Ohne PC geht bei Blinden nichts mehr

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Unterricht erhalten Blinde und Sehbehinderte im LWL-Berufskolleg vornehmlich am Computer.

Soest - Laut Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO gibt es mehr als eine Million sehbehinderte Menschen in Deutschland – in Soest dürfte aufgrund des Bildungszentrums für Blinde und Sehbehinderte der prozentuale Anteil sogar deutlich höher liegen.

Um auf deren Bedürfnisse aufmerksam zu machen, führte der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) 1998 einen eigenen Gedenktag ein: den Sehbehindertentag. Er findet jährlich am 6. Juni statt. Anlass genug, die drei Einrichtungen des Bildungszentrums näher vorzustellen.

Die Geschichte der drei Schulen reicht 170 Jahre zurück – 1845 nahm die erste Schule mit sechs blinden Kindern ihren Betrieb aus. Den Begriff „Blindenschule“ bekommt man seither nur schwer aus den Köpfen der Soester heraus. Denn die drei Einrichtungen haben sich seither immer stärker weiter entwickelt. Nicht nur räumlich, seit die Schule am Hohnekirchhof 1944 im Krieg ausgebombt und am Hattroper Weg neu aufgebaut wurde. Der technische Fortschritt, der in manchen Unternehmen eher zum Stellenabbau führt, hat sich hier als wahrer Segen entpuppt – ohne den Computer wären der Schulbetrieb und auch der Alltag sehbehinderter Menschen heute nicht mehr denkbar.

„Es ist das Hilfsmittel schlechthin – für die Schüler wie für die Lehrer“, betont Franz-Karl Lindner, Leiter der von-Vincke-Schule. Die Kinder lernen von Anfang an, wie man mit diesen Geräten umgeht. Ab Klasse 7 arbeiten sie mit dem Laptop, schreiben auch ihre Klassen- und Abiturarbeiten damit – in jeder anderen Schulform undenkbar. Lindner: „Wir Lehrer mussten früher unsere Arbeitsblätter zusätzlich auch mit der Punktschriftmaschine in Blindenschrift schreiben. Heute schreibt man das zuhause am Rechner, übersetzt es hier im Haus in Braille und druckt es direkt aus.“

Auch in handwerklichen Berufen können Sehbehinderte somit leichter eine Anstellung finden: Letztlich läuft auch hier heute vieles über den Rechner.

„Das stellt auch neue Anforderungen an das Lehrpersonal“, hebt Theo Wenker hervor, Schulleiter des Berufskollegs. „Unsere Lehrer müssen einfach sehr gut mit einem Rechner umgehen können. Wir arbeiten im Unterricht viel mit digitalen Medien.“ Zurzeit sind das vor allem noch USB-Sticks. Die Schule ist aber auf der Suche nach ökonomischeren Maßnahmen wie einer Cloud, die dem Sicherheitsanspruch des LWL genügt. „Dieser Veränderung in der Ausstattung unserer Schüler muss man Rechnung tragen. Die Technik in unseren Häusern ist schon gut und muss dennoch immer wieder neu mitziehen.“

Dabei brauchen sich die drei Schulen nicht über mangelnde Fördergelder zu beklagen. Die hauseigene Einrichtung bezahlt der Träger, in diesem Fall der Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Die Kosten für die Hilfsmittel der Schüler übernehmen die Krankenkassen, zum Beispiel für die sogenannte Braillezeile, ein Computer-Ausgabegerät, das Zeichen in Blindenschrift darstellt und durch das die Sehbehinderten große Teile der Standardsoftware benutzen und selbständig am Computer arbeiten können. Die meisten nutzen den eigenen Laptop – den übernimmt die Kasse natürlich nicht, da ein PC in heutigen Haushalten so selbstverständlich ist wie Kaffeemaschine und Mikrowelle.

Doch ebenso wie die technischen Anforderungen ist auch das Klientel im steten Wandel. Wenker: „Schule ist immer in Bewegung, sie ist nie statisch, gerade hier nicht. Jetzt ist neben der Technik die Inklusion unsere neue Herausforderung. Wir in Soest waren Ende der Siebziger Jahre die erste Gesamteinrichtung, die die Kinder integrativ beschulen ließ. Wir betreuten das erst blinde Kind, das zum Conrad-von-Soest-Gymnasium ging.“

Eltern tendieren heute, in Zeiten der Inklusion, stärker dazu, ihre Kinder auf allgemeinen Schulen anzumelden. Erwin Denninghaus, stellvertretender Leiter des Berufsbildungswerks, ergänzt: „Durch die verschiedenen neuen Programm, die das Land aufgelegt hat, gibt es zunehmend Alternativen zu uns. Immer mehr Betriebe sind bereit, Menschen mit Behinderung auszubilden. Dementsprechend müssen auch wir sehen, dass wir unser Angebot anpassen, um wettbewerbsfähig zu bleiben, und Leistungen anbieten, die die Betroffenen brauchen und die die Kostenträger auch bereit sind, zu bezahlen.“

Dennoch gingen die Schülerzahlen nur geringfügig zurück, so die drei Schulleiter übereinstimmend. Zum einen würden immer mehr schwerbehinderte Kinder hier angemeldet, zum Beispiel solche, die zu früh auf die Welt kamen und dadurch schwere Handicaps erlitten. Heute sind die Überlebenschancen solcher „Frühchen“ viel höher als noch vor einigen Jahrzehnten. „Zum anderen hat man in jüngerer Vergangenheit Krankheitsbilder entdeckt, die entweder noch nicht bekannt waren oder bis dahin fälschlich als Lernbehinderung eingestuft wurden“, berichtet Lindner. Ein Beispiel dafür nennt sich „Cerebral Visual Impairment“, kurz „CVI“ . Lindner: „Die Betroffenen haben einen vollkommen intakten Augenapparat – aber der Weiterleitungs- und Verarbeitungsprozess funktioniert nicht. Ein detailreiches Bilderbuch nehmen sie nur als farbige Masse wahr. Letztlich ist jede Sehbehinderung anders.“

Und noch etwas hat sich geändert: Die „Residenzpflicht“, die den Schulleitern einst vorschrieb, in der Einrichtung zu wohnen, wurde abgeschafft. Lindner lachend: „Sonst würden wir drei heute eine WG bilden. Ob das gut ginge ...“

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