Offenes Geschichtsbuch: Archäologische Grabungen zwischen Höggen- und Rosenstraße

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Akribisch durchforsten die Mitarbeiter der Stadtarchäologie jeden Zentimeter des Bodens. Mit Kelle, Hacke und Bürste wird Schicht für Schicht vorsichtig abgetragen und nach Fundstücken untersucht.

SOEST - Die Soester Archäologen graben derzeit auf einer großen Fläche zwischen Höggen- und Rosenstraße und machen bemerkenswerte Funde. „Wir haben es hier mit einer großflächigen Untersuchung zu tun, die bislang Befunde ab der Jungsteinzeit gebracht hat“, berichtet Stadtarchäologe Dr. Walter Melzer.

Für den Laien sieht das Feld eher unscheinbar aus. Unter einem Folientunnel entdeckt man im Erdreich einige Kammern. Ansonsten liegen einige Steine herum, ragt ein Mauerrest in der Mitte der Fläche auf – und es wuseln an die 15 Ausgräber herum. Sie haben kleine Schüppchen, Hacken, Pinsel, Schaber und Schaufeln als Werkzeug und durchkämmen systematisch den Boden.

Der Fachmann allerdings sieht hier im Boden 6000 Jahre Soester Geschichte aufgeschlagen wie in einem Buch. Vor jedem Bauprojekt in der Altstadt rückt erst einmal Melzer mit seinen Mitarbeitern an. „Wir haben hier zuerst einige Prospektionsschnitte gemacht, um festzustellen, ob überhaupt Befunde zu erwarten sind“, erläutert Melzer. Die Ergebnisse waren vielversprechend. Also rückte der Bagger an und schälte vorsichtig die Verfüllungen der Neuzeit vom Boden.

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Ausgrabungen in der Höggenstraße

Dann ging es Schlag auf Schlag. Im westlichen Teil der Fläche stießen die Forscher auf eine markante Verfärbung im Erdreich. Der gewachsene Lößboden und Lehm ist hellgelb. Befunde und Verfüllungen mit Siedlungsabfällen sind meistens deutlich dunkler eingefärbt. „Wir haben ein weiteres Stück eines Erdwerks der Michelsberger Kultur gefunden“, berichtet der Wissenschaftler.

Dieses Erdwerk ist in Soest nicht unbekannt. Melzer fand ein solches vor Jahren auf dem früheren Burgtheater-Parkplatz, dann weiter westlich ein zweites. Und jetzt kommt zum dritten Mal ein Zeugnis dieser fast 6000 Jahre alten Kultur ans Tageslicht.

Die Menschen haben damals vermutlich zwei ringförmige Gräben ausgehoben. An dieser Stelle war er zwei Meter tief, an der Sohle acht Meter breit und oben zehn Meter. Dieser jungsteinzeitliche Befund ist allerdings weitgehend frei von beispielsweise Keramikfunden. „Ein Glück“, meint Melzer. Denn sonst müsste er den gesamten Bereich des Erdwerks systematisch ausheben und untersuchen – und könnte den Zeitplan bis Ende September nicht mehr einhalten. Denn Investor Dieter Schädel möchte zügig mit dem Bau von vier Mehrfamilienhäusern beginnen. So wird der Graben dokumentiert, aber nicht ausgeschürft.

Etwas weiter zur Grundstücksmitte liegt unter einer Folie „ein hochinteressantes Objekt“. Es handelt sich um einen Schmelzofen, den Melzer noch nicht genau datieren kann. Grob ordnet er ihn ein zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert. In diesem Ofen wurde Buntmetall geschmolzen. Gleich daneben gibt es einen Arbeitsbereich mit Resten, die auf ein Metallhandwerk hindeuten. Melzer vermutet, dass die Buntmetallverarbeitung, die er vom 8. bis 10. Jahrhundert auf dem Plettenberg schon früher nachgewiesen hat, dann verlagert wurde zur Höggenstraße. So könnte der Ofen vielleicht aus dem 10. oder 11. Jahrhundert stammen.

Drumherum gibt es mehrere Gruben, Kloaken, Steinkeller. „Wir haben hier eine Besiedlung ab der karolingischen Zeit gefunden“, stellt er weiter fest. Die Abfallgruben und Keller stammen aus dem Hoch- und Spätmittelalter. Am westlichen Rand wurde der Keller eines Steinhauses angeschnitten.

Diese Fläche ist zum Glück seit langer Zeit unbebaut gewesen.“ So wurden die mittelalterlichen Befunde im Erdreich kaum durch neuzeitliche Eingriffe, etwa für Kellerbauten und Fundamente, gestört. Wenn hier demnächst Tiefgaragen gebaut werden, dann wird allerdings alles Alte vernichtet. „Wir haben es dann aber dokumentiert und die Funde gesichert“, sagt Melzer zufrieden.

Archäologen, Studenten, Schüler und Hellweg-Jobber sind hier im Einsatz – teils als Vorbereitung für den Beruf. - kf

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