Fiese Tierquälerei

Leiterin des Tierheims in Soest warnt vor skrupelloser Hunde-Mafia

Ausgesetze Hunde, skrupellose Welpenhändler, uneinsichtige Menschen. Beim Tierschutz herrscht alles andere als heile Welt. Jetzt meldet sich die Soester Tierheim-Leiterin Birgit Oberg zu Wort - wenn ihr nicht gerade die Worte fehlen.

Soest – Manchmal fehlen Birgit Oberg die Worte. „Das ist so gruselig“, sagt sie dann. Oder: „Können Sie das glauben?“ Das passiert, wenn es um die osteuropäische Hunde-Mafia geht. Oder um Menschen, die unbedingt einen Hundewelpen haben wollen – aber nicht um jeden Preis, sondern möglichst billig. Auch wenn die Sprache auf die „Corona-Tiere“ kommt, ringt die Soester Tierheim-Leiterin um Worte. Oder wenn sie von Menschen erzählt, die ihre todkranken Hunde vorm Heim aussetzen.

Beim Anzeiger-Besuch kommt sie gleich zur Sache. Sie zeigt zehn Hundewelpen, die gerade in der Vermittlung sind. Die stammen aus einer Zucht im Einzugsgebiet des Tierheims. Das Ordnungsamt hatte die Welpen mitsamt der Mutter in Kooperation mit der Halterin ans Tierheim vermittelt. Der Grund: Die Zucht von Kampfhunden in NRW ist verboten. „Das sind American Staffordshire-Mischlinge“, klärt Oberg auf. Die dürfen bei uns nicht gezüchtet werden. Gut vermittelbar seien die jungen Hunde trotz der vielen Auflagen für Kampfhunde.

Gerade ist zum Beispiel die französische Bulldogge ein absoluter Modehund. Die Hundemafia bietet diese Tiere angeblich geimpft und gechipt und mit allen Papieren zu Preisen um 400 Euro an. Wer so einen Hund kauft, muss wissen, was dahinter steckt. Und das sind schlimmste Bedingungen für die Tiere.

Birgit Oberg

Dann wird es grundsätzlich. Es geht um das „Millionengeschäft mit Welpen“. Jetzt spricht Birgit Oberg „bei einer handvoll Menschen in unserem Einzugsbereich“ lieber von „Vermehrern“ anstatt von „Züchtern“. Die seien zwar ganz legal unterwegs, hätten aber nichts als finanzielle Interessen.

Tierquälerei: Welpen leben unter erbärmlichen Bedingungen

„Da wird den Leuten vorgemacht, dass es mal einen Wurf Welpen gegeben hat, den man jetzt in gute Hände abgeben will“, so Oberg. Dabei lebten die Tiere oft unter erbärmlichen Bedingungen. „Doch viele Menschen sehen nur den süßen Welpen und verdrängen alles andere.“ Dabei reicht nach Ansicht der Leiterin ein wenig Skepsis aus, um skrupellosen Tierhändlern hierzulande auf die Spur zu kommen.

So süße Welpen: Laura Schildmann (links) und Birgit Oberg präsentieren die Kampfhund-Welpen, die gerade vermittelt werden.

Wenn Tiere besonders günstig angeboten werden oder die Mutter nicht zu besichtigen ist zum Beispiel, dann sollten die Alarmglocken klingeln. „Dann kommt das Ordnungsamt oder das Veterinäramt auch gerne mit, um alle Fragen zu klären.“

Tierhandel als lukratives Geschäft

Nach Waffen- und Drogenhandel ist das lukrativste Geschäft in Europa der Tierhandel. Eine bedeutende Rolle spielt hier der Handel mit Welpen. Denn mittlerweile sind es nicht mehr nur ein paar Händler, die mal schnell einen Schwung Welpen aus Osteuropa nach Deutschland oder Österreich schmuggeln. Es geht um organisiertes Verbrechen in großem Rahmen, skrupellos verdiente Gewinne in Millionenhöhe, begleitet von ebenso immensem Leid. So schätzt das Hundemagazin „Wuff“ die Situation ein. Viele Hunde lebten auf engstem Raum in mit Urin und Kot verdreckten Ställen. Der Transport der Welpen verstoße gegen das Tierseuchenschutzgesetz, das einen Transport von Welpen erst im Alter von 12 Wochen erlaubt. Dass viele Tiere wegen der übervollen Container während der Fahrt sterben, werde toleriert.

