Osterbräuche in und um Soest:

Als Ansehen noch in Kilos gewogen wurde

Gute Chancen auf hohes Ansehen: Der „Dicke Mann“ im Theodor-Heuss-Park würde beim Wettwiegen zu Ostern ziemlich weit vorne landen. Ach, wenn es diese schöne Tradition doch noch gäbe. Foto: DAHM

Kreis Soest – Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in und um Soest eigene Osterbräuche. So durfte sich derjenige als kleiner König fühlen, der Ostern die meisten Kilos auf die Waage brachte; die Anzahl der selbst erblickten Osterfeuer gab einen Ausblick auf die noch zu erwartenden Lebensjahre; Lichtspiele ließen Osterlämmchen an der Decke erscheinen; und wer leicht bekleidet von Soest nach Werl lief, durfte auf Belohnungen hoffen.

Davon ist heute nur noch wenig spürbar. Ganz lebendig dagegen präsentiert sich mit dem „Trunseln“ eine Tradition, die am Sonntag in der Polmerheide am Rande von Lippborg lautstarke Lebenszeichen sendet. Dabei besteht ein Team aus drei bis sechs erwachsenen Spielern, die die Trunsel, eine dicke und runde Holzscheibe, in Richtung Gegner werfen. Der Gegner versucht, die Trunsel mit einer langen Holzbohle zu stoppen. Der Krach, der dabei entsteht, soll den Winter vertreiben. Seit dem vergangenen Jahr sind auch Frauen erlaubt. „Beim Trunseln ist es jetzt ein bisschen so wie beim Damenfußball, eben anders“, sagt Michael Aringhoff von der Interessengemeinschaft Polmerheide über diese Innovation. 

Von dicken Trunseln war früher in Soest nichts zu sehen. In seinen „Erinnerungen eines Achtzigjährigen” jedenfalls schreibt Andreas Heinrich Blesken im Jahr 1950 nichts davon. Dafür erzählt er vom „stillen Fuidag“ als Karfreitag, an dem die Soester Trauer trugen und konsequent auf Fleisch und (im Gegensatz zu den Protestanten rundherum) Arbeit verzichteten.

Am Ostermorgen pflegten die Menschen die Tradition des tanzenden Osterlämmchens: Sie platzierten eine Schale Wasser so auf dem Tisch, dass Sonnenstrahlen hindurch schienen. Wer die Schale bewegte, konnte mit ein wenig Fantasie tanzende Osterlämmchen an der Decke sehen. 

Nach der Fastenzeit widmeten sich die Soester hingebungsvoll dem Essen. Jede Mahlzeit viel üppig aus, dazu gab es eine besondere Essenszeit am späten Nachmittag, bei der die bunten „Paoskägger” (Ostereier) ihr letztes Stündlein erlebten.

Apropos Essen: Ebenfalls aus den „Erinnerungen eines Achtzigjährigen“ geht hervor, dass es den Brauch gab, sich vor seinen Nachbarn und der Familie wiegen zu lassen. Der Schwerste war der Gewinner und blieb noch einige Tage das Stadtgespräch. Diese Tradition pflegten die Soester stets zu Ostern – vielleicht ja, um zu erkunden, wer nach der Fastenzeit noch am gewichtigsten war. 

Sogar das Mogeln hatte eine gewisse Tradition: Es gab immer wieder Menschen, die sich Steine in die Taschen gesteckt haben sollen, um bei Gewicht und Ansehen zuzulegen.

Keine Männerdomäne mehr: Trunseln darf in der Polmerheide seit 2018 jeder.

Das Osterfest erlaubte den Soestern sogar einen Blick in die Zukunft. Üblich war es nämlich, abends die Feuer in der Umgebung zu zählen. Es hielt sich der Glaube, dass die Anzahl der selbst erblickten Feuer den noch verbleibenden Lebensjahren entspricht. Eine weitere Tradition: Ein „Schnelläufer“ lief leicht bekleidet von Soest nach Werl. Er machte sich durch Schellenklingeln bemerkbar und sammelte am nächsten Tag seine Belohnungen ein, die die Dorfbewohner bereitlegten. Diese Tradition gibt es – leicht abgewandelt – mit dem Silvesterlauf in umgekehrter Richtung inzwischen wieder.

In Westfalen gibt es viele Osterbräuche, die weit in die Vergangenheit reichen. Einige gibt es weiterhin. So werden im lippischen Lügde am Ostersonntag brennende Osterräder einen Berg hinabgerollt. Der Überlieferung nach kann am Rollen des Rades die Qualität der kommenden Ernte abgelesen werden. Schon am Samstag werden im sauerländischen Attendorn Ostersemmeln gesegnet. Der Teig ist mit Kümmel durchsetzt und an den Enden eingeschnitten, so dass die Semmel aussieht wie die Schwanzflosse eines Fisches. 

Und in der Polmerheide in Lippborg hat sich die Tradition des Trunselns über Jahrhunderte erhalten. Fast. Denn seit jetzt spielen ja Frauen mit. Los geht’s am Sonntag um 16 Uhr.

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