Mit "Pauli" hat jetzt auch die letzte Soester Hauptschule den Betrieb eingestellt

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Ungewöhnlicher Abschied: Die letzten Pauli-Hauptschüler erhalten ihre Zeugnisse in der weitläufigen Sporthalle.

Soest – Soest hat jetzt nicht nur Abschied von der Paulischule genommen, sondern auch gleich von dem Typus Hauptschule. Binnen weniger Jahren sind alle drei Hauptschulen der Stadt verschwunden.

Zum denkwürdigen Anlass passte gestern das Zeremoniell: Keine große Zeugnisausgabe mit Eltern, sondern ein überschaubarer Rahmen mit den 62 Absolventen, ihren Lehrern und einer Handvoll Offizieller in der Sporthalle. Des großen Abstands wegen. 

Dabei war alles für einen schönen letzten Schultag auf dem Pausenhof vorbereitet. Doch wäre ein Schauer runtergekommen, so Rektorin Sandra Noltsch, hätten alle unter das Vordach und in die Eingangshalle flüchten müssen. Die nötige Corona-Distanz hätte nicht eingehalten werden können. 

Knapp 70 Jahre hat es die Paulischule gegeben. Sie entstand 1953 als evangelische Volksschule, als Flüchtlings- und andere Familien zu Tausenden im Soester Südosten siedelten. Später, 1968, wurde aus der Volks- die Hauptschule. Sandra Noltsch ist seit 2012 hier und hat miterlebt, wie in den vergangenen fünf Jahren Jahrgang pro Jahrgang verschwand und die Schule buchstäblich auslief. 

Mehr noch dürfte das den langjährigen Lehrern unter die Haut gegangen sein, die hier Jahrzehnte unterrichtet haben. „Denen dürfte es schwer ums Herz werden“, meint die Schulleiterin, „denn ein enges Miteinander hat die Schule geprägt.“ Der gute Geist unter den Lehrern habe auf die Schüler abgefärbt. Der Schule, so hatte der langjährige Schulleiter Walter Frigger mal beschrieben, ging es nicht nur um guten Unterricht und respektable Zeugnisse – für jeden Jungen und jedes Mädchen wurde noch während der Schulzeit der Plan für die Zeit danach entworfen. 

Und heute? Die meisten Abschlussschüler werden auf ein Berufskolleg wechseln und weiter lernen, sagt Noltsch. Die sich für eine Lehre entschieden haben, kämpfen gerade mit den Folgen der Pandemie. Viele Firmen zögern mit den Zusagen. 

Bis Freitag haben die 16 Lehrer, die Sekretärin und der Hausmeister Zeit, klar Schiff zu machen. In mehr als 20 Umzugskisten wird der Nachlass verstaut: Die alten Klassenbücher, die noch weitere zehn Jahre aufbewahrt werden müssen, die Zeugnisse, die sogar 50 Jahre gesammelt werden. Fürs Erste gehen die Dokumente in die Sekundarschule nebenan, später soll alles ins neue Archivgebäude der Stadt wechseln. 

Stichwort Sekundarschule, die gleichsam als Ersatz für die Hauptschule neu entstanden ist: Neben ihrem Stammgebäude am Troyes-Weg wird sie sich im Pauli-Bau am Müllingser Weg ausbreiten. Die neuen Fünfer-Klassen sind bereits im Sommer 2019 hier eingezogen. Gar nicht schlecht, sagt Noltsch, so kam zusätzlich Leben in das Haus, in dem jahrelang nur Schüler ausgezogen sind. 

Die Hauptschulen in Soest aufzugeben, sei richtig gewesen, sagt Anne Richter, Grünen-Ratsfrau und Vorsitzende des Schulausschusses. Die Schulform habe einfach Imageprobleme gehabt, am Ende hätten immer weniger Eltern ihre Kinder dort angemeldet. Bedauerlich dabei: Gerade die Paulischule habe am wenigsten zu diesem Image beigetragen. „Sie war eine gute Schule, die sich durch großes Engagement ausgezeichnet hat.“

Die Abschiedsworte von Schulleiterin Sandra Noltsch

Liebe (ehemalige) Schülerinnen und Schüler der Paulischule,

liebe (ehemalige) Lehrerinnen und Lehrer der Paulischule, 

liebe Soesterinnen und Soester!

Am 15. Juni 2020 haben wir zum letzten Mal die Abschlusszeugnisse an unsere Schülerinnen und Schüler ausgegeben.

Im Jahr 1953 wurde die Paulischule als evangelische Volksschule gegründet und nach 67 Jahren endet nun die Geschichte der Paulischule – die letzte Soester Hauptschule löscht für immer das Licht.

Die Paulischule war in allen Jahren immer unterschiedlichsten Neuerungen und Veränderungen unterworfen. Alle Herausforderungen wurden von den Lehrerinnen und Lehrern angenommen und es wurde sich immer um die bestmögliche Lösung für die Hauptakteure der Schule, die Schülerinnen und Schüler, bemüht. Das Lernen und Lehren war selbstverständlich die Hauptaufgabe der Schule. Dennoch war die Paulischule nicht nur Lernort, sondern vielmehr ein Lebensort für alle am Schulleben Beteiligten. Die „Pauli-Familie“ bestand immer aus einem eng miteinander arbeitenden und von Zusammenhalt geprägten Kollegium und einer Schülerschaft, die „ihre“ Schule als zweite Heimat, Rückzugsort und psychische Stütze empfunden hat. Dass die Paulischule diesen Lebensort mit vielfältigen pädagogischen Angeboten füllen konnte, hat sie neben den Lehrkräften vielen Honorarkräften, Ehrenamtlichen und Kooperationspartnern zu verdanken.

Ein wichtiger Baustein der pädagogischen Arbeit der Paulischule war die Sprachförderung neu zugewanderter Kinder und Jugendlicher. Die erste Sprachförderklasse startete im Jahr 1989 und wurde bis heute ohne Unterbrechungen fortgeführt. Auch wenn es die Paulischule nicht weiter geben wird, so lebt in Soest doch ein Teil „Pauli“ weiter. Ich bin froh, dass die Sprachförderklassen zukünftig an der Christian-Rohlfs-Realschule weiter bestehen werden und so vielen Kindern und Jugendlichen der Weg zu einer guten Schulbildung als Fundament für ihr weiteres Leben geebnet wird.

Leider kann die Paulischule ihren Abschied nicht im Rahmen einer großen Zusammenkunft feiern. Daher möchte ich mich auf diesem Weg im Namen des Kollegiums herzlich bedanken.

Ich danke den Eltern und den Schülerinnen und Schülern für ihr jahrzehntelanges Vertrauen in die pädagogische Arbeit der Paulischule. Ich danke allen Kolleginnen und Kollegen für ihr Engagement, ihre pädagogische Arbeit und ihren Einsatz für die Schülerinnen und Schüler. Ich danke allen Schulleitungsmitgliedern für ihre vorausschauende Arbeit um die Paulischule immer auf Kurs zu halten. Ich danke den Schulhausmeistern und den Schulsekretärinnen, die die Arbeit an der Paulischule immer tatkräftig unterstützt haben. Ich danke den Soester Schulen, der Stadt Soest als Schulträger, dem Schulamt des Kreises Soest und der Bezirksregierung Arnsberg für die vertrauensvolle Zusammenarbeit und Unterstützung. Ich danke allen Honorarkräften, ohne die eine Vielfalt an Arbeitsgemeinschaften nicht möglich gewesen wäre. Ich danke allen Kooperationspartnern der Jugendhilfeeinrichtungen, des Treffpunkts Süd und aus der heimischen Wirtschaft für die lange Zusammenarbeit. Nicht zuletzt danke ich dem Kollegium und der Elternschaft der Christian-Rohlfs-Realschule, die unsere Sprachförderklassen mit ihren Klassenlehrerinnen herzlich willkommen heißen.

Zum Schluss bleibt mir nur ein Wunsch: Behalten Sie die Paulischule in guter Erinnerung und lassen Sie sie ein Teil der Soester Geschichte werden.

Im Namen des Kollegiums der Paulischule

Sandra Noltsch, kommissarische Schulleiterin

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