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Neues EU-Verbot ab Januar: Soester Tätowierer bangen um ihre Existenz

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Von: Marcel Voß

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Eine neue EU-Verordnung geht den Soester Tätowierern unter die Haut. Denn durch sie wird ab dem 4. Januar kommenden Jahres ein Großteil an Tattoo-Farben verboten.

Soest - Dass die Einschränkungen bei den Betroffenen auf keine Begeisterung stoßen, überrascht kaum. Hintergrund des neuen Verbots ist eine mögliche Gesundheitsgefahr der Tattoo-Farben. Die sogenannte REACH-Verordnung der Europäischen Chemikalienagentur der Europäischen Union, die 2007 in Kraft getreten war, soll Menschen und Umwelt vor den Risiken schützen, die durch Chemikalien entstehen können.

BehördeEuropäische Chemikalienagentur
AbkürzungECHA
Gründung1. Juni 2007

Darin werden im nächsten Jahr unter anderem neue Höchstkonzentrationsgrenzwerte für einzelne Stoffe festgelegt – viele davon sind unter anderem eben auch in Tätowierungen enthalten. Schätzungsweise zwei Drittel der bislang genutzten Farben sind dann verboten.

Verbot von Tattoo-Farben: Hoffnung auf Hersteller

Alex Hense vom Tattoo-Studio „Dark Forest“ in der Paulistraße zeigt sich zwar insgesamt optimistisch, dass die Körperkunst die neuen Regeln überstehen wird. Er betont aber auch: „Es kommt jetzt auf die Hersteller an.“ Die Weltmarktführer stellen sich derzeit um und arbeiten noch an einer Lösung, um in Zukunft erlaubte Farben anbieten zu können. Die Alternativen seien bereits für das erste Quartal 2022 angekündigt. „Welche Qualität diese dann haben und ob es deutlich teurer wird, müssen wir abwarten“, sagt Hense. Sein „Dark Forest“ sei das Studio in Soest, das die meisten Farbtattoos sticht – fast die Hälfte aller Motive seien bunt.

Die Branche ist europaweit in Angst, im schlimmsten Fall drohe das komplette Aus. „Vor zwei Wochen hätte ich noch gesagt, ich muss den Laden zumachen. Das ist für uns nach der Corona-Krise in kurzer Zeit direkt der zweite Schlag ins Gesicht“, so der Tätowierer, der jetzt vor allem hofft, dass es keine allzu großen Lieferengpässe geben wird. Denn ab dem 4. Januar sitzt er quasi auf dem Trockenen, darf die übrige Tinte aus dem dann verbotenen Sortiment auch nicht aufbrauchen.

Bunte Motive auf der Haut könnten bald zumindest vorübergehend seltener werden – zum Leidwesen für Tätowierer wie Alex Hense (rechts).
Bunte Motive auf der Haut könnten bald zumindest vorübergehend seltener werden – zum Leidwesen für Tätowierer wie Alex Hense (rechts). © Marcel Voß

„Da müssen wir circa 2.000 Euro einfach wegwerfen“, ärgert er sich. Immerhin: „Wir wissen, dass es weitergehen wird. Wir wissen nur noch nicht wie. Gibt es einen nahtlosen Übergang oder bekommen wir monatelange Lieferprobleme?“ Einen Ansturm vor dem 4. Januar erwartet Alex Hense nicht: „Unser Terminplan ist ohnehin schon ziemlich voll. Außerdem wissen viele Kunden noch gar nichts von dem anstehenden Verbot.“

Verbot von Tattoo-Farben: „Bis Januar kann noch viel passieren“

Olaf Kraus ist Chef des Studios „Hot Flesh“, das es seit 1999 an der Niederbergheimer Straße gibt, und erklärt: „Im Moment ist fast alles offen. Bis Januar kann noch viel passieren. Die neue Tinte in Schwarz habe ich schon geordert.“ Obwohl seine Umsätze seit Corona um 30 Prozent zurückgegangen seien und die Farben nun in jedem Fall teurer würden, will er die Mehrkosten „nur zu einem minimalen Teil“ auf die Kunden umlegen.

Petition

Weitere Verbote sollen übrigens ein Jahr später folgen. Dann könnten die Pigmente Blau und Grün komplett untersagt werden. „Darum mache ich mir aktuell die größten Sorgen“, sagt Hense. Inzwischen ist eine Petition mit dem Namen „Save The Pigments“ (Rettet die Pigmente) ins Leben gerufen worden. Auch das Studio „Rollin Dice“ in der Höggenstraße ruft zur Teilnahme auf: „Leute, bitte unterstützt uns – sonst sieht es bald ziemlich schwarz aus für diese Branche!“ Link zur Petition: www.savethepigments.com

Kraus denkt auch an seine Kollegen: „Die kleinen Tattoo-Studios werden wohl auf der Strecke bleiben.“ Kritisch sieht er vor allem die Einschätzung, dass die Stoffe in der Tinte beispielsweise Allergien auslösen oder zu Mutationen und sogar Krebs führen könnten. „In die Sonne zu gehen ist gefährlicher“, so Kraus.

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