Radfahrer demonstrieren für ihre Sicherheit

Foto: Brüggestraße

Soest -  Ob sie im Alter auf einmal zum Krawall neige? „Nein, nein – ich doch nicht“, gluckst Erna Kramm vergnügt im Getümmel am Jakobitor und rückt sich den Fahrradhelm zurecht: „Aber hier geht es um eine wichtige Sache. Ich habe das mit der Fahrraddemo in der Zeitung gelesen – und da habe ich mir gleich gedacht: ‘Da fährste mit...!’ – Ich mach’s für die Fahrräder, für die Radfahrer“, erzählt die 67-Jährige aus Soest.

Die Stadt sei fahrrad-unfreundlich findet sie. Die Autofahrer in Soest seien durchaus rüpelig: „Die bremsen nicht mal“, sagt Kramm: „Die sollten mal besser auf die Schwächeren im Verkehr aufpassen.“

Zwei Schritte weiter gibt Marita Stratmann gerade ein Interview: „Es ist echt schade: Acht Jahre lang hat sich der Fahrradstreifen bewährt in der Jakobistraße, jetzt soll er wieder weg“, trauert sie in die Kamera und erzählt gleich hinterher: „Ich bin viel mit dem Rad unterwegs, man kennt mich als die Bürgermeisterin mit dem Fahrrad. Ich finde, man müsste doch einen Kompromiss finden mit den Leuten in Berlin...“

Demo für die Radstreifen

Klaus Kabst, stellvertretender Kreisvorsitzender des Fahrradclubs ADFC, er hat die Demo am Jakobitor mitorganisiert. Kabst ist überwältigt: „150 Leute am Samstagmorgen bei mäßigem Wetter für uns auf dem Fahrrad: Ich bin baff, da habe ich nicht mit gerechnet.“ Worum es ihm gehe? „Wir wollen den Mittelstreifen erhalten in der Jakobistraße“, sagt er. „Und in der Nöttenstraße.“ Soest könne neues touristisches Ziel sein für alle Leute, die sich für Verkehrspolitik interessieren und mal in der Praxis sehen wollen, wie Friede sein kann zwischen Radlern und Autofahrern.

Acht Jahre habe sich das bewährt, und alle vertragen sich, findet er. Und dass die Stadt da mit der Einführung des Radstreifens mitten auf der Fahrbahn, am Rechtsfahrgebot vorbei, mal ordentlich was richtig gemacht habe. Wer’s erfunden habe? „Tja, wir nicht“, sagt Kabs: „Das ist denen bei der Stadt selber eingefallen – denen gebührt hier alles Lob.“

Umso ärgerlicher sei es, dass jetzt rumgemault um rumdiskutiert werde, dass „diese Juristen in Berlin“ alles wieder abkratzen lassen wollen vom Asphalt: Zurück zum früheren Konkurrenzkampf zwischen Rad und Auto. Dabei schreie die Jakobistraße geradezu nach dieser eleganten Lösung. Kabst: „Es ist so eng, dass ohnehin niemand überholen dürfte: 1,5 Meter, das ist gerichtlich entschiedener Seitenabstand, den man einhalten müsste, wenn man als Autofahrer einen Radler überholt.

Machen Sie das mal in der Jakobistraße!“ Und außerdem sei es für die Radler ohnehin gefährlich beim Fahren am rechten Rand: „Steigt jemand aus dem Auto aus und wird der Radler von einem Auto bedrängt, dann macht er eine Rolle vorwärts über die geöffnete Fahrertür. Wollen wir sowas wieder haben? Ich finde: Nein!“

Zweimal drehten alle Fahrrad-Demonstranten deshalb die Runde am Samstagvormittag. Start war am Jakobitor, dann ging es die Straße hinunter, durch die Innenstadt in die Nöttenstraße und von dort zurück zum Jakobitor. Die Polizei sperrte jedes Mal kurz die Kreuzung – die Autofahrer hielten brav. Überhaupt hat nicht einer gehupt oder merklich geschimpft. „Das Verständnis ist eigentlich da“, sagte Kabst. Und: „Wir wollen keine Autofahrer verteufeln – von den Leuten, die hier demonstrieren, sind ja auch viele selber Autofahrer. Es ist nur eben so, dass man es sich in der Praxis leichter machen könnte, als es mit dem Rechtsfahrgebot ist.“

Was die Strampelei im Pulk nun gebracht habe? „Ich weiß es nicht“, sagt Kabst in der Bilanz: „Ich hoffe mal, es hat Aufmerksamkeit gebracht. Und einen Bericht mehr. Wir hätten den Leuten aus Berlin das ja gerne selber alles vor Ort erläutert. Eingeladen sind sie – aber hier gewesen ist noch niemand. Das ist schade.“

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