„Mir fehlen echt die Worte über so viel Dreistigkeit”, macht sie ihrem Unmut in der Facebookgruppe „Du weißt, Du bist Soester, wenn…” Luft und erhält dort nicht nur viel Zuspruch, es melden sich auch etliche weitere Personen, denen es ähnlich ergeht: „Besonders heftig fand ich den Kommentar einer Frau, die beschrieb, dass der komplette Blumenstrauß samt Schleife und Vase bereits gestohlen wurde, keine 24 Stunden nach der Beerdigung ihres Schwiegervaters. Diese Pietätlosigkeit macht einen wütend. Selbst, wenn es Menschen sind, die sich selber keinen Grabschmuck leisten können, so wäre das doch auch keine Lösung.”
Das wäre immer noch die romantischere Variante. Aber solche Vorfälle häufen sich quer durch ganz Deutschland. Vor knapp zwei Jahren nahm die Polizei in Nürnberg eine Bande fest, die monatelang auf mehreren Friedhöfen auf Diebestour gegangen war, Grabschalen und andere Teile aus Kupfer, Messing oder Bronze von den Gräbern mit Werkzeug und roher Gewalt herausgebrochen und diese an Schrotthändler als Kiloware verkauft hatte.
„Das fällt unter Schrottdiebstahl, solche Fälle hatten wir länger nicht mehr”, meint Polizeisprecher Wolfgang Lückenkemper. Darunter fällt zum Beispiel, wenn die Diebe im großen Stile die Kupferdächer der Kreuze und Laternen abreißen, um sie bei Schrotthändlern zu verticken, „aber da sind unsere Schrotthändler in der Region mittlerweile sensibilisiert.”
Zur Zahl der Grabschmuck-Diebstahlsfälle kann Lückenkemper keine Angaben machen, da sie in der Statistik mit allen anderen Fällen einfachen Diebstahls zusammenfallen – zumal die wenigsten wegen eines Blumenstraußes die Polizei einschalten. „Erfahrungsgemäß steigt die Zahl immer Ende Oktober, Anfang November zu Allerheiligen”, warnt er schon einmal. Klar, um die Zeit der Totengedenktage steigen sowohl Angebot wie Nachfrage. Auch Lückenkemper zeigt sich betroffen: „Blumensträuße von Gräbern klauen – wie tief kann man noch sinken?”
Das Grab von Dagmar Hillmers Eltern befindet sich in keinem versteckten Winkel, sondern an einem Hauptweg, zudem ist der Friedhof nachts geschlossen – sofern also der Grabschmuck keinem Dieb den Aufwand wert ist, bei Nacht und Nebel über Zäune oder Hecken zu klettern, wird dieser am Tag entwendet, was die Dreistigkeit der Diebe unterstreicht. „Und es macht ja auch keinen Sinn, immer wieder aufs Neue Pflanzschalen zu kaufen”, weiß Hillmer auch nicht mehr weiter. Alternativen? „Man möchte ja nicht aufgeben, indem man nichts mehr aufs Grab stellt, aber auf Dauer geht das ja auch ins Geld. Wir überlegten schon, echt wirkende Plastikblumen zu kaufen. Auch die können gestohlen werden, aber vielleicht sind sie für die Diebe weniger interessant.”
Dass sie nicht allein das Opfer der Diebe ist, beweisen die Kommentare unter ihrem Facebook-Beitrag. Andere Soester schreiben, wie auf einem ebenfalls an einem Hauptweg gelegenen Grab regelmäßig die Tulpen herausgerissen wurden, vom Blumenstrauß auf dem Grab der Mutter, der noch am selben Abend verschwand, und eine Mutter berichtet, dass vom Grab ihres Sohnes mehrfach Oster- und Weihnachtsdeko sowie Blumen entwendet wurden. Und es gibt Tipps: Die Vasen und Schalen beschriften und somit entwerten oder festkleben.
Doch was hilft gegen Diebe? Wie kann man dagegen vorgehen? Alle 20 Meter einen Wachmann aufzustellen, ist kaum zu finanzieren. Versteckte Kameras? „Ich denke, wir werden damit leben müssen”, resigniert Hillmer.