"Fridays for future" lädt zur Demo:

Radler fordern Verkehrswende

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Alt und Jung auf einer gemeinsamen Mission: Die Teilnehmer der Fahrrad-Demo setzen sich für eine Verkehrswende ein.

Soest - Wenn Wünsche wahr werden: Am Freitagmittag zogen gut 200 Demonstranten auf Fahrrädern um und durch die Soester Innenstadt. An allen Kreuzungen und Ampeln hatten sie Vorfahrt. Für gut eine Stunde erfüllte sich damit eine wichtige Forderung der Initiatoren dieser „Fridays for future“-Demo: eine Verkehrswende in Soest.

Gut 200 Fahrräder, viele (politische) Plakate und eine gut gelaunte Gruppe Demonstranten: Das waren die wesentlichen Zutaten zur Fahrrad-Demo der Soester „Fridays for future“-Gruppe. Die startete unter lautem Klingeln um 11 Uhr am Bahnhof, zog am Osthofentor stadtauswärts, umrundete hinterm Osthofenfriedhof linksherum den äußeren Ring und kam schließlich über den inneren Ring und die Innenstadt zum Vreithof. Besonders auffallend: Neben den Schülern demonstrierten Menschen aller Altersgruppen für Maßnahmen gegen die drohende Klima-Katastrophe.

Diesmal ging es den Initiatoren um eine Verkehrswende. „Wir werden heute symbolisch die Stadt umrunden, weil man hier alles mit dem Rad erreichen kann“, sagte Joscha Ellersiek vor dem Start. Den läutete Madee Pande so ein: „Wir streiken, obwohl noch Ferien sind. Wir wollen hier in Soest eine Verkehrswende mit einem günstigen ÖPNV und einer autofreien Innenstadt.“ Das hundertfache Klingeln aus Fahrradglocken signalisierte ungeteilte Zustimmung.

Dann radelten die Demonstranten los. Eine Stimmung zwischen entschlossener Kundgebung, sonniger Radtour und Partylaune war es, die zahllose Autofahrer während ihrer unfreiwilligen Stopps erlebten. Weil nämlich die Polizei sämtliche Kreuzungen für die Radler freihielt, hatten die Autofahrer die Chance, die eindeutigen Botschaften der Demonstranten in aller Ruhe anzuhören. Immer wieder etwa skandierten die Teilnehmer beim Anblick größerer Autos: „Es gibt kein Recht, einen SUV zu fahren“. Immer wieder wurde wiederholt, was aus den Megafonen kam. Etwa den Slogan: „Wir sind hier, wir sind laut, weil Ihr unsre Zukunft klaut.“ Die Reaktion? Manche (SUV-Fahrer) machten das Fenster zu, andere zückten ihr Smartphone für ein schnelles Foto, wieder andere winkten den Demonstranten zu.

Eindeutige Botschaft von Madee Pande: „Wir sind hier, wir sind laut, weil Ihr unsre Zukunft klaut!“

Die grüne Welle wirkte beflügelnd: Denn beim Radeln unter alten Bäumen ganz ohne Autos, ganz ohne auf den Verkehr achten zu müssen war die neue (Verkehrs-)Welt schon spürbar. Da wirkten die Fragen von Kindern („Mama, warum fahren wir bei Rot über die Ampel“) schon beinahe so amüsant wie Dialoge Älterer („Na klar, wir müssen multiplikatorisch tätig sein“) – im Gegensatz zu den konkreten Forderungen der Jugendlichen im Hier und Jetzt („Motor aus!“). Doch auch hier Amüsement: Denn tatsächlich stellten viele angesichts der radelnden Übermacht schnell die Motoren aus.

Dass das Happening ein wenig wie eine Party wirkte, lag am Schluss-Fahrzeug der „Fridays for future“-Gruppe: einem Rad mit reichlich Ladefläche, aus der aus einer Bassbox laute (Party-)Musik erscholl.

Bis auf einen kleinen Zwischenfall verlief die Stadt-Rundfahrt wie am Schnürchen. Einmal aber war Madee Pande mit ihrem Megafon in der Hand beim Anblick eines riesengroßen Autos so abgelenkt, dass sie die Kontrolle verlor und stürzte. Es blieb bei einer Schramme. Eine Kleinigkeit.

Von Kleinigkeiten wollten die Fahrradfahrer nach ihrer Ankunft auf dem Vreithof nichts wissen. Franka Berger forderte von der Lokalpolitik eine neue Vision, in der „das Auto out ist“. E-Mobile seien keine Lösung, vielmehr gehe es um eine notwendige Verkehrswende, mit der Busse und Fahrräder die Autos in der Soester Innenstadt ersetzen. Weil Szenarien wie diese viele Menschen verängstigen, versuchte Madee Pande zu beruhigen: „Es wird nicht alles komplizierter in Zukunft, es wird nur anders.“

Nach dem Schlusspunkt gab es noch die Kür: Am Klima-Stand heimischer Organisationen gab‘s reichlich Material sowie Ansprechpartner. Zudem lud der Lebensgarten zu Getränken und veganen Waffeln. Eine gute Idee. Allerdings verging so manchem Gast schon nach dem Besuch des Klima-Standes angesichts der neuen weltweiten Entwicklungen der Appetit.

Termine

Das nächste Treffen des „Klimatreff Soest“ findet am Sonntag, 1. September, ab 18.25 Uhr im Café 1825 in der Soester Rathausstraße statt. Die Aktivisten des Klimatreff Werl sammeln sich am Dienstag, 3. September, ab 19 Uhr im Café Dreiklang in Werl. Am Donnerstag, 5. September gründet sich ab 19 Uhr eine „extinction rebellion“-Ortsgruppe im Kulturhaus Alter Schlachthof in Soest Soest.


Interview mit Dr. Udo Engelhardt

„Müssen 40 Prozent über Pariser Ziele hinausgehen“

Am Klimaschutz-Stand auf dem Soester Vreithof zeichnete der Soester Meeresbiologe Dr. Udo Engelhardt ein düsteres Szenario. Um eine Klimakatastrophe zu vermeiden, seien Anstrengungen weit über den im Pariser Abkommen festgelegten Zielen notwendig. Warum das so ist und welche Maßnahmen in Soest und auf dem Globus notwendig sind, darüber sprach er mit Anzeiger-Redakteur Jürgen Vogt. 

Während alle von einer Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad sprechen, hat der Weltklimarat Anfang August einen Sonderbericht veröffentlicht, in dem er auf die Landmassen der Erde bezogen bereits eine Erwärmung um 1,53 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit festgestellt hat. Wir passt das zusammen? 
Das stimmt. Die Ozeane ausgenommen haben wir es schon mit dieser großen Erwärmung zu tun. 


Wie schätzen Sie diese Zahlen ein? 
Ende September wird ein weiterer UN-Bericht zur Erwärmung der Meere und der polaren Gebiete veröffentlicht. Und Anfang 2021 kommt dann eine neue, große Studie mit umfangreichen Klimaprojektionen und Prognosen für die nahe Zukunft heraus. Erste Vorab-Ergebnisse sagen, dass wir schon jetzt nah dran sind an den Kipp-Punkten fürs weltweite Klima. Das ist eine dramatische Entwicklung. 

Woran liegt das?
Das liegt unter anderem daran, dass es neue Faktoren gibt, die in die alten Berechnungen noch nicht mit eingeflossen sind. Welche Faktoren sind das? Es hat in diesem Jahr riesige Brände gegeben in Sibirien, in Alaska und am Amazonas. Da werden aus CO2 -bindenden Wäldern CO2 -ausstoßende Flächen. Dazu kommt, dass das sogenannte „Fracking“ für Öl und Gas und die Erdölgewinnung aus Öl-Sänden große Mengen zusätzliches Methan freisetzen. Wir haben es vor allem in den USA und in Kanada mit einer Zunahme dieser unerwünschten Emissionen in einem riesigen Ausmaß zu tun. Das ist fatal. 

Warum? 
Weil Methan zwar nur etwa neun Jahre lang in der Atmosphäre bleibt, dafür aber 32- mal klimaschädlicher ist als CO2 .

Was ist zu tun? 
Die Grenze einer weltweiten Erwärmung von unter zwei Grad können wir nur noch durch einen rapiden gesellschaftlichen und politischen Wandel erreichen: mit sofortigen, radikalen, internationalen Maßnahmen. Neueste Berechnungen zeigen, dass die Pariser Ziele nur dann noch zu erreichen sind, wenn wir nochmal 40 Prozent mehr Emissionen einsparen als ursprünglich kalkuliert. Das sagen renommierte Klimawissenschaftler heute. Konkret bedeutet das, dass wir weltweit jedes Jahr 12 bis 15 Prozent CO2 einsparen müssen – oder 50 bis 75 Prozent pro Jahrzehnt. 

Das klingt dramatisch. Wie reagiert die Politik? 
Leider so gut wie gar nicht. Die Bundesregierung hat knapp ein Jahr nach dem Klimareport von 2018 immer noch nichts Konkretes auf den Weg gebracht. Hier in Soest gibt es zwar einige Vorschläge, aber keine klare Klima-Strategie. Und der aktuelle Klimanotstand, den wir alle heute schon tagtäglich durchleben, wird von Teilen der Lokalpolitik noch nicht einmal anerkannt. Man fragt sich schon, wie viel größer das Waldsterben, die Dürre und die Ernteausfälle noch werden müssen, bevor die Politik endlich aufwacht? 

Was passiert, wenn wir einfach so weitermachen?
Dann haben wir spätestens Ende des Jahrhunderts mindestens vier Grad mehr im globalen Durchschnitt – und den Zusammenbruch vieler Öko-Systeme weltweit. Dann haben wir die Klima-Katastrophe.

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