Ulrich Engelmann: "Bau und Fall der Mauer prägen unser Familienschicksal"

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Ulrich Engelmann hat seine Papiere aus der früheren DDR, die er als Jugendlicher verließ, bis heute aufbewahrt.

Soest. Ulrich Engelmann hat die Worte seines Vaters, die ihn wie aus heiterem Himmel trafen, nie vergessen: „Junge, zieh dich an. Wir fahren nach Berlin.“ Das war in Potsdam, im August 1961, zwei Tage bevor Grenzpolizisten damit begannen, die die Sektoren abzuriegeln und das letzte Schlupfloch in den Westen schlossen. Tausende von Bürgern hatten damals schon den Arbeiter - und Bauernstaat verlassen. Ein Leben in Unfreiheit? Eingesperrt sein? Der Vater ahnte, was kam und entschied sich schweren Herzens, im letzten Moment alles stehen- und liegen zu lassen und mit der Familie heimlich fortzugehen. 

Heute, 30 Jahre nach dem Fall der Mauer, sagt Ulrich Engelmann, der in Soest heimisch wurde, dessen Herz aber auch nach wie vor für die ehemalige Residenzstadt an der Havel schlägt: „Es ist ein Wunder, dass wir ohne einen Schuss und Blutvergießen die Wiedervereinigung erleben durften.“

Erklärt er Schülern, was damals passierte, wie sehr die Menschen unter der Spaltung litten, was dann in der friedlichen Revolution geschah, spricht er einen deutlichen Appell aus: „Setzt euch für die Demokratie ein.“ Mit Montagsdemos und Massenfluchten zwangen die DDR-Bürger ein Regime in die Knie. Jeder weiß wohl, wo er sich gerade aufhielt, als Politbüro-Mitglied Günter Schabowski auf die Frage eines Reporters, wann die beschlossene Reiseregelung in Kraft trete, die knappe Antwort gab: „Nach meiner Kenntnis sofort, unverzüglich.“ Ulrich Engelmann erinnert sich an ein unbeschreibliches Glücksgefühl und die Emotionen, die ihn in den Wochen und Monaten nach dem historischen Tag immer wieder erfassten: „Endlich wieder vereint.“ 

Er berichtet auch von den Tränen, die vor Rührung und Freude über die überwundene Trennung flossen: „Wir haben Rotz und Wasser geheult.“ 

„Wir sind so dankbar“, betont der Soester. „Bau und Fall der Mauer prägen unser Familienschicksal“, fügt er nachdenklich hinzu. 

Eine braune Aktentasche aus Leder hütet er er wie einen Schatz. Darin steckten damals die wichtigen Papiere, die die Familie für ihren Aufbruch brauchte. Seine Fahrkarte in die Freiheit hat der „Republikflüchtling“ eingerahmt, Datum, Start und Ziel in seinem Gedächtnis gespeichert: 11. August 1961, Potsdam – Berlin. „Am 13. August“, schildert er, „entschlossen wir uns endgültig, nicht mehr zurückzukehren. Wir meldeten uns in Berlin-Marienfelde, in dem großen Flüchtlingslager, bei den Westbehörden an.“

 Soest wurde Ulrich Engelmann zur zweiten Heimat.  „Ich liebe diese Stadt voller Überzeugung“, betont er, und ist glücklich, schon vielen Soestern sein schönes Potsdam gezeigt zu haben. Soests früherer Kreisheimatpfleger Peter Sukkau kennt Ulrich Engelmann gut. Der hat ihm oft über seine Jugend, den Weg aus der Ostzone, den bewegenden Momenten nach Öffnung der Schlagbäume erzählt. „Schreib das auf, auch für die kommenden Generationen“, schlug Sukkau dem Zeitzeugen daher vor, nachzulesen ist dieser Bericht in der Schrift „Heimatpflege im Kreis Soest, Nr. 18/April 2011. „Denn“, so Peter Sukkau, „wer die Zukunft gestalten will, der muss auch die Vergangenheit kenne."

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