Einzigartiges Denkmal

Pizza, Malen und Wohnen im Soester „Anno“

Pizzabäcker im Anno / Miracco
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Startklar im „Anno“: Die Brüder Johnny und Luca Miracco mit ihrem Koch Vincenzo Rose und ihrem Barista Paolo Roca.

Im „Anno 1888“ schließt sich gerade der Kreis. In das 133 Jahre alte Gebäude schräg gegenüber dem Museum Morgner in der Thomästraße zieht wieder Gastronomie ein, so wie sie viele Jahre lang das einstige Möbelhaus prägte.

Soest –Weil in dem Haus so ziemlich alles alt und denkmalgeschützt ist, passt auch das Konzept der Brüder Johnny und Luca Miracco gut zur Geschichte. Die Wurzeln ihrer Familie liegen in Kalabrien, hier sind sie schon als kleine Jungen auf den Olivenbäumen der Großeltern rumgeklettert und haben immer in den sechswöchigen Aufenthalten italienische Küche in ihrer ursprünglichen Form erlebt: Also Pizza Neapolitana, viel fluffiger Teig, kross gebacken ohne dicken Rand und natürlich mit Mozzarella und nicht mit irgendwelchem holländischen Käse drauf.

„Eigentlich“, sagen Stefan Nöcker und Johannes Berger von der Soester Holzbaufirma Materio, die das komplette Anno samt dahinter liegender Werkstatt zusammen mit der Zimmerei Müller von Grund auf saniert haben, sollte das Lokal schon im Oktober öffnen. So wie im vergangenen Jahr auch die Soester Malschule hier eine Etage darüber eingezogen ist. Die Kinder hier malen jetzt viel online, und die Pizzabäcker warten auf das Ende des Lockdowns.

Lockdown: Genug gewartet

So oder so. Im Mai soll es nun aber losgehen. Wenn das Virus dann immer noch den Alltag bestimmen sollte, starten sie mit Außer-Haus-Verkauf oder dem Essen draußen auf der Terrasse.

Neben Malschule und Pizzeria sind im „Anno“, der einstigen Soester Kult-Kneipe, 13 Eigentumswohnungen in dem dreigeschossigen Bau entstanden. Die ersten Apartments sind bereits im vergangenen August bezogen worden, an den letzten beiden wird noch gewerkelt.

Die ganze Bandbreite, die eine Kernsanierung eines betagten und denkmalgeschützten Baus so mitbringen kann, haben Nöcker und Berger erlebt. Erhalten werden musste sogar das alte Fichten-Fachwerk an der früheren Werkstatt im Hinterhof. Fichte trotzt zwar längst nicht so wie Eiche Regen und Wind und hätte aus ökonomischer Sicht besser entfernt gehört. Doch in Soest gibt es kein zweites derart repräsentatives Haus aus alter Zeit, wo Ausstellungsfläche, Werkstatt und Wohnungen unter einem Dach mal vereint waren. Also muss alles für die Nachwelt irgendwie erhalten werden.

Komplett alles unter Schutz

Die Denkmalbehörden stellten alles unter Schutz. Mit beinahe skurrilen Folgen: Vom Fachwerk im hinteren Teil ist nichts mehr zu sehen; vielmehr wird es heute von einer davor montierten neuen Holzfassade „geschützt“. Und das alte Holztreppenhaus, über das die Kneipengänger immer von der Theke nach oben in die Galerie gestapft sind, muss ebenfalls für die Nachwelt erhalten bleiben. Weil es heute nicht benötigt wird, ist die Treppe fein in einen Holzverschlag verpackt.

Geschichte ganz anderer Art und weitaus familiärer prägt dagegen die Brüder Miracco. Johnny erzält, die Gastronomie sei ihm praktisch in die Wiege gelegt worden. Und nicht nur durch die Kochkünste und die mediterrane Art seiner Großmutter. Johnnys Vater hat schon vor vierzig Jahren mit dem Kochen hier in Deutschland angefangen; heute betreibt er das Restaurant „Erbsälzer“ in Werl. Für den 27-Jährigen habe es nie etwas anderes gegeben als den Wunsch, eines Tages ein eigenes Ristorante eröffnen zu können.

Das mag wegen Corona holprig geworden sein, doch das Virus habe es nicht geschafft, ihm solche Wünsche zu rauben. „Man ist ja noch jung“, sagt Miracco, „und macht sich schon viele Gedanken, das alles richtig einzuordnen; schließlich hat noch niemand so eine Krise erlebt.“ Doch der Gedanke an die neapolitanische Küche, ihre Genüsse und sich mit dieser „Ursprünglichkeit“ so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal zu sichern, habe sämtliche Zweifel schnell zerstreut.

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