Nur in Dortmund gibt es mehr

Ursachenforschung: Darum gibt es im Kreis Soest so viele freie Lehrstellen

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Die Ausbildung hat Till Emmelmann (links) bei der Firma Stahl geschafft. Von seinem Ausbilder Jens Volmer kann er trotzdem noch eine Menge lernen.

Kreis Soest – Die Handwerkskammer Dortmund hat die offenen Lehrstellen für die Städte und Kreise im Kammerbezirk veröffentlicht: Insgesamt sind es 1216. Der Kreis Soest zählt mit 219 offenen Ausbildungsmöglichkeiten zu den Spitzenreitern.

Nur Dortmund (288) bietet noch mehr Möglichkeiten für Jugendliche. In Hamm (60) oder dem Kreis Unna (169) führt die Handwerkskammer deutlich weniger freie Lehrstellen auf.

„Das ist gut und schlecht“, sagt Thomas Behrning von der Kreishandwerkerschaft Hellweg-Lippe, „Gut, weil die jungen Menschen viele Auswahlmöglichkeiten haben. Schlecht, weil viele Betriebe intensiv suchen müssen. Der Bedarf im Handwerk ist groß.“ In der Kreishandwerkerschaft sind die großen Handwerksbereiche in Innungen organisiert – freiwillig.

Freie Lehrstellen: "Handwerk hat ein Imageproblem"

Behrning betreibt Ursachenforschung: „Zum einen gibt es keine geburtenstarken Jahrgänge mehr. Andererseits hat das Handwerk aber auch ein Imageproblem. Viele Jugendliche machen nach der zehnten Klasse lieber das Abitur und gehen anschließend studieren. Die Handwerksbetriebe müssen attraktiver für Bewerber werden.“

Doch sieht Behrning auch die Politik in der Pflicht. Er befürwortet, dass mit dem Azubi-Ticket ein „kleiner Schritt“ in die richtige Richtung gemacht wurde. 80 Euro pro Monat kostet das Ticket für Auszubildende. Jetzt käme es auch auf die Betriebe an. „Es gibt natürlich die Möglichkeit, dass Ticket zu bezuschussen oder vollständig zu übernehmen“, erklärt er.

Die Top 3

Neben der Zahl der offenen Lehrstellen führt die Handwerkskammer auch die „Top 3 der angebotenen Ausbildungsplätze“ auf. In Soest werden vor allem Elektroniker in der Energie- und Gebäudetechnik, Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie Metallbauer in der Konstruktionstechnik gesucht.

Die Hans Stahl GmbH aus Soest bietet gleich zwei der Top-3-Ausbildungsberufe an. Für Geschäftsführer Stefan Torley ist die Suche nach Auszubildenden eine Herausforderung: „Es besteht kaum noch Interesse am Handwerk. Außerdem haben viele Menschen ein falsches Bild im Kopf.“

Das Klischee sei längst überholt

Den „Bild-Zeitung lesenden Handwerker im Muskelshirt und mit Kaffeekanne“ gäbe es schon lange nicht mehr. Die Ansprüche an die Arbeitskräfte seien gestiegen. „Unsere Mitarbeiter müssen programmieren und laufen mit Laptop oder Tablet durch die Gegend“, erklärt Torley.

Immer häufiger bieten Fachhochschulen und Universitäten mittlerweile auch ein Duales Studium im Handwerk an. Ein erster Schritt – „aber wir wollen auch nachhaltig ausbilden“, erklärt Jens Volmer, Meister und Ausbilder bei Stahl. Wer sein Studium abgeschlossen habe, bliebe anschließend nicht unbedingt im Betrieb.

Fünf Auszubildende haben bei Stahl zuletzt ihre Gesellenprüfung abgelegt – sie arbeiten auch in Zukunft weiter für den Fachbetrieb.

"Es wird immer schwieriger"

Till Emmelmann ist einer von ihnen, er ist froh, dass er sich nach der Schule für eine Ausbildung entschieden hat. „Einen Job im Büro konnte ich mir einfach nicht vorstellen. Ich wollte am Ende eines Tages sehen, was ich geschafft habe.“ Auszubildende wie Till gäbe es immer weniger, ist das Credo. „Es wird immer schwieriger, die Jugendlichen für Handwerkstätigkeiten zu begeistern“, sagt Torley. Die Auftragsbücher seien voll, die Perspektiven gut. „Das wird sich auch in den nächsten 30 Jahren nicht ändern“, fügt Volmer hinzu.

Jetzt seien aber auch die Handwerkskammern und Innungen in der Pflicht – das Image der Branche schnellstmöglich aufzupolieren.

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