Prosektur als Wartesaal für die vorletzte Reise

Im wahrsten Sinne des Wortes: Soester Krankenhäuser haben "Leichen im Keller"

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Markus Böddecker ist am Klinikum Stadt Soest unter anderem für die Prosektur im Kellergeschoss verantwortlich.

Soest – Wo gelebt wird, da wird auch gestorben – natürlich auch dort, wo es vor allem um die Gesundheit der Menschen geht, in Krankenhäusern. Wessen Leben dort endet, der landet in der Prosektur – gut gekühlt bleiben die Verstorbenen hier so lange, bis sie von Bestattern abgeholt werden.

Wenig verwunderlich, liegen die Prosekturen (lateinisch: pro „vor“ und secare „schneiden“) im Marienkrankenhaus und im Klinikum Stadt Soest abseits der belebteren Abteilungen und Wege.

Im Klinikum verbergen sich insgesamt drei Räume, tatsächlich im Kellergeschoss, hinter einem Zugang mit der nicht zuletzt dank vieler TV-Krimis bekannten Aufschrift „Pathologie“:

  • eine Kühlung, in der bis zu acht Verstorbene für einige Tage aufbewahrt werden können
  • ein weiterer Raum für Obduktionen 
  • ein dritter, der als „Abschiedsraum“ nur noch selten genutzt wird – vorwiegend für die Waschung von Toten muslimischen Glaubens durch deren Familienangehörige.

Diese räumliche Struktur gibt es auch im Marienkrankenhaus, wobei sich die Kapazität dort auf sechs Verstorbene beschränkt, die bei vier bis sechs Grad in der Regel nur wenige Tage dort bleiben. Dann werden sie an Bestattern übergeben und für ihre allerletzte Reise vorbereitet. 

Würde und Funktionalität

Die Prosektur ist vor allem ein funktionaler Ort, der einen würdevollen Umgang mit Toten ebenso gewährleisten soll wie eine möglichst reibungslose Abwicklung der vorgeschriebenen Schritte bis zum Weitertransport der Körper. 

So kümmern sich hier Pfleger um die Herrichtung und Reinigung von Verstorbenen, die sie zuvor nicht selten auch als Patienten betreut haben, bestätigen Martin Krampe, Pflegedirektor am Marienkrankenhaus, und sein Kollege vom Klinikum, Markus Böddecker, der diese Aufgabe stellvertretend übernommen hat. 

Vor allem Funktionalität zeichnet die Lage der Räume aus. An beiden Häusern sind sie für Fahrzeuge leicht zu erreichen. 

Nur fürs Foto hat Martin Krampe die sonst verschlossene Tür zwischen Abschieds- und Obduzierraum geöffnet.

Die Ausstattung ist ebenfalls funktional. Kühler Edelstahl dominiert bei den Fronten und im Inneren der kleinen „Kühlhäuser“ ebenso wie im Obduktionsraum nebenan. Dort arbeiten Teams der Gerichtsmedizin aus Dortmund oder Bochum, um Todesursachen zweifelsfrei zu klären, die auf den ersten Blick nicht klar sind.

 In der Regel geschieht das zwar nicht vor Ort. Wohl aber aber in nicht so seltenen Ausnahmefällen, wenn es von der Staatsanwaltschaft angeordnet wird. 

Der Alltag in einer Prosektur sieht wenig spektakulär aus. Abschied von ihren Lieben nehmen Angehörige meistens bereits in speziellen Räumen auf den Stationen. Einmal angekommen in der Kühlung, bleiben die Verstorbenen dort ungestört, bis entweder die Familie oder, falls die verstorbenen Personen niemanden mehr hatten, das Ordnungsamt ein Bestattungsunternehmen mit der Abholung beauftragt. 

Keine "Überbelegung"

Dabei allerdings kommt es immer öfter zu im wahrsten Sinne „schweren Momenten“, besonders in der Prosektur des Marienkrankenhauses. Dort sind die Boxen relativ klein. Da aber die Menschen zunehmend größer und gewichtiger werden, kann es dort buchstäblich eng werden. 

„Überbelegung“ sei dagegen kein Problem: „Bis jetzt“, sagen Krampe und Böddecker übereinstimmend, „hat der Platz immer gereicht“.

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