Von Skepsis bis Verschwörungstheorie

Coronavirus im Kreis Soest: Passanten bei Demo beleidigt - Video und Fotos online

Bei der zweiten Kundgebung gegen die Corona-Schutzmaßnahmen in Soest waren etwa 40 Demonstranten.
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Bei der zweiten Kundgebung gegen die Corona-Schutzmaßnahmen in Soest waren etwa 40 Demonstranten.

Es war ein Protest der Zweifler. Doch verzweifelt waren vielmehr diejenigen, die eigentlich gar kein Teil des Geschehens waren: Die maskenlose Demo gegen die Corona-Schutzmaßnahmen sorgte am Samstag für Pöbeleien und fassungslose Passanten.

Soest – Dass ihr Weg, die Soester von ihren Thesen zu überzeugen, kein leichter sein würde, war den etwa 40 Demonstranten auf dem Petrikirchhof von Beginn an klar. 

Und so machten die Teilnehmer der zweiten Soester Kundgebung gegen die Corona-Schutzmaßnahmen und Impfungen spontan ein Rudelsingen, bei dem sie neben dem Stück „Die Gedanken sind frei“ auch ganz bewusst ein Lied von Xavier Naidoo anstimmten, der zuletzt durch die Verbreitung der antisemitischen Rothschild-Theorie aufgefallen war.

Als Verschwörungstheoretiker sahen sie sich nicht – man müsse ohnehin aufhören, Menschen in Schubladen stecken zu wollen, betonte Veranstalter Hendrik Küpper aus Ense. 

Bei der Corona-Demo in Soest haben sich die Protestanten gegen die Schutzmaßnahmen echauffiert.

Dass es sich bei den aktuellen Corona-Schutzmaßnahmen und den Bestrebungen, einen Impfstoff gegen das Virus zu finden, um eine Verschwörung handeln muss, stand für individuelle Teilnehmer jedoch fest: „Das Wort Theorie am Ende muss weggelassen werden, es ist ganz klar eine Verschwörung“, sagte eine Teilnehmerin.

Corona-Demo in Soest: Keine Verschwörungstheorien? Schutzmaßnahmen missachtet

Trotz ihres ernsten Anliegens war die Stimmung unter den Protestierenden gelassen. Polizeibeamte in Bulli und Pkw schauten nur von ihren Wagen aus zu. Der friedliche Protest sorgte dennoch für viele teils belustigte, teils wütende Passanten.

Demonstration gegen die Corona-Schutzmaßnahmen in Soest

Immerhin standen die Teilnehmer ohne Schutzmaßnahmen oftmals eng beieinander. In NRW ist wegen des Coronavirus vieles verboten, schrittweise Lockerungen vereinfachen das Leben allerdings wieder. Vereinzelte Demonstranten forderten vorbeigehende Soester und den Anzeiger-Reporter wiederholt dazu auf, ihre Mund-Nasen-Bedeckung abzulegen.

Corona-Demo in Soest: Veranstalter verliert Vertrauen in etablierte Medien

Veranstalter Hendrik Küpper versuchte in hitzigen Situationen schlichtend einzugreifen, respektierte andere Sichtweisen und trat mit verärgerten Soestern in den Dialog. Das Vertrauen in etablierte Medien hat der Enser seit Jahren verloren. Er bezieht seine Informationen aus alternativen Medienangeboten, etwa über YouTube-Kanäle.

Veranstalter Hendrik Küpper diskutiert mit Passant Tobias aus Soest, nachdem dieser von einer Demonstrantin bepöbelt worden war.

Küpper ist sich sicher: „Bill Gates ist ein Massenmörder.“ Und: „Viele Krankheiten kann man mit Heilpflanzen behandeln, wir brauchen keine Impfungen.“ Den Shutdown des Landes hielt er für zu extrem. „Dieses Virus ist nicht so schlimm, wie es erzählt wird. Niemand in meinem Bekanntenkreis kennt jemanden, der an diesem Virus verstorben ist.“ Auf Nachfrage erklärte der Organisator, dass das Ausbleiben der Corona-Toten jedoch nicht zwingend mit den getroffenen Schutzmaßnahmen korreliere.

Impfgegner bei Corona-Demo in Soest

Auch Frank aus Soest nahm am Protest teil. Er ist bekennender Impfgegner: „Es macht keinen Sinn, Krankheiten gespritzt zu bekommen. In meinen Augen gibt es keinen Grund dazu. Die Menschen in Deutschland haben lange genug den Mund gehalten.“

Bettina aus Soest fühlte sich wegen ihrer Meinung zu unrecht diffamiert. Sie sieht ihre Grundrechte in Gefahr: „Unsere Rechte sind beschnitten, zum Beispiel das Recht auf Meinungsfreiheit.“ Wie die meisten anderen Teilnehmer bedeckte auch sie Mund und Nase nicht. „Weil ich gesund bin. Ich habe mich zwar nicht testen lassen, fühle mich aber gesund.“

Teilnehmerin Bettina aus Soest

Die Reaktionen vieler Passanten auf die Thesen der Teilnehmer fielen sehr negativ aus. Auf Kritik reagierten Demonstranten vereinzelt beleidigend. Tobias aus Soest kommt beruflich selbst aus dem Gesundheitswesen, echauffierte sich über den Protest gegen die Schutzmaßnahmen.

Passanten fühlen sich von Corona-Demonstranten in Soest vehöhnt

Er fühlte sich von den Versammelten verhöhnt, wurde als „Schwachkopf“ und „Gehirngewaschen“ bezeichnet. Die maskenlose Kundgebung ließ ihn fassungslos zurück: „Die Leute handeln hier sichtlich unverantwortlich. Das finde ich sehr erschreckend. Wir haben eine aktuelle Bedrohungslage, die nicht von der Hand zu weisen ist – auch wenn die Fallzahlen in Soest Gottseidank klein sind.“ Aktuelle Entwicklungen zum Coronavirus in Soest finden Sie in unserem lokalen Ticker.

Was hier passiere, sei ein völliges Verdrehen der Tatsachen, so der Soester: „Die Fallzahlen sind klein, weil wir Maßnahmen hatten, an die wir uns gehalten haben. Nun ist die Argumentation so, dass Demonstranten Corona wegen der ausbleibenden Fälle leugnen.“

Bei der zweiten Kundgebung gegen die Corona-Schutzmaßnahmen in Soest waren etwa 40 Demonstranten.

Corona-Demo in Soest: Weitere werden folgen

Die Situation in Deutschland sei ein Privileg, immerhin lebe man in einer der freisten Nationen der Erde: „Ich finde es erschreckend, dass so viele Leute auf diese seltsamen Verschwörungstheorien reinfallen.“ Wie sich das Coronavirus in NRW entwickelt, können Sie in unserem großen NRW-News-Ticker nachlesen.

Auch am nächsten Samstag wollen die Demonstranten wieder ab 15.30 Uhr eine Stunde lang für ihre Überzeugungen eintreten. Der Ort der nächsten Veranstaltung war am Samstag zunächst unklar. Die evangelische Kirchengemeinde St. Petri-Pauli hat die Gruppe für künftige Kundgebungen vom Petrikirchhof verbannt.

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