Interview mit Manfred Scholz

Soester Fahrradbeauftragter: "Wir denken zu autofahrerlastig"

+
So weit sind wir noch nicht. In solch großer Schar tauchen Fahrradfahrer höchst selten auf. Das Bild entstand bei der Soester Fahrrad-Demo für mehr Klimaschutz im vergangenen Monat.

Soest – Er hat sich für den Fahrrad-Mittelstreifen auf der Jakobi- und Nöttenstraße ins Zeug gelegt. Dafür gab’s erst den Deutschen Fahrradpreis, später einen Rüffel vom Verkehrsminister. 

Nichts desto trotz: In seinen 13 Jahren als Fahrradbeauftragter der Stadt Soest hat Manfred Scholz Leidenschaft fürs Rad und Arbeit im Rathaus gut verknüpfen können. In wenigen Tagen geht der 64-Jährige in Pension. Zeit für eine Bilanz und – natürlich – für die Frage nach einem besonders schönen Radweg.

Herr Scholz, wenn Leute über Fahrradstädte sprechen, denken sie an Münster und Holland. Ist Soest eigentlich auch eine Fahrradstadt? 

Für deutsche Verhältnisse sind wir eine ziemlich gut aufgestellte Fahrradstadt. Von holländischen Verhältnissen sind wir aber aufgrund unserer Historie und des unterschiedlichen Rechtsrahmens in Deutschland noch meilenweit entfernt, wir können uns von dort eine Menge abschauen. 

Was zum Beispiel? 

Insbesondere wenn es darum geht, Vorschriften nicht allzu eng auszulegen, wir Deutsche legen uns unnötigerweise viel zu viele Fesseln an. Da brauchen wir die Unterstützung des Gesetzgebers, der mit den Vorschlägen von Minister Scheuer gute Ansätze zeigt. Münster ist für mich nicht immer als Vorbild geeignet, obwohl ich dort Verkehrsplanung studiert habe. Seitdem habe ich aber das Radfahren verinnerlicht, wenn ich es nicht schon vorher hatte. 

Zweifellos ist hier eine Menge für Radfahrer getan worden. Beispielhaft sei nur der Mittelstreifen auf der Jakobistraße erwähnt, der sogar weit über Soest hinaus Beachtung fand. Doch was fehlt, was ist liegengeblieben, was schlummert an guten Ideen noch in der Schublade? 

Mit der radlerfreundlichen Querung des Wallrings an der Beamtenlaufbahn haben wir seit 20 Jahren eine Stelle mit Vorzeigefunktion, doch der weitere Verlauf mit Querung des Johann-Kelberg-Wegs und Pagenstraße blieb unberücksichtigt. Hier sollte in Zukunft die stark von Radfahrern frequentierte Strecke gegenüber den beiden Straßen vorfahrtsberechtigt sein. Wie es geht, zeigen uns wiederum die Holländer. Auch die Fahrradtrasse auf der alten WLE-Bahnstrecke ins Gewerbegebiet Süd-Ost würde den Berufsverkehr auf der Straße entlasten. 

Die Voraussetzungen sind doch gut: Flache und kurze Wege mitten in der Stadt und enge Gassen, durch die sich Autofahrer erst mal quälen müssen. Warum sind Autos in der Altstadt noch immer klar in der Mehrzahl? 

So ganz kann ich das auch nicht verstehen. Vermutlich liegt es unter anderem daran, dass es viele preisgünstige Parkmöglichkeiten für Autos gibt. Bei uns im ländlichen Raum fehlen aber alternative Mobilitätslösungen beispielsweise für Pendler oder ältere Menschen. Auch habe ich das Gefühl, dass wir das Autofahrer-Gen nicht ablegen wollen. Wir vergeben uns doch nichts, wenn wir mehr mit dem Rad fahren würden. Aber es hapert auch noch für zum Teil teure Fahrräder an guten Abstellmöglichkeiten. Davon gibt es noch zu wenige. Hausbesitzer müssen Autostellplätze vorhalten, jedoch keine für Fahrräder. Hier tritt hoffentlich bald eine Änderung ein.


Was könnte mit vergleichsweise einfachen Mitteln und überschaubarem Geldeinsatz getan werden, um die Attraktivität des Radfahrens in der Stadt zu steigern? 

Mehr Fahrradstraßen, wo sich Autofahrer nur als Gast sehen dürfen, wären eine Möglichkeit. Dann gibt es noch das radfahrunfreundliche Pflaster in der Altstadt, was aber in nicht allzu ferner Zukunft ausgetauscht werden wird. Bei Fahrbahnsanierungen müssen auch die Rad- und Gehwege beachtet werden. Wir denken zu autofahrerlastig. Hier muss ein Umdenken stattfinden, denn Nahmobilität erfordert Unterstützung. 

Haben Radfahrer in Soest eine Lobby, und wer wäre sie? 

Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub, Kreisverband Soest, ist solch ein Lobbyist. Er fungiert als Ansprechpartner unter anderem in radverkehrlichen Fragen, wo ich selbst demnächst meine Mitarbeit verstärken werde, um die Vereinspräsenz in der Stadt zu steigern. Auch eine Radfahrschule für Erwachsene und das Radfahren mit Blinden auf einem Tandem werden angeboten. 

Wer übernimmt Ihre Aufgabe als Fahrradbeauftragter, wenn Sie jetzt Abschied vom Rathaus nehmen? 

Soweit ich weiß, hat noch niemand einen Arbeitsvertrag unterschrieben. Es wird aber wieder jemanden geben, und ich wünsche mir als Nachfolger eine fahrradaffine Person, die mit viel Leidenschaft das Radfahren in Soest weiter voran bringt. 

Am Ende noch eine persönliche Frage: Nennen Sie uns bitte Ihre Lieblingsstrecke hier in der Region? Was fasziniert sie an dieser Tour?

Zunächst die alte Bahntrasse ab Welver-Scheidingen nach Unna beziehungsweise den Abzweig Seseke-Radweg bis nach Lünen sowie der gesamte Möhnetalradweg. Hier gibt es Natur zum Anfassen und die schönen Aussichten auf Fluss und Landschaft im Allgemeinen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare