Musikverein begeistert mit Oratorium Jephta

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Chor und Projektorchester des Städtischen Musikvereins interpretierten das großartige Musikstück vor allem als theatralisches Bühnenwerk.

Soest. Die Besucher, die sichzur Aufführung des Händel-Oratoriums „Jephta“ durch den Chor und das Projektorchester des Städtischen Musikvereins in der Neu-St.Thomä-Kirche einfanden, sahen sich positiv überrascht, denn die Darsteller interpretierten das großartige Musikstück vor allem als theatralisches Bühnenwerk.

In London, wo er seit 1710 lebte, schrieb Händel seine 22 Oratorien, von denen Jephta 1752 den Schlusspunkt setzte. Friedrich von Mansberg, der auch den Solopart des Zebul übernahm, inszenierte als Regisseur diese biblische Geschichte eines israelischen Kriegshelden, dessen Gelübde jedoch seiner geliebten Tochter das Leben kosten soll, grandios als moderne Oper. 

So wurde schon mit der Ouvertüre der Chor als Volk Israels in das Bühnengeschehen einbezogen. Dabei war auch die hervorragende sängerische Leistung des Chors des Städtischen Musikvereins Soest ein wesentlicher Pfeiler dieser großartigen Inszenierung. 

Melodienbögen präzise ausgesungen Die einzelnen Melodiebögen wurden äußerst präzise ausgesungen und selbst die leider zahlenmäßig schwach besetzten Männerstimmen konnten sich in den vielen kontrapunktischen Einsätzen der prachtvoll-barocken Choräle gut gegen die klar intonierenden Frauenstimmen durchsetzen. Michael Busch hielt als Dirigent und musikalischer Leiter klanglich stets eine ausgewogene Balance zwischen Chor, Solisten und dem Projektorchester, welches trotz seiner kleinen Besetzung eine dynamisch vielseitige und kraftvolle Instrumentalbegleitung realisierte.

 Die bestens aufgelegten Gesangssolisten hatten nicht nur die oft sehr schwierigen weil kolloraturreichen Arien des berühmten Barockkomponisten engagiert zu singen. Sie mussten dazu auch eine überzeugende Schauspielerleistung auf der Bühne zeigen, die den gesamten Zuschauerraum einbezog. 

Die Regieidee, Chor und Solisten durch die gleiche schwarze Kostümierung als Teil des einen israelischen Volkes darzustellen, aus dem sich die Solisten nur durch ihre zeitweiligen Arien herausheben bildet den optischen Brückenschlag in die heutige demokratische Gesellschaft, der die Handlung erfrischend entstaubte. Mit ihrer Arie „Schreckensbilder“ brachte Cornelia Fisch als Storgé, der Frau des militärischen Anführers Jephta, zum ersten Mal die leidvolle Dramatik der nachfolgenden Handlung auf die Bühne. 

Diese Arie forderte mit ihren Wechseln in die hohe Kopfstimme und feinen Nuancierungen im Ausdruck nicht nur eine grandiose Gesangstechnik, sondern musste auch in opernhafter Gestik der verzweifelten Lage Storgés Ausdruck verleihen, was der Sängerin hervorragend gelang. Dazu verwandelte sich ihr kampfbereiter Mann Jephta von einem Bürger der Stadt auch äußerlich in einen Soldaten. Die Schrecken des Krieges und die Traumatisierung der Kämpfer, wie Jephtas Schwiegersohn Hamor, interpretierte Daniel Tappe mit einem an Ligeti erinnernden Orgelzwischenspiel, bei dem sich sukzessive Liegetöne zu einem dramatisch schwebenden Cluster verdichteten, der am Ende in einem beschwichtigenden Choral zusammenbricht. Ein atmosphärisch gelungener Bezug in die Gegenwart. In den Quartetten der Solisten kam die ausgewogene Farbmischung der einzelnen Stimmen sehr gut zum Ausdruck. So ergänzten sich im Quartett „Verschone die Tochter“ die weiche Stimme Michael Rapkes als Hamor, die Härte von Fr. v. Mansberg als Zebul mit der Klarheit von C. Fisch’s Storgé und der dynamisch kraftvoll auftretende M. Connaire als Jephta vortrefflich. Der dazu eindringlich intonierende Chor und das mit einem dramatisch pulsierenden Auftaktrhythmus agierende Orchester unterstützten die sich dramatisch fokussierende Handlung auf der Bühne.

 Am Ende brillierten noch einmal die beiden Hauptfiguren Jephta (M. Connaires) und seine Tochter Iphis in zwei Arien, die außergewöhnliche Leistungen der Sänger verlangten. So pendelte Jephtas Arie zwischen zärtlichen flehenden Passagen und quälendem Aufbegehren, da er seine Tochter töten muss. Eindringlich und klar interpretiert Eindringlich und klar interpretierte Vera Filipponi die Schlussarie der Iphis. Ein Engel, kraftvoll gesungen von Sarah Längle erlöst schließlich Vater und Tochter aus diesem Dilemma.

 Die Zuschauer waren sich am Ende einig, einer seltenen und grandios gelungenen Aufführung des Händel-Oratoriums beigewohnt zu haben. Die Aufführenden wurden erst nach langen Ovationen von der Bühne entlassen. Man darf sich hoffentlich auf weitere Projekte mit den beteiligten Akteuren freuen.

Dr. Peter Schmitz

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