Hakenkreuz steht unter Denkmalschutz

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Das Hakenkreuz am Haus am Kuhfuß in der Marktstraße sorgt nach wie vor für Diskussionen. Denkmaltechnisch ist es ein Dokument der Zeitgeschichte

Soest. Nur wer ganz genau hinschaut, kann das Hakenkreuz entdecken, das in den Schnitzereien der Fassade des „Hauses am Kuhfuß“ in der Marktstraße angebracht ist. Ein gutes Auge muss auch der haben, der die geschnitzte Fratze von Churchill und Flugzeuge ausmacht. Bei Stadtführungen wird den Gruppen auch das „Haus am Kuhfuß“ gezeigt und viele Gäste wundern sich, dass in Soest noch ein Hakenkreuz öffentlich zu sehen ist. Das habe mit der besonderen Geschichte des Hauses zu tun, erklärt das Denkmalamt der Stadt Soest.

Das Gebäude wurde 1981 vorläufig und 1986 endgültig in die Denkmalliste der Stadt eingetragen. Das Haus wurde während des Krieges 1940/41 neu gebaut. Der Vorgängerbau aus der Zeit der Renaissance ähnelte dem „Haus zur Rose“. Es wurde beim ersten Bombenangriff auf Soest am 12. Juni 1940, der einer der ersten in ganz Deutschland war, zerstört. 

Der Angriff wurde von den Nazis propagandistisch ausgeschlachtet: Nie wieder sollte ein Flugzeug Bomben über Soest abwerfen! Der Neubau wurde im Stil der Heimatschutzarchitektur errichtet und aus verkehrstechnischen Gründen um zwei Meter zurückversetzt. Der Soester Künstler Fritz Viegener gestaltete die Schnitzereien, darunter auch das Hakenkreuz, am Neubau. Ursprünglich strahlte das Symbol in gelb-gold, wurde nach dem Krieg in Balkenfarbe überpinselt. Immer wieder sorgt das Haus mit seinen Symbolen für Diskussionen und rückt in den in den Fokus der Öffentlichkeit. 2004 wurde das Haus mitsamt den Schnitzereien renoviert. Dabei erhielten die Schnitzereien ihre ursprüngliche Farbe zurück: Auch das Hakenkreuz strahlte wieder in gold-gelb. 

Das ließ die Wellen in der Öffentlichkeit hoch schlagen: Viele Bürger waren empört. Reichte es nicht, dass dort immer noch ein Hakenkreuz hing? Musste das jetzt noch hervorgehoben werden? 

Viele verstanden nicht, dass es nicht entfernt wurde. In der Politik wurde viel diskutiert – schließlich wurde das Hakenkreuz wieder braun angestrichen und man entschied, eine Tafel mit Informationen über die Bedeutung des Hauses am Gebäude anzubringen. 

„Denkmalpflegerisch betrachtet, handelt es sich bei dem Hakenkreuz um ein Zeitdokument, das den Zeitgeist zur Zeit der Errichtung widerspiegelt. Dies zu erklären ist eine wichtige Aufgabe im Sinne eines aufgeklärten Umgangs mit der deutschen Geschichte“, so das Soester Denkmalamt. Auch die Tafel am Gebäude informiert: „Die Zierschnitzereien spiegeln den verhängnisvollen Geist der Zeit und sind in ihrer Gesamtheit ein Zeugnis für die damalige Nazi-Ideologie. Da es in der Bundesrepublik nur wenige Wiederaufbauten gibt, die während des Krieges entstanden sind, ist das Gebäude nicht nur ein Stadtgeschichtliches Baudenkmal sondern auch von überregionalen Bedeutung.“ „Die Frage lautet: Wie geht man mit solchen Hinterlassenschaften um? Es ist eine schwierige Diskussion. Dennoch, das ist meine persönliche Meinung, finde ich es gut, dass darüber nach wie vor debattiert wird und die Leute sich Gedanken auch über die Nazi-Vergangenheit machen. Denn die hat auch hier stattgefunden“, so die Meinung von Dr. Norbert Wex, Stadtarchivar und Abteilungsleiter Kultur bei der Stadt, auf Anfrage. 

Gab es ähnliche Symbole in Soest? Hakenkreuze hat es in Soest nicht nur am Haus am Kuhfuß gegeben: In der Jakobistraße prangte am Eingang ein Hakenkreuz, das der Besitzer direkt nach Kriegsende abgeschlagen hat (siehe Foto). Und an der Teichsmühle wurde ein Hakenkreuz mit abgerundeten Flügeln zu einem X umgearbeitet und SS-Runen mit Spachtelmasse unkenntlich gemacht.

Wo gibt es noch öffentlich sichtbare Hakenkreuze? In Paderborn zum Beispiel befindet sich in der Killianstraße ein Hauseingang, der mit zahlreichen Fliesen mit Hakenkreuzen versehen ist. 

Das Kuriose: Das Haus wurde schon um 1900 gebaut, also lange, bevor die Nazis auf den Plan traten. Eine Erklärung könnte sein, dass die so genannte Swastika als Glückssymbol galt und viele Architekten es als Verzierung nutzten. Die Swastika oder das Sonnenrad ist ein uraltes Symbol, das lange vor den Nazis in vielen Kulturen verwendet wurde. Seit 1945 ist die Verwendung von hakenkreuzförmigen Symbolen in Deutschland verboten. 

Mehrere Hakenkreuze sind zum Beispiel am Deckenfries des Hessischen Staatsarchivs in Marburg auch heute noch zu sehen. Eine Entfernung würde die Zerstörung der Decke bedeuten, heißt es. Auch dieses Gebäude steht unter Denkmalschutz und wurde von den Nationalsozialisten errichtet. Den Denkmalschützern gelten diese Symbole als „Dokumente der Zeitgeschichte“.

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