„Jetzt geht die Welt unter“

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Alexia Mersch, Stieven Will und Julia Robbert bekommen im Düsseldorfer Schulministerium von US-Generalkonsul Michael R. Keller (rechts) und Schulministerin Sylvia Löhrmann (links) den „Transatlantic Reward 2016“ überreicht. Mit dabei: Ihr Politiklehrer Markus Schröder (2. von links), der die Idee zur Wettbewerbs-Teilnahme in die Klasse trug und seinen Schülern im Gegenzug in Aussicht stellte, für die viele Arbeit eine Klausur weniger schreiben zu müssen.

Soest - Die Nachricht über den Wahlsieg von Donald Trump hat viele Menschen geschockt, eine Schülergruppe aus Soest aber besonders: Sie hatten eigens eine Analyse angefertigt.

Welch ein Wechselbad der Gefühle. Erst haben die Hubertus-Schwartz-Schüler Alexia Mersch (19), Julia Robbert (18) und Stieven Will (18) aus den Händen von US-Generalkonsul Michael R. Keller und Schulministerin Sylvia Löhrmann den „Transatlantic Reward“ entgegengenommen, dann gestern Morgen der Schock: Nicht Clinton, wie von ihnen vorhergesagt und gehofft, hat das Rennen bei der US-Wahl gemacht, sondern Trump. 

Schulklassen aus ganz Deutschland, vor allem aber aus der gymnasialen Oberstufe, haben an dem englischsprachigen Schülerwettbewerb teilgenommen. Der Wettbewerb wurde zum zweiten Mal von der US-Botschaft in Berlin initiiert und richtet sich vor allem an die Fächer Englisch und Politik. 

Die Europaklasse aus Soest nahm im Rahmen ihres bilingualen Politikunterrichts teil. Die drei Soester und ihre Mitschüler der Klasse HH 12EA beschäftigen sich mit dem Wahlkampf in dem ihnen zugelosten US-Bundesstaat Alaska. 

Anhand lokaler Berichterstattung, Demografie der Bevölkerung, Wahlgeschichte, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen sowie vorherrschenden Wahlkampfthemen analysierten sie das mögliche Wahlverhalten. Auf Grundlage ihrer Recherchen gaben sie eine begründete Prognose über den Wahlausgang in ihrem Staat ab. Den Preis „Transatlantic Reward 2016“ erhielt die Klasse für ihre vorbildliche Zusammenarbeit mit einer amerikanischen Partnerschule, der Thomas Jefferson High School in Minneapolis. 

Über elektronische Plattformen tauschten sich die deutschen Schüler mit einem Politikkurs aus, um etwas über die Einstellung amerikanischer Jugendlicher zur US-Wahl zu erfahren; die Amerikaner wollten im Vorfeld ihrer Wahl wissen, wie Europäer, vor allem Deutsche, über den US-Wahlkampf denken. 

Der zuständige Lehrer, Brian Trusinsky, hatte über die amerikanische Botschaft Kontakt zu einer deutschen Wirtschaftsschule gesucht. Schnell und unbürokratisch fanden er und sein Gegenüber am Hubertus-SchwartzKolleg, Dr. Markus Schröder, eine Möglichkeit, die beiden Klassen zusammenzubringen. Über den gestrigen Tag, den Ausgang der US-Wahl und die möglichen Folgen sprach Holger Strumann mit Alexia Mersch, Julia Robbert und Stieven Will sowie ihrem Lehrer Markus Schröder.

Wie habt Ihr von dem Wahlausgang erfahren und wie habt Ihr reagiert? 

Julia: Ich habe das gestern Morgen von meinem Papa erfahren, der sagte, Trump ist es geworden. Ich habe widersprochen: Nein, Clinton. Ich glaube Dir das nicht. Ich habe dann gegoogelt, und da stand echt Trump. 

Alexia: Ich hab’s auch von meinem Vater zuerst erfahren: Die Amerikaner haben echt Trump gewählt. Ich war zunächst verwirrt: Wie können die so doof sein?! 

Aber was hat Euch so sicher gemacht, Clinton würde gewinnen? 

Alexia: Die ganzen Negativ-Schlagzeilen. Und letzte Woche habe ich noch mitbekommen, dass sich die Ehefrau Trumps so sehr für ihn eingesetzt hat, obwohl er gegen Einwanderung ist. Dabei kam heraus: Sie selber ist (gebürtige) Slowenin und ist einst illegal in die USA eingewandert. Das lässt einen zweifeln, was von seinen Aussagen zu halten ist. 

Welches Bild habt Ihr von der amerikanischen Gesellschaft gewonnen, was die Menschen am Ende für Trump hat stimmen lassen? 

Julia: Die Wirtschaft gab den Ausschlag. Trump verwies darauf, dass Amerika mehr im- als exportiere, und er kündigte an, dies umzudrehen und dadurch mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Da er selber Unternehmer ist und viele Firmen besitzt, haben ihm viele Wähler das abgenommen. 

War Clinton eine ideale Kandidatin für die Demokraten; immerhin wurde ihr angelastet, sie sei zu eng mit dem Establishment verwoben? 

Markus Schröder: Wir Europäer werfen immer einen eurozentrischen Blick darauf. Bill Clinton war für uns ein guter Präsident, weil er sehr europafreundlich war. Die positiven Aspekte sehen wir denn auch bei Hillary Clinton. Für viele Amerikaner ist sie aber nur der Inbegriff der korrupten Misswirtschaft Washingtons. Ein Bernie Sanders (der innerparteiliche Gegenkandidat Clintons) hätte da ganz anders aufgetrumpft. 

Wie geht es jetzt weiter? Was erwartet Ihr im Verhältnis zwischen Deutschland und den USA? 

Alexia: Ich hoffe einfach nur, dass alles gut geht. 

Was meinst Du damit? 

Alexia: Ich weiß gar nicht, ob ich das so sagen kann. Aber mein erster Gedanke war: Oh Gott, jetzt geht die Welt unter. Momentan habe ich das Gefühl, dass alles auf wackligen Stühlen sitzt. 

Also nicht nur in Amerika, sondern auch hier? 

Alexia: Wir Jugendlichen haben schon die Sorge, ob sich die Politik wieder beruhigt oder ob das weiterhin so am Wackeln bleibt. Da haben viele richtig Angst vor, dass es eskaliert. 

Was befürchtet Ihr im schlimmsten Fall?
Alexia: Im schlimmsten, schlimmsten, schlimmsten Fall könnte Krieg ausbrechen. 

Ihr habt die Wahl Trumps nicht für möglich gehalten. Könnt Ihr Euch vorstellen, vergleichbare Geschichten hier in Deutschland zu erleben? 

Julia: Ich glaube schon. Schaut man sich die Flüchtlings-Situation an und sieht, wie sich die AfD entwickelt hat, kommen einem schon Bedenken. 

Habt Ihr ein Rezept oder einen Rat, wie sich gegensteuern lässt? 

Julia: Man darf nicht alles nur negativ sehen; der Zuzug der Flüchtlinge hat zum Beispiel auch seine positiven Seiten. Ich teile nicht die Sorgen mancher, dass uns die Zuwanderer nur Geld wegnehmen. Wir sollten alle etwas offener der Sache entgegentreten und nicht so negativ eingestellt sein.

Müssten wir uns mehr für Politik interessieren?
Alexia:
Auf jeden Fall. Jeder sollte sich schon informieren, aber sich auch eine eigene Meinung bilden und nicht alles kritiklos übernehmen.

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