Sonja Hengsbach macht mobil: 

Müllaktivistin droht mit Dauerdemo

Alter Holzlöffel als Wegweiser: In diesem Hochbeet wächst in diesem Jahr Spinat – garantiert ohne Plastik. Foto: DAHM

Kreis Soest - Sonja Hengbach will nicht länger in einem Plastikzeitalter leben. Deshalb baut sie Obst und Gemüse selber an und will mit Schüler-Projekten ein neues Bewusstsein wecken. Jetzt will sie alle Einwegbecher für Kaffee in der Gemeinde verbieten lassen – notfalls auch mit einer Dauerdemo vorm Rathaus.

Im Garten von Sonja Hengsbach und Karsten Winkler geht es idyllisch zu: Aus Beeten sprießen erste Gemüsesorten, im Hochbeet steckt ein alter Kochlöffel mit der Aufschrift „Spinat“ gleich neben frühlingshaft grünen Blättern; an Sträuchern reifen Beeren und im neuen Gewächshaus streben Tomatenpflanzen nach oben ans Licht. Plastik? Fehlanzeige. „Es ist richtig, hier für uns etwas zu tun“, sagt Sonja Hengsbach. Drinnen im Haus geht es weiter: Wasser gibt es aufbereitet aus dem Wasserkran, Reinigungsmittel wird mit wenigen Zutaten selbst hergestellt und beim Blick in den Kühlschrank reihen sich Glasbehälter dort, wo sich in anderen Haushalten Plastikverpackungen stapeln.

Also alles in Ordnung im Günner Haushalt der Familie? „Nein“, sagt Sonja Hengsbach, „das reicht nicht. Nicht mehr.“ Denn angesichts einer weltweiten Verschmutzung und Überflutung mit Plastik will sie nicht länger tatenlos zusehen, wie der Planet vor die Hunde geht.

Reinigungsmittel ganz schnell selbst gemacht: Im Hause Hengsbach riecht es dank weniger Zutaten herrlich nach Orange.


„Ich muss mehr machen“, sagt sie. Und handelt. Ihr nächstes Projekt: In der Möhneseeschule soll der Film „Plastic Planet“ gezeigt werden. „Der Film ist schon zehn Jahre alt. Der Regisseur ist selber mit viel Plastik aufgewachsen und hat dann drei Jahre lang rund um den Globus recherchiert. Als ich das Ergebnis sah, war ich einfach nur sprachlos.“ Das umso mehr, als der Trend zu immer mehr (Kunststoff-)Müll ja längst noch nicht gestoppt sei, sondern anhalte.

Umdenken in den Märkten unübersehbar

Erste Gespräche mit den Klimaschutz-Aktivisten der Möhneseeschule hat es inzwischen gegeben. Klar ist: der Film wird den Schülern gezeigt. Mit einem Plastik-Globus will Hengsbach in der Schule auftauchen – und ganz nebenbei erwähnen, dass dieser kleine Globus rund 400 Jahre brauchen wird, ehe er sich in seine Bestandteile zersetzt haben wird. „Das ist doch Wahnsinn.“ Anschließend soll es Gespräche über den Globus, den Film und weitere (gemeinsame) Aktionen mit den Schülern geben. „Die Schüler sind mir ganz wichtig, weil diese Generation am meisten betroffen ist vom Wandel“, legt die Günnerin ihre Motivation offen.

Ein gemeinsamer Einkauf in den heimischen Supermärkten könnte so eine Aktion sein. Denn längst hat Sonja Hengsbach das Gespräch gesucht mit Marktleitern, hat ihren Besuch mit den Schülern angekündigt – und Forderungen gestellt. „Dass ein Umdenken im Gange ist, ist unübersehbar“, meint sie. So gebe es in einem Markt inzwischen neben den Plastiktüten auch Papiertüten an der Obst- und Gemüsetheke. „Und jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um ganz auf Plastik zu verzichten“, so Hengsbach.

Gerät die Aktivistin vom Möhnesee einmal ins Erzählen, dann redet sie sich in Rage. Von „ganz großem Blödsinn“ spricht sie dann, wenn ihr jemand erzählt, Biogurken müssten in Plastik verschweißt sein, damit sie länger haltbar sind. „Wir müssen alle zusammen halten, dann ändert sich auch etwas“, ist sie überzeugt.

Satte 400 Jahre wird es dauern, ehe der Plastik-Globus sich in seine Bestandteile zerlegt haben wird.


Dieses „alle“ hat sie inzwischen selbst näher untersucht. Denn mit dem Schulprojekt ist eine wie Sonja Hengsbach noch längst nicht ausgelastet. An einem Kiosk in Körbecke und an der Sperrmauer sprach sie Besucher an. Die hatten sich gerade einen Coffee-to-go im Pappbecher mit Plastikdeckel gegönnt. „Was halten Sie davon, hier am Möhnesee ein Pfandsystem für Becher einzuführen?“, fragte sie – und stieß auf durchweg positive Resonanz. Schon ist es geboren, das neueste Projekt. Sonja Hengsbach: „Ich will, dass in der ganzen Gemeinde Möhnesee alle Wegwerf-Becher verboten werden. Stattdessen soll es ein Pfandsystem geben, damit die Besucher sich ihren Kaffee in einem Keramikbecher kaufen können und das Gefäß beim nächsten teilnehmenden Händler wieder abgeben können.“ Von Bio-Bechern hält Hengsbach nichts. Echte Tassen, am liebsten mit einem Möhnesee-Motiv, das ist ihrer Ansicht nach der beste Weg. Mit einer heimischen Künstlerin hat sie inzwischen Kontakt aufgenommen, die steht in den Startlöchern, falls es grünes Licht gibt für das Projekt.

Eingabe bei der Gemeinde gemacht

Klar: Eine Eingabe bei der Gemeinde-Verwaltung hat Sonja Hengsbach auch schon gemacht. Darin zählt sie die Vorteile ihrer Idee auf: Müllvermeidung, gutes Image für die Gemeinde, ein Becher als Werbeträger oder die Tatsache, dass das System in andere Gemeinden bereits funktioniert. „Mein Wunsch ist es, dass alle Parteien aus Umweltschutzgründen einverstanden sind“, schreibt Sonja Hengsbach abschließend. Nun ist ihr aber auch klar, dass es im politischen Alltag vieles abzuwägen gilt – und bis zu einer Entscheidung viel Wasser durch die Möhne laufen könnte. Doch davon will sie sich nicht abschrecken lassen. Denn eine wie Sonja Hengsbach ist entschlossen, will notfalls eine Dauerdemo anführen. Sie kündigt an: „So wahr ich hier sitze: Ich setze das Pfandsystem für Coffee-to-go durch – und wenn ich mich mit einem Schild vors Rathaus stelle bis sich was bewegt.“

Wir wollen weniger Müll wagen 

Wo ärgern Sie sich über überflüssigen Müll, welche Tipps haben Sie für einen Alltag mit weniger Plastik? Schreiben Sie uns (gerne mit Foto) an stadtredaktion @soester-anzeiger.de

Zwei Familien

Der Anzeiger begleitet in diesem Jahr zwei Familien beim Vorhaben, immer weniger Müll zu produzieren. Inzwischen haben sich die Familien auch privat kennengelernt. Und festgestellt, dass sie gemeinsam noch mehr erreichen können. So planen Sonja Hengsbach aus Günne und Tanja Langerbein aus Wiltrop gerade einen Vortrag in Bad Sassendorf bei der CDU-Frauenunion. Das Thema? Müllvermeidung!

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