Das Problem: Einige Fans von Hundewelpen wollen gar keine Fragen stellen. Das gilt ganz besonders bei den Importen von Hundewelpen aus Osteuropa. „Gerade ist zum Beispiel die französische Bulldogge ein absoluter Mode-Hund. Die Hunde-Mafia bietet diese Tiere angeblich geimpft und gechipt und mit allen Papieren zu Preisen um 400 Euro an. Wer so einen Hund kauft, muss wissen, was dahinter steckt. Und das sind schlimmste Bedingungen für die Tiere.“ So rechneten die Händler bei den Transporten mit 50 Prozent toten Tieren oder pumpten die Welpen mit Antibiotika so voll, das viele später daran sterben. „Ist das nicht einfach nur grausam?“, fragt Birgit Oberg.

Als grausam und ungerecht wird sie im Übrigen auch selbst immer wieder beschimpft. Wenn sie etwa Menschen ein Tier nicht anvertraut, die sich jetzt in der Corona-Zeit einen Hund wünschen oder ein Kaninchen zum Spielen für die Kinder. „Das machen wir grundsätzlich nicht, weil wir die Situation für die Tiere auch nach der Corona-Zeit im Auge haben.“ Natürlich sei auch das Team im Tierheim fehlbar und entscheide schon mal falsch. „Aber was passiert denn mit einem Hund, wenn das Herrchen wieder ins Büro muss?“

Tierquälerei: der Egoismus des Menschen

Immer wieder ist es der Egoismus des Menschen, der gegen das Tierwohl abgewogen wird. Und weil eine wie Birgit Oberg schon viel erlebt hat, ist sie vorsichtig geworden. „Das ist so gruselig“, sagt sie, wenn die die Geschichte eines uralten Hundes erzählt, der einfach vor dem Heim abgesetzt wurde. Der habe zwar noch drei Monate gelebt, musste dann aber eingeschläfert werden „von Menschen und in einer Umgebung, die unbekannt sind für den Hund“.

Besser hinsehen auf die Bedürfnisse der Tiere, Hintergründe beleuchten, Tiere bis zum Ende begleiten – und den Bewohnern aus dem Tierheim eine Chance geben, das wünscht sich Birgit Oberg fürs neue Jahr. „Fahrt gerne in fünf Tierheime und sucht Euch ganz in Ruhe einen Hund aus“, rät sie. Und wenn es schon ein Welpe sein müsse, dann doch bitte einen aus einer ordentlichen Zucht.

Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt.

Mahatma Gandhi

Sollte der Rat der Tierheim-Leiterin auf fruchtbaren Boden landen, dann fallen die Begriffe „gruselig“, „unglaublich“ oder „Können Sie das glauben?“ künftig vielleicht seltener. Dass sie ganz verschwinden, daran glaubt Birgit Oberg nicht.

Hundewelpen und Mutter nicht beschlagnahmt

In einer ersten Vision hatten wir berichtet, die zehn Hundewelpen aus dem Soester Tierheim seinen zuvor mitsamt ihrer Mutter beschlagnahmt worden. Tatsächlich aber hat es nach Angaben des zuständigen Ordnungsamtes und der Halterin keine Beschlagnahmung gegeben. Vielmehr werden die Welpen auf freiwilliger Basis vom Tierheim vermittelt. Die Mutter namens „Mira“ darf voraussichtlich am Sonntag zurück nach Hause.

Rubriklistenbild: © Jutta Niggemeier

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