten. Wir fordern: Die Installationen von PV-Anlagen auf städtischen Gebäuden und dass sich verstärkt Bürgerbetreibergesellschaften für PV-Anlagen gründen. Die Innenstadtsatzung soll geändert werden, so dass außer für den Denkmalschutz keine Einschränkungen mehr für ihre Anbringung in der Innenstadt entstehen. Wir möchten mehr Radwege und ein Radparkhaus am Bahnhof, den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und ein Bürgerbus für die Ortsteile. Die Energieeffizienz in städtischen Gebäuden sollte weiter verbessert werden. Neubaugebiete sollten so ausgerichtet werden, das PV-Anlagen sinnvoll gebaut werden können.

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