„Hilfsfrist in Gefahr“

Feuerwehr-Chef sieht Tempo-30-Diskussion kritisch und schlägt einen Kompromiss vor

Soests Feuerwehr-Chef Jürgen Wirth.
+
Soests Feuerwehr-Chef Jürgen Wirth.

Wird Soest zur Tempo-30-Zone? Diese Diskussion ist jüngst entflammt. Doch würde ein Haus in Flammen stehen, hätte diese Tempo-Drosselung zumindest in ganz bestimmten Bereichen Auswirkungen darauf, wie schnell die Feuerwehr es löschen kann. Das sagt Jürgen Wirth, Leiter der Soester Feuerwehr. Er schlägt einen Kompromiss vor.

Soest – Wenn es brennt, kommt es manchmal eher auf Sekunden als auf Minuten an. Mit Blaulicht und Martinshorn macht sich dann die Feuerwehr auf den Weg zum Unglücksort. Autos müssen den Einsatzfahrzeugen Platz machen. Geschwindigkeitsbegrenzungen dürfen von der Feuerwehr überschritten werden. Doch damit die Feuerwehrautos überhaupt ausrücken können, müssen die ehrenamtlichen Einsatzkräfte erst einmal zur Wache kommen. Und genau da sieht Wirth das Problem.

Es gehe vor allem um die freiwilligen Feuerwehrleute, die in der sogenannten „Schutzzone” in der Nähe der Wache am Florianweg wohnen. Und auf dem Weg zur Feuerwache beispielsweise über den Brunowall, den Immermannwall oder am Ulrichertor vorbei müssen. „Wir wollen das Tempo 30 nicht überall in der Stadt kategorisch verhindern. Jedoch sollte die Geschwindigkeit nicht dort weiter eingeschränkt werden, wo unsere Einsatzkräfte zeitgerecht zur Wache entlang müssen”, erklärte Wirth seinen Kompromiss.

Tempo 30 in Soest? „Das hätte erhebliche Auswirkungen“

Wenn nämlich diese Feuerwehrleute im langsam fließenden Verkehr feststecken würden, gerate das festgelegte Schutzziel in Gefahr, so Wirth. „Würden die genannten Bereiche zur Tempo-30-Zone, hätte das erhebliche Auswirkungen”, betont der scheidende Feuerwehr-Chef. Denn genau die Leute, die aus der „Schutzzone” zum Einsatz kommen, seien dafür zuständig, dass die Hilfsfrist gehalten werden kann.

Zur Erinnerung: Bei einem „kritischen Wohnungsbrand”, bei dem es also um Menschenleben gehen könnte, muss die Feuerwehr mit neun Einsatzkräften acht Minuten nach der Alarmierung vor Ort sein. Das ist unter anderem eine Auflage der Bezirksregierung für die Ausnahmegenehmigung, die die Stadt Soest von der eigentlichen Pflicht befreit, eine hauptamtliche Wache, die rund um die Uhr besetzt ist, zu betreiben.

Tempo-30-Diskussion in Soest: „Dadurch würde unser Erreichungsgrad nach unten gedrückt“

„Würde die Höchstgeschwindigkeit herabgesetzt, würde dadurch unser Erreichungsgrad nach unten gedrückt. Wir haben im vergangenen Jahr das lange angepeilte Ziel, die Hilfsfrist in 90 Prozent der betreffenden Einsätze einzuhalten, erreicht und mit 91 Prozent sogar übertroffen. Das sollte auf keinen Fall aufs Spiel gesetzt werden.” Wirth sei von den Plänen irritiert: „Man kann nicht auf der einen Seite entsprechende Schutzziele festlegen und auf der anderen Seite etwas dagegen tun, dass wir die Ziele erreichen.”

Ein Beispiel Wirths: „Im Baugebiet Nord würden wir die vorgegebenen acht Minuten nicht mehr halten können. Es wird extra eine Ampelschaltung installiert, durch die wir die Minute, die uns fehlt, wieder reinholen können. Die Konsequenz: Es wird eine teure Ampelschaltung installiert und durch die 30 Stundenkilometer-Begrenzung wieder egalisiert.” Sollte das Tempo herabgesetzt werden und der Schutzziel-Erreichungsgrad darunter leiden, könnte die Bezirksregierung ihre Ausnahmegenehmigung zurückziehen. Eine hauptamtliche Wache mit jährlichen Kosten von 1,8 Millionen Euro wäre die Folge.

Feuerwehr-Chef: Hauptamtliche Wache würde den Erreichungsgrad nicht verbessern

„Und wenn man meint, eine hauptamtliche Wache wäre besser, was den Erreichungsgrad angeht, als eine Feuerwehr mit ausschließlich freiwilligen Kräften, der muss sich nur mal in den benachbarten Kommunen umschauen, wo es eine solche hauptamtliche Wache gibt.”

Feuerwehr Lippstadt wurde ausgebremst

In Lippstadt, der einzigen Kommune im Kreis Soest mit einer hauptamtlichen Wache, wirkte sich die Verkehrsberuhigung „zusehends negativ auf die Eingreifzeiten“ der Feuerwehr aus. Neben innerstädtischen Tempo-30 wurde auch eine großflächige „rechts-vor-links“-Regelung eingeführt.

Für die freiwilligen Einsatzkräfte des Löschzugs 1 sei die Wache, die mitten in der Stadt liegt, durch die Beruhigung schlecht erreichbar geworden, berichtete im Februar Joachim Elliger, Leiter des Fachbereichs Sicherheit und Ordnung der Stadt Lippstadt. Demnach konnten die ehrenamtlichen Feuerwehrleute durch die Verkehrsmaßnahmen teilweise erst „nach acht bis zehn Minuten“ ausrücken. „Dann sind andere Feuerwehren in der Regel schon am Einsatzort“, sagt der Lippstädter Stadt-Chefjurist.

Die Befürworter, die Soest als flächendeckende 30er-Zone haben möchten, argumentieren mit „weniger Unfällen” und „weniger Schadstoff-Ausstoß”.

Tempo-30-Diskussion: „Es sollten alle Fakten auf den Tisch gelegt werden“

Feuerwehr-Chef Jürgen Wirth ist sich sicher, dass die Unfallzahlen durch das geringere Tempo nicht sinken würden: „Auch die Auswertungen der Polizei haben gezeigt, dass es kein Problem mit Tempo-bedingten Unfällen auf dem inneren Ring gibt. Die tödlichen Rad-Unfälle mit abbiegenden Lkw hatten beispielsweise nichts mit der Geschwindigkeit zu tun. Was den Klimawandel angeht, kann ich die Wirksamkeit einer solchen Maßnahme nicht bewerten. Doch es sollten alle Fakten auf den Tisch gelegt werden: Die 1,8 Millionen Euro für eine hauptamtliche Feuerwache, die als Konsequenz kommen könnte, könnte die Stadt Soest besser an anderer Stelle in den Klimaschutz investieren”, so Wirth.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare