Besuch im Hochsicherheitsgefängnis

Ex-Häftlinge machen Schüler nachdenklich

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Dirk Michgehl spricht mit Schülern über seine Vergangenheit als Häftling.

Soest – Die Achtklässler der Paulischule haben einen besonderen Unterrichtstag erlebt. Als erste Schule in NRW war der Soester Einrichtung erlaubt, die Justizvollzugsanstalt (JVA) Werl zu besuchen. Es war ein Tag, der nachdenklich gestimmt hat.

In der JVA begegneten die Schüler speziell vorbereiteten „Knackis“, wurden kurz selbst in eine Zelle geschlossen und durften Gefängnisessen probieren. „Die Schüler gehen breitschultrig rein“, sagt Dirk Michgehl. „Und kommen sehr kleinlaut und nachdenklich wieder raus.“

Michgehl ist der Grund dafür, dass die Paulischüler in das Hochsicherheitsgefängnis eingelassen wurden. Er gehört dem Verein „Gefangene helfen Jugendlichen“ an und ist bereits seit 2017 regelmäßig im Unterricht. 

"In der Haft habe ich erst begonnen, mich zu verstehen und zu hinterfragen"

Dort steht er für Fragen zur Verfügung und berichtet vor allem aus dem Knastalltag, den er gut kennt: Er war selbst wegen bewaffneten Drogenhandels zu 96 Monaten Haft verurteilt, wurde nach 66 davon vorzeitig entlassen und hat wenig später angefangen, als Dozent für Sucht- und Gewaltprävention bei dem Verein zu arbeiten. 

„In Haft habe ich erst begonnen, mich zu verstehen und zu hinterfragen“, sagt Michgehl, der im Gespräch mit den Schülern deutliche Worte wählt, ihre Sprache spricht. „Das Schlimmste war für mich damals, meinen Sohn wieder zu treffen.“

Sandra Noltsch, die kommissarische Leiterin der Hauptschule, hat das Projekt angestoßen und die Vereinsvertreter in den Unterricht sämtlicher Klassen gebeten. „Eine gute Sache“, befindet sie heute, „unwahrscheinlich authentisch.“ 

Warten Freunde auf die Häftlinge? Was ist mit der Familie?

In der Tat habe er sich den Alltag hinter Gittern „nicht so drastisch“ vorgestellt, sagt ein Schüler, der nicht genannt werden will. Nur so viel: Er gehört zu denjenigen, die nach dem JVA-Besuch das Vier-Augen-Gespräch mit Michgehl gesucht haben. 

„Die Schüler erschüttert es zu hören, wie sehr eine Zeit im Gefängnis das ganze Leben ändert“, sagt Noltsch. Fragen zeigen das: Warten die Freunde auf einen? Was ist mit der Familie?

Besuch soll Schülern Konsequenzen von Straftaten aufzeigen

In den achten Klassen, so hat es Noltsch beobachtet, „beginnen die Schüler, Dinge auszuprobieren und ihre Grenzen auszutesten“. Kiffen gehöre dazu, auch von kleineren Diebstählen ist da schon mal die Rede. Um sicherzustellen, dass die Grenze hier tatsächlich nicht überschritten wird, sei der Präventionsunterricht hervorragend geeignet, heißt es.

Der Verein „Gefangene helfen Jugendlichen“ besteht seit 22 Jahren und ist seit 2014 auch in Nordrhein-Westfalen im Aufbau

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