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Merkur stellte 70 Jahre lang Glühlampen her

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Von: Astrid Gunnemann

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Das Merkurgelände im Jahr 1957. © Stadtarchiv

Soest - Das Glühlampenwerk „Merkur“ an der Niederbergheimerstraße zählte zu den traditionsreichsten Unternehmen von Soest. Im Jahr 1958 war die Firma die viertgrößte Produktionsstätte ihrer Branche in der Bundesrepublik und bot mehr als 200 Beschäftigten einen Arbeitsplatz. Heute ist der Blick auf das Firmengelände trist: Unkraut wuchert empor, die Scheiben des unter Denkmalschutz stehenden Haupthauses sind eingeworfen.

Siegmund und Rüdiger Rosenthal gründeten die Firma. Die Brüder waren 1908 aus Berleburg nach Soest gekommen und ließen im gleichen Jahr die Firma als GmbH ins Handelsregister eintragen, so beschreibt es Reimer Möller in seiner Veröffentlichung „Merkur – das gute Licht von Soest“ in „Ein Jahrhundert öffentliche Stromversorgung in Soest 1899 - 1999“.

Die Brüder ließen Fabrikationsgebäude bauen und stellten zehn Angestellte ein, die meisten davon Frauen. Die Brüder teilten sich die Aufgaben: Julius Rosenthal übernahm den kaufmännischen Part, sein Bruder Siegmund die Aufgaben des technischen Leiters. Der jüngere Bruder Siegmund starb bereits früh im Oktober 1927 im Alter von nur 45 Jahren.

Das Soester Unternehmen prosperierte. Weil im Merkur-Werk überwiegend junge Frauen beschäftigt waren, ließen die Brüder Rosenthal für das weibliche Personal im Jahr 1910 ein Mädchenheim bauen, das von einer Diakonissin geleitet wurde. Später wurde sogar eine betriebliche Pensionskasse gegründet.

Die Krisenjahre vorm Ausbruch des Ersten Weltkriegs und der anschließenden Inflation überstanden die Merkur-Werke ohne nennenswerte Turbulenzen.

Der Verfall der deutschen Währung begünstigte die Industrie, denn die Arbeiter erhielten weniger Geld als zu Vork

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Das Merkurgebäude heute. © Dahm

riegszeiten, schreibt Reimer Möller. Wegen der niedrigen Löhne hätte die deutsche Industrie günstig anbieten und produzieren können.

Das veranlasste die Brüder Rosenthal, zu Beginn der 20er-Jahre ihre Firma zu modernisieren. Ziele wareneine schnellere Serienherstellung und die technische Verbesserung der Glühlampe. 1921 war die Zeit der Kohlefäden vorbei. Es wurde umgestellt auf seit 1924 luftleere Metalldrahtlampen und ab 1927 waren Lampen mit Einfachwendeldraht produziert. 1935 ließ Julius Rosenthal ein neues Produktionsgebäude mit eigener Stromerzeugungsanlage bauen, in dem Doppelwendellampen hergestellt wurden.

Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurde das Leben für jüdische Unternehmer wie die Rosenthals immer schwieriger. Im Jahr 1938 forderte die Zollfahndungsstelle Dortmund eine Aufstellung aller Einkünfte Julius Rosenthals der letzten drei Jahre. Außerdem musste er über alle Banküberweisungen von Beträgen über 2000 Reichsmark Rechenschaft ablegen. Ab September 1938 wurde eine Sicherungsanordnung veranlasst. Rosenthal durfte nur mit amtlicher Genehmigung über seinen Besitz verfügen.

Im November 1938 beschlagnahmte die Gestapo die Merkurwerke und das Privatvermögen. Die Leitung wurde dem bisherigen Prokuristen Theodor Forberg übertragen. Julius Rosenthal und seine Frau emigrierten in die Schweiz, wo der Firmengründer wohl in Folge der Aufregung am 1. Januar 1939 in Basel starb.

Die Nationalsozialisten übergaben die Merkurwerke an Dr. Albert Grote aus Hagen in Treuhänderschaft. Er verkaufte das Werk an Walter Heringlake aus Siegen und Walter Murmann aus Dortmund. Beide wohnten nicht in Soest und stellten den Prokurist Lückhoff ein, der fortan die Firma leitete.

Am 1. Januar 1941 wurde die „Elektrohandelsgesellschaft Merkur GmbH“ neu gegründet. Zum Zeitpunkt der Enteignung produzierte

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1933 wurde das 25. Firmenjubiläum der Merkurwerke in der Familie Rosenthal gefeiert. In der Mitte Julius Rosenthal. © Nachlass Rosenthal/Merkur, Stadtarchiv Soest

das Werk mit rund 150 Beschäftigten 144 000 bis 216 000 Lampen pro Monat. Der neue Eigentümer investierte nun in weitere Modernisierungen. Die Produktion konnte verdreifacht werden, schreibt Reimer Möller. 1941/42 wurde eine neue selbstständige Produktionsanlage der Konkurrenzfirma „Osram“ installiert, womit eine Leistungssteigerung um 25 Prozent erreicht wurde.

Das Lampenwerk wurde während des Krieges als kriegswichtig eingestuft und trotz Bombardierungen und Mangel weiterhin mit Energie und Rohmaterialien beliefert. Während des Krieges wurden auch Zwangsarbeiter eingesetzt, die im Werk 48 bis 54 Stunden schuften mussten. Bei dem großen Bombenangriff auf Soest am 5. Dezember 1944 war das Werk nicht betroffen, weil es keinen Strom gab, stand die Produktion still. Die Firma wurde im Februar 1945 von Bomben getroffen und geriet unter Beschuss der Amerikaner. Nach der Kapitulation plünderten ehemalige Zwangsarbeiter das Werk und legten Feuer im Keller des Hauptgebäudes.

Weil Heringlake und Murmann in der NSDAP waren, stand die Firma ab Sommer 1945 unter Aufsicht des Alliierten Kontrollrats. Im Oktober 1945 nahm die Produktion langsam wieder Fahrt auf. Nach der Währungsreform ging es aufwärts: 1949 konnte sogar wieder eine zweite Schicht gefahren werden für eine Monatsproduktion von 500 000 Lampen.

Aufwärtstrend bis in die 60er-Jahre

Julius Rosenthals Sohn Kurt-Rudolf strebte direkt nach dem Krieg an, die Firma wieder zu bekommen und stellte Rückerstattungsanträge. 1951 stand der Wiedergutmachung nichts mehr im Weg: Vor der Wiedergutmachungskammer am Landgericht Arnsberg wurde das Unternehmen Kurt-Rudolf Rosenthal zugesprochen. Die bisherigen Besitzer Heringlake und Murmann, die nach der Enteignung 1939 das Merkurwerk gekauft hatten, verkauften es für 125 000 D-Mark zurück an Kurt-Rudolf Rosenthal. Der alte und neue Besitzer übernahm die Firma.

Der Aufwärtstrend des Werks konnte bis Mitte der Sechziger Jahre fortgesetzt werden. 1967 geriet die Firma in die Rezession. In den 70-er Jahren wurde die Konkurrenz zu stark für das Soester Unternehmen. Es wurde über Konkurs gesprochen. Der Berliner Unternehmer Jürgen Bouchette kaufte die Firma.

Auf dem online-Portal youtube gibt es ein Video durch die Merkurgebäude

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