Premiere Stadt Oper

Riesenbeifall für den weißen Verführer "Don Giovanni"

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Soest - In Soest trägt Don Giovanni Weiß. Aber ein Unschuldslamm ist die wuchtige Gestalt , die alle um Haupteslänge überragt und drei Stunden lang das Bühnengeschehen beherrscht, deswegen nicht. Am Mittwochabend feierte die Stadtoper Premiere.

Mit dem Sängerteam hat Michael Busch, musikalischer Leiter und „Erfinder“ der Stadtoper, einen Glücksgriff getan. Die sieben Profi-Stimmen harmonieren bestens miteinander. Er ist – wie es das Textbuch will – ein Lüstling, der mordet, ausnutzt, intrigiert, und jeden gegen jeden ausspielt, um seine Wünsche zu erfüllen. Und dennoch: „Du wolltest, dass er dich will!“, wirft der Bauer Massetto seiner Zerlina vor. Und sie kontert: „Und ihr Männer, ihr wollt doch alle sein wie er.“

Die fünfte Soester Stadtoper, „Don Giovanni“ von Wolfgang Amadeus Mozart, erlebte gestern im überdachten Außenbereich des nicht ganz ausverkauften Kulturhauses „Alter Schlachthof“ eine bejubelte Premiere.

Friedrich von Mansberg, den die Soester schon lange als Sänger und Regisseur kennen, inszeniert das Werk wie ein buntes, spannendes Volksstück. Den philosophisch-literarischen Überbau, mit dem die Jahrhunderte diese „Oper aller Opern“ befrachtet haben, schiebt er weitgehend beiseite, greift auf das ursprüngliche Drama zurück und stellt Mozarts Musik in den Mittelpunkt. Erfreulicherweise hat von Mansberg es vermieden, Text und Handlung krampfhaft zu modernisieren oder zu aktualisieren, als er Lorenzo da Pontes Libretto entstaubte.

Stadtoper Don Giovanni

All seine Veränderungen tragen vielmehr dazu bei, die Geschichte verständlicher zu machen. Er nutzt alle Möglichkeiten, die ihm auf der improvisierten Bühne zur Verfügung stehen. Dem begrenzten Raum begegnet er mit sechs großen Spiegeln, die sich vielfach verwenden und drehen lassen.

Zudem gelingt es von Mansberg, den üblichen Schluss zu entmystifizieren und die Oper zu einem plausiblen Ende zu führen. Die Aldegrever-Schüler, die wie vor zwei Jahren bei „Cosi fan tutte“ mitmachen, sind diesmal sinnvoll als Hofstaat, Kulissenschieber und Volk ins Geschehen integriert.

Erzählt wird aus Sicht des Paares Zerlina und Massetto. Pamela Heuvelmans und Ulf Dirk Mädler ist anzumerken, dass sie Soest kennen; sie waren schon bei Stadtoper Nummer vier dabei. Souverän und spielfreudig treiben sie die Handlung vorwärts.

Überhaupt bringt die quirlige Sopranistin Schwung ins Geschehen. Die Regie verlangt ihr in den Liebeshändel mit Don Giovanni einige amüsante akrobatischem Kapriolen ab. Allzuoft muss sie sich auf dem Boden wälzen.

Zu dem temperamentvollen Bauernpaar kontrastieren die distinguierten Edelleute Sarah Längle als Donna Anna und Philipp Ott als Don Ottavio. Sie hätten mehr Drive an den Tag legen, für ihre großen Arien jedoch hatten sie reichlich Beifall verdient.

Cornelia Fisch zeigt als unnahbare und verlassene Donna Elvira, die nicht wahr haben will, dass Giovanni sie verlassen hat, eine wunderschöne Partie. Der Chilene Gonzales Simonetti als Leporello ist textlich gelegentlich schlecht zu verstehen, gesanglich und darstellerisch jedoch überzeugend.

Und schließlich die Titelfigur selber. So wie ihn Georg Gädker spielt, stellt man sich den skrupellosen, narzisstischen Lebemann Giovanni vor. Seine Ausschweifung haben Spuren hinterlassen. Größenwahnsinnig wankt er über die Bühne, mit schiefer Perücke, die Flasche in der Hand. Der Bariton – obwohl schon bei der Generalprobe leicht lädiert – präsentiert bei der Premiere überzeugende Spielfreude.

Schwerstarbeit über drei Stunden leistet das kleine Orchester. Zehn Musiker können nicht den opulenten Klang eines Streicherensembles samt 15 Bläsern erreichen. Notgedrungen bleibt der Klang ein bisschen dünn. Doch fehlt der reduzierten Partitur nichts. Es klingt dramatisch und lieblich, dämonisch und mitreißend.

Wer Mozarts Musik liebt, Opern nicht nur im gesellschaftlichem Hochkultur-Kontext mag und den Reiz von Off-Produktionen zu schätzen weiß, der sollte eine Aufführung der fünften Soester Stadtoper nicht versäumen.

Weitere Aufführungen: freitags, mittwochs und sonntags bis zum 21. Juni, jeweils um 19.30 Uhr. Um 19 Uhr gibt es einen Einführungsvortrag von Francis Fisch. Karten 15 bis 55 Euro: Anzeiger-Geschäftsstelle am Schloitweg und Hellweg Ticket.

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