Soester Türken sehen gespannt auf die Türkei

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Cemal Tavus ist besorgt aufgrund der Lage in der Türkei

Soest - Die politische Situation in der Türkei erhitzt die Gemüter, der Putschversuch der Armee und die Reaktion des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan werden kontrovers diskutiert – natürlich auch in Soest.

Einige der in Soest lebenden Türken empfinden die Berichterstattung als unfair, für sie ist der Widerstand gegen den Putsch ein Sieg der Demokratie. Der Anzeiger war zu Besuch auf einen Tee. „Wir haben viele verschiedene Völker in der Türkei, viele Ethnien und Glaubensrichtungen. Aber alle haben zusammen gegen den Putsch gearbeitet. Alle Parteien haben zusammen gehalten“, erklärt Cemal Tavus. 

Er sitzt zusammen mit einigen Freunden in der Bar des türkischen Kulturvereins am Grandweg. An der Wand hängt eine Flagge mit dem Bildnis von Mustafa Kemal Atatürk, dem Begründer der modernen Türkei. Im Fernsehen läuft ein türkischer Sender mit Bildern aus der Putschnacht. Man sieht blutende Menschen, Panzer und Demonstrationen. „Es wurde auf Menschen geschossen“, so Tavus. „Aus Hubschraubern wurde auf das eigene Volk geschossen und trotzdem sind 50 Millionen Menschen zum Protest auf die Straße gegangen. Dort sind sie bis heute, da sie Angst haben, dass der Putsch noch nicht beendet ist. In Ägypten sind die Menschen nach dem Putsch zu früh wieder in den Alltag zurück gekehrt und Sisi hat die Macht übernommen. Das soll in der Türkei nicht passieren.“ 

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Sein Kumpel Harry, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte, vertritt noch schärfere Positionen: „Der Westen, darunter die Medien und Geheimdienste, haben Angst vor einer starken Türkei. Sie streben ein Chaos wie in Syrien an und wollen davon profitieren.“ Harry ist Mitglied der „Grauen Wölfe“, einer rechtsradikalen türkischen Partei und steht Erdogan deswegen kritisch gegenüber. Trotzdem lobt er den Präsidenten: „Erdogan ist ein guter Anführer.

Er ist clever und er hat die Türkei wirtschaftlich gestärkt. Vor seiner Amtszeit hatte die Regierung nicht mal genug Geld, um alle Angestellten zu bezahlen. Heute steht die Türkei sehr gut da.“ Die „Säuberung“ wird unterstützt Überhaupt wirkt es so, dass die Unterstützung Erdogans stark an den wirtschaftlichen Aufschwung geknüpft ist. Viele der teetrinkenden Männer erinnern sich noch an Zeiten in der Türkei, in denen die meisten Haushalte kein fließendes Wasser hatten. Die „Säuberung“ (Erdogan), die momentan in der Türkei stattfindet und in deren Verlauf tausende Menschen ihren Job verloren haben, wird grundsätzlich unterstützt. 

Es handele sich um Schummler, die über unlautere Wege an ihre Berufe gekommen waren. Bislang seien sie vom Präsidenten toleriert worden, jetzt wäre es für sie an der Zeit, die Posten zu räumen. Viele Bereiche der Türkei seien auch von der Gülen-Bewegung unterwandert. Diese nach dem Prediger und Gründer Fethullah Gülen benannte Organisation wird von vielen Türken verdächtigt, die Türkei zu unterwandern und einen Gottesstaat mit Gülen an der Spitze etablieren zu wollen. 

„Erdogan wurde von 52 Prozent aller Türken gewählt, Gülen nicht. Trotzdem hat er viel Einfluss durch die Schulen und Universitäten, die die Bewegung unterhält. Das ist vielen sus-pekt“, erklärt Harry. Wie es in der Türkei weitergehen wird, kann keiner genau vorhersagen, auch nicht beim Soester Kulturverein. „Es ist noch nicht vorbei“, sagt Tavus. „Es gibt noch zu viele Fragezeichen.“

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