Szenen eines Abgangs

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Dem ausgestopften Löwen begegnete Michael Gottschalk beim Besuch von Außenminister Frank-Walter Steinmeier in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba.

Soest - „Die Stimmung im Schloss Bellevue war eisig.“ Dass hier gleich eine ganz schlechte Nachricht verbreitet würde, war „körperlich spürbar“. Der Soester Fotograf Michael Gottschalk war heute vor fünf Jahren – am 17. Februar 2012 – dabei, als Christian Wulff seinen Rücktritt als Bundespräsident erklärte.

Stumm an seiner Seite: Ehefrau Bettina. Gottschalks Bilder vom Abgang des Paars haben manche Titelseite geschmückt. Der Saal im Bellevue war brechend voll. 50 Kameraleute und Fotografen standen dem scheidenden Präsidenten vis-à-vis. „Wir waren von unserer Agentur zu dritt; ich hatte die Aufgabe, an der Tür zu stehen und die Wulffs beim Betreten des Saals von vorn und beim Verlassen von hinten aufzunehmen.“ 

Alle waren vorbereitet und gewarnt. Seit Wochen waberte die Wulff-Affäre, der der Vorteilsnahme in mehreren Fällen bezichtigt worden war, durch die Medien. Am 16. Februar 2012 spitzte sich die Situation zu, als die Immunität des Staatsoberhaupts aufgehoben wurde. Schon die Tage zuvor hatten sich die Fotografen vor dem Schloss getummelt und „schichtweise“ Ausschau nach Motiven mit Wulff gehalten. Kein schöner Job: „Es war bitterkalt.“ 

Und auch am 17. Februar selber tummelten sich vor und hinter Bellevue die Fotografen. Die sich für den wenig spektakulären Hintereingang entschieden hatten, wurden nach der Demission belohnt: Das Ehepaar wollte möglichst geräuschlos den Amtssitz verlassen und nach Hause fahren. „Von dem, was Wulff bei seinem Rücktritt sagte, habe ich so gut wie nichts mitbekommen“, erinnert sich der Fotograf. Die Verschlüsse der Kameras ratterten wie verrückt. 

Die Worte gingen dennoch nicht verloren und wurden durch die Richtmikrofone am Pult aufgezeichnet und in alle Welt verbreitet – nur eben für die Beobachter im Saal kaum vernehmbar. Wie unterkühlt das Verhältnis zwischen Christian und Bettina Wulff war, lässt sich ebenfalls an den Bildern ablesen. Beide gingen mit reichlich Abstand hintereinander her. 

Als Bundespräