„Vorwürfe sind haltlos“

Impfstoff-Vergabe: Krankenhaus-Mitarbeiter beschweren sich über ihre Chefs - Kliniken nehmen Stellung

Das Klinikum Stadt Soest und das Dreifaltigkeits-Hospital in Lippstadt haben Stellung zu den Vorwürfen ihrer Mitarbeiter genommen.
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Das Klinikum Stadt Soest und das Dreifaltigkeits-Hospital in Lippstadt haben Stellung zu den Vorwürfen ihrer Mitarbeiter genommen.

Mit den ersten verabreichten Impf-Dosen in den Krankenhäusern stieg bei manchen Noch-Nicht-Geimpften der Unmut und die Frage, warum bestimmte Personen ihre Dosis bereits erhielten.

Soest/Lippstadt – So meldete sich ein mutmaßlicher Mitarbeiter des Lippstädter Dreifaltigkeits-Hospitals anonym in unserer Redaktion. Er warf dem Hospital den „Verstoß gegen die Corona-Impfverordnung“ vor.

Als Beispiel führte er an, dass die Sekretärinnen zweier Chefärzte „am ersten Tag“ geimpft worden sein sollen, obwohl „diese Personen keiner Priorisierung angehören“. Zudem seien „noch mehr Kollegen, die gerade greifbar waren“, geimpft worden. Wenig später meldete sich telefonisch auch ein Mitarbeiter des Soester Klinikums, dessen Name der Redaktion bekannt ist. Auch er sei „sehr verärgert, dass Geschäftsführer Sven Freytag, geimpft wurde. Seinen Ärger begründete der Klinikums-Angestellte damit, dass andere Mitarbeiter, die am Patienten arbeiten, noch keine Impfung bekommen hätten.

Mitarbeiter wegen Impfstoff-Vergabe verärgert: Das sagt das Klinikum Stadt Soest

Das Klinikum Stadt Soest nahm Stellung: Sprecher Frank Beilenhoff bestätigte, dass Geschäftsführer Freytag geimpft wurde. Doch dies sei aus konkreten Gründen geschehen: „Herr Freytag ist Mitglied unserer Taskforce Corona und im täglichen Kontakt mit Mitarbeitern, die Kontakt zu Covid-19-Patienten haben. Zudem ist er als Geschäftsführer hauptverantwortlich für die Aufrechterhaltung des Betriebes und muss bei Bedarf auch Begehungen in Quarantäne-Bereichen durchführen können.“

Die Impfung des Geschäftsführers wurde „zum Schutz weiterer Mitarbeiter, die täglich mit Herrn Freytag Kontakt haben“ vollzogen. Koordiniert wird der Impfablauf von der „Taskforce Corona“. Freytag sei es „ein persönliches Anliegen“ gewesen, „mit gutem Beispiel voranzugehen und Mitarbeiter zu motivieren, die sich noch nicht für eine Impfung entschieden haben.“

Corona-Impfstoff: 636 Dosen beantragt, 300 Dosen bekommen

Das Klinikum hatte weniger als die Hälfte der beantragten Impfdosen geliefert bekommen – von 636 beantragten Dosen kamen 300 an. Nach den Kriterien des RKI wurde die Vergabe priorisiert. „An erster Stelle stehen Mitarbeiter mit Kontakt zu Covid-Patienten, die Mitarbeiter der Intensivstationen sowie Mitarbeiter in sogenannten Risikobereichen (Notaufnahme, Radiologie, Pädiatrie, Kreißsaal, Endoskopie, Onkologie). Zudem spielen Alter und Vorerkrankungen eine Rolle“, erklärte der Klinikums-Sprecher.

Auch die Dienstpläne und Verfügbarkeit der Angestellten mussten berücksichtigt werden. „Erschwerend kam hinzu, dass die gelieferte Impfstoff-Charge innerhalb von drei Tagen genutzt werden musste, obwohl uns im Vorfeld eine Haltbarkeit von fünf Tagen angekündigt worden war. Daher wurden vereinzelt Impftermine vorgezogen oder getauscht, um den Impfstoff vollständig und effizient verteilen zu können.“ Das Klinikum dankte seinen Angestellten für die „große Impfbereitschaft“ und dem Impfteam für die „hervorragende Organisation“. Die Impfungen seien „reibungslos, ohne Wartezeiten und nach den höchsten hygienischen Standards“ gelaufen.

Dreifaltigkeits-Hospital Lippstadt: „Vorwürfe sind haltlos“

Auch das Lippstädter Dreifaltigkeits-Hospital äußerte sich zu den Vorwürfen seines mutmaßlichen Mitarbeiters: „Aus unserer Sicht sind die anonym vorgebrachten Vorwürfe haltlos“, betonte Geschäftsführer Prof. Dr. Volker de Vry. 648 Dosen der Firma Biontech hatte das Hospital beantragt, 320 wurden geliefert und am 19. und 20. Januar verimpft. Dazu sei ebenfalls eine Priorisierung der Mitarbeiter durchgeführt worden. Die Ankündigung der Impfstoff-Lieferung und die genaue Anzahl der Dosen seien „sehr kurzfristig“ erfolgt, „sodass innerhalb weniger Stunden die exakte Priorisierung der Mitarbeiter vorgenommen werden musste.“

Dabei sei von höchster Priorität gewesen, dass „keinesfalls auch nur eine Impfdosis verworfen werden muss“, da es sich bei dem Biontech-Impfstoff um ein sehr kurz haltbares Medikament handelt, wenn es einmal vorbereitet wurde. „Insgesamt wurden keine Personen geimpft, die nicht unter die Impfpriorisierung fallen“, hieß es.

Impf-Vergabe in Lippstadt: Darum wurde eine Sekretärin mit der ersten Charge geimpft

Zu dem Vorwurf, dass die Sekretärinnen zweier Chefärzte ohne Priorisierung geimpft worden sein sollen, erklärte de Vry: „Im Rahmen der Impfaktion wurde eine Medizinische Fachangestellte, die im Sekretariat der benannten Chefärzte tätig ist und hier in unmittelbarem Patientenkontakt, auch im Rahmen von Untersuchungen steht, geimpft. Darüber hinaus ist diese Mitarbeiterin regelmäßig im Kassenärztlichen Notdienst tätig und hat ein sehr hohes Covid-19-Expositionsrisiko. Weitere Mitarbeiterinnen der Sekretariate wurden nicht geimpft.“ Die Impfung der Medizinischen Fachangestellten sei erfolgt, da im Rahmen der Impfaktion ein Mitarbeiter nicht erschienen war und eine Dosis drohte, verworfen werden zu müssen.

Corona-Impfung im Kreis Soest: Das passiert, wenn Impfstoff übrig ist

In der Tat bleiben auch bei den Impfungen in den Pflegeheimen häufig Impfdosen übrig, da sich die Zahl derer, die sich impfen lassen wollen, in den meisten Fällen nicht durch sechs teilen lässt – so viele Impfdosen können aus einem Fläschchen gewonnen werden.

Gängige Praxis sei es, so erläuterte es Wilhelm Müschenborn, Sprecher des Kreises Soest, dass die Mitarbeiter des Impfteams vor Ort dann noch einmal nachfragen, ob sich von Bewohnern oder Personal nicht doch noch jemand impfen lassen möchte. In aller Regel fänden sich dann genügend Impflinge. Ist das nicht der Fall, zieht eine Liste, auf der die Mitarbeiter des Rettungsdienstes stehen. Diese würden dann telefonisch kontaktiert und könnten sich spontan vor Ort eine Impfung geben lassen.

Dieser Fall trete allerdings selten ein. Von den rund 250 Mitarbeitern des Rettungsdienstes sei erst ein kleiner Teil geimpft. Unter dem Strich stehe auf jeden Fall fest, dass noch keine der wertvollen Impfdosen ungenutzt geblieben sei.

KOMMENTAR

Neidischer Blick auf die Nadel

Von Matthias Staege

Ich wage eine Prognose und wäre bereit, einen ordentlichen Betrag darauf zu wetten, dass ich recht behalte: „Impfneid“ wird das Wort des Jahres 2021.

Es ist seit jeher eine Eigenart des Menschen, im Kampf um knappe Ressourcen aneinander zu geraten. Das kann man immer beobachten, wenn es irgendwo Sonderangebote oder gar etwas umsonst gibt. Das sah man zu Beginn der Pandemie an der absurd-lächerlichen Klopapier-Hamsterei und man sieht es jetzt erst recht, wenn es um die Impfungen geht – eine ebenfalls knappe Ressource, die aber im Unterschied zu verlockenden Sonderangeboten unter Umständen über Leben und Tod entscheidet.

Da mag Geduld noch so sehr eine Tugend sein. Dass die meisten Menschen den Impftermin kaum erwarten können, ist menschlich und verständlich. Und natürlich wird sehr wachsam und von vielen Bürgern auch mit Neid auf die geschaut, die jetzt geimpft werden. Das erst recht, wenn sie gar nicht zu der Gruppe gehören, die eigentlich bevorzugt in den Genuss des Impfstoffs kommen sollte.

Es ist wichtig, dass die Öffentlichkeit genau überwacht, ob da womöglich Funktionsträger ihre Position ausnutzen um sich beim Impfen – salopp gesagt – ein bisschen vorzudrängeln. Auch wenn es manchmal ganz pragmatische Gründe gibt, warum jemand geimpft wird, der eigentlich noch gar nicht dran ist und am Ende ohnehin jeder Geimpfte ein kleiner Schritt zum Sieg über die Pandemie ist: Alle, die Zugriff auf den Impfstoff haben, sollten mehr als nur das eigene Wohl im Blick haben. Neid ist nicht angebracht, Skepsis hingegen sehr legitim.

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