Der Skandal in Lügde und was das Soester Jugendamt daraus lernt

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Lügde über 100 Kilometer entfernt von Soest, und trotzdem wird auch in Soest überlegt, welche Lehren es aus dem Missbrauchsskandal zu ziehen gilt.

Soest – Lügde und der Campingplatz, wo massenhaft minderjährige Kinder sexuell missbraucht worden sind, liegt über 100 Kilometer von Soest entfernt. Doch das grauenhafte Geschehen im Ostwestfälischen hat selbst hier im Soester Jugendamt die Dienstbesprechungen in den vergangenen Tagen und Wochen bestimmt.

 

Hätte so etwas auch hier passieren können? Welche Lehren lassen sich daraus ziehen?, lauten die zentralen Fragen.

„Es ist der worse case“, der schlimmste Fall, der auf ein Jugendamt zukommen könnte, sagt Meinhard Esser, Fachbereichsleiter für Jugend und Soziales im Soester Rathaus. „Wenn Sie alles haben wollen, so etwas wollen sie nicht.“ Obwohl er und sein Team Profis sind und durch ihre tägliche Arbeit manche menschlichen Abgründe kennengelernt haben: „Ich habe erst mal genauso betroffen reagiert, wie jeder andere auch, als ich von Lügde gehört habe“, sagt Esser. 

Allein dem Hauptverdächtigen Andreas V., dem Dauercamper, der die Kinder in seinen Wohnwagen gelockt und sie vergewaltigt und missbraucht haben soll, werden 293 Fälle zur Last gelegt. Ein paar mal waren die Behörden dem 56-Jährigen auf den Fersen; doch es dauerte viel zu lange bis zur Festnahme. Hätte so ein Andreas V. auch in Soest unter dem Radarschirm bleiben können?

 „Wir würden nie nie sagen, denn ausschließen lässt sich so etwas nicht“, antwortet Esser. Doch nach der Aufarbeitung des Falls im Ostestfälischen, nach der Überprüfung der Standards und Abläufe bei Missbrauch-Verdacht habe das Soester Jugendamt nichts Grundlegendes ändern müssen. „Wir haben keinen Veränderungsbedarf“, sagt Jürgen Winkler, der Leiter des Jugendamts. Die Abläufe seien festgelegt, die Mitarbeiter immer wieder geschult worden, und: „Es darf nie eine Einzelentscheidung geben.“ 

Bekommt das Jugendamt einen Hinweis – egal von wem, egal, ob mit offenem Visier oder anonym – machen sich sofort mindestens zwei Mitarbeiter an den Fall und recherchieren. Es werde geprüft, ist es nur ein vager, am Ende unbegründeter Verdacht, der dem Jugendamt da gemeldet worden ist. 

Sollte sich aber der Verdacht durch gezielte Ermittlungen erhärten und sich am Ende als „hart“ erweisen, rücken die Mitarbeiter des Sozialen Dienstes „sofort“ aus und nehmen das Kind in Obhut – zur Not auch gegen den Willen seiner Eltern. 

„Der nachhaltige Schutz für das Kind hat oberste Priorität“, heißt es auch beim Kreis Soest, der ein eigenes Jugendamt für die Gemeinden rund um Soest unterhält. Hinweise auf möglichen sexuellen Missbrauch würden im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte beraten, und es folge immer die persönliche Inaugenscheinnahme des Kindes. 

Acht Hinweise auf möglichen sexuellen Missbrauch hat das Soester Jugendamt im vergangenen Jahr erhalten. Zum Glück, so Winkler, ist am Ende in keinem Fall die Herausnahme des Kindes aus seiner Familie erforderlich gewesen. 

Der Grat ist schmal, auf dem sich die erfahrenen Profis des Sozialen Dienstes bewegen. Was ist dran an den Hinweisen, sind es womöglich nur „Doktorspiele“ unter Kindern, die da angezeigt worden sind. Oder steckt mehr dahinter? Wie nehmen Lehrer und Erzieher in Schule und Kitas die Kinder wahr? Was ist ihnen aufgefallen? Oder wird hier womöglich nur jemand angeschwärzt, mit dem der Informant noch eine Rechnung offen hat? 

Die ersten Hinweise, etwas könnte nicht stimmen, können von überall herkommen, es gibt kein festes Muster: Mal rufen Nachbarn, Verwandte, mal die Schule, die Kita oder völlig Unbeteiligte an, die einfach nur eine Szene beobachtet haben, die ihnen nicht koscher erscheint. Nur mit akribischer Recherche der Sozialarbeiter lässt sich die Spreu vom Weizen trennen, lässt sich verlässlich klären, ob Gefahr im Verzug ist und sofort ein Kind in Sicherheit gebracht werden muss. „Es ist ein gutes Verfahren, das wir leben“, sagt Winkler. 

Gerade weil die Expertise unter den neun Mitarbeitern des Allgemeinen Sozialen Dienstes durch jahrelange Arbeit, Weiterbildung und Austausch mit anderen Jugendämtern und Fachdiensten groß sei. Sobald sich ein Verdacht erhärte, werde eine Fallkonferenz gebildet. 

Weitaus mehr Arbeit im Alltag als die zum Glück seltenen Fälle sexuellen Missbrauchs bereitet dem Soester Jugendamt körperliche Gewalt und Vernachlässigung von Kindern. Winkler: Wegen dieser Fälle haben wir im vergangenen Jahr 40 Kinder in Obhut nehmen müssen. 

Auch hier gilt das Prinzip: Erst einmal das Kind aus der Krisensituation befreien, Ruhe schaffen und danach gründlich, aber zielstrebig zu überlegen und zu entscheiden, wie es weitergeht: Heim, Pflegeeltern, Rückkehr in die Familie unter besonderen Auflagen und Beobachtung. Es gehe immer um „passgenaue Hilfen“.

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