400 Soester Schüler putzen Stolpersteine wider das Vergessen

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Mit Messing-Politur knieten die Kinder und Jugendlichen auf dem Boden und wienerten die Stolpersteine.

Soest – Levin Weitkamp und Lucija Filipovic von der Hannah-Ahrendt-Gesamtschule brauchten nicht lange mit der Scheuermilch und den beiden Putzlappen, dann glänzten die beiden metallenen Stolpersteine vor Schuh-Lange in der Brüderstraße wieder. Schüler wie sie aus dem Abi-Jahrgang schauen zu, dazu welche aus der Sieben. Geschichtslehrer Christian Neuhaus begleitet sie. 

„Hier wohnte Jakob Rosenberg, JG. 1871, deportiert 1942, Theresienstadt, ermordet in Auschwitz“ ist auf dem einen Stolperstein zu lesen, dass hier auch Emma Rosenberg wohnte, Jahrgang 1877 und ebenfalls in Auschwitz ermordet, auf dem anderen. Von Hand eingeschlagen sind die Buchstaben und Zahlen – ein Zeichen gegen die industrielle Tötungsmaschinerie der Nazis, die auch in Soest Juden und sonstige Missliebige aus den Häusern zerrten, in Lager schafften und umbrachten. 

Auschwitz-Birkenau war so eine Hölle. Eine Million Menschen starben dort: Kinder, Erwachsene, Alte. Zwei Schülerinnen lesen vor: Sie haben die Biografien der Rosenbergs recherchiert. Sie legen zwei weiße Rosen zu den Steinen, alle schweigen im Andenken.

Eine Verkäuferin kommt herbei – der Eingang soll doch bitte freibleiben, also mal ehrlich! 

75 Jahre ist es her, dass Auschwitz durch die Rote Armee befreit wurde. In Soest machten sich erstmals 400 Schüler – so viele wie nie zuvor – aus Soester Schulen auf den Weg, um die 21 Stolpersteine in der Soester Innenstadt zu putzen. Die Steine sollen immer wieder daran erinnern, dass und wo die Soester sich schuldig gemacht haben, sie sollen jeden anregen, zu hinterfragen, wie es so weit kommen konnte.

 „Wir müssen die Fehler der Vergangenheit aufzeigen“, sagt Levin: „Wir müssen für Toleranz und Offenheit eintreten“. Lucija Filipovic nickt. Seit Dezember haben sich alle im Unterricht auf den Gedenktag vorbereitet, erzählen die beiden Schüler: „Es macht sehr betroffen, man denkt mehr darüber nach, was diese Menschen durchmachen mussten.“ 

Die zweite und dritte Schulstunde war fürs Putzen, danach zogen alle Gruppen zum Rathaus und versammelten sich im Blauen Saal. Bürgermeister Eckhard Ruthemeyer dankte im Namen der Stadt: „Sie haben auf den Knien geschrubbt und Demut demonstriert.“ Ruthemeyer weiter: „Wir mahnen, damit wir nie wieder zu Tätern werden.“ 

Jungen und Mädchen der Ini-Gesamtschule Bad-Sassendorf, vom Alde, vom Archi, vom ConvoS, von der Hannah-Ahrendt-Gesamtschule und der Musikschule Soest sangen über die „Kinder der toten Stadt“ – so heißt ein „Musikdrama gegen das Vergessen“, das am 21. und 22. Februar für alle im Tagungszentrum Bad Sassendorf aufgeführt wird, am 25. und 26. Februar morgens für Schulen (siehe Bad Sassendorf). 

Sind solche Gedenktage zu formelhaft, langweilig oder lästig? Eckhard Ruthemeyer: „Wir alle brauchen solche Rituale, Jahrestage und Mahnmale. So entsteht ein gemeinsames Bewusstsein, so entsteht eine gemeinsame Kultur. Auf diese Weise sichern wir die humanen Werte, die unsere Gesellschaft in Deutschland prägen und lebenswert machen.“

Lesung in der Stadtbücherei

„Nun wisst Ihr, was soll es bedeuten“ lautet der Titel, unter dem am Dienstag, 28. Januar, in der Stadtbücherei Gedichte und Briefe des 1916 geborenen Joachim Esberg vorgelesen werden. Esberg, ein jüdischer Wolfenbütteler, floh 1933 nach Gent. Seine Texte erzählen von der Gefahr, die auch dort wächst, wohin man geflohen ist, wie es ist, wenn Menschen das Menschsein abgesprochen wird. Die Texte befanden sich 70 Jahre lang versteckt in der Wohnung Esbergs in Gent. Begleitet wird die Lesung von Fotografien aus Auschwitz. Beginn der Veranstaltung ist um 19 Uhr in der Stadtbücherei. Der Eintritt ist frei.

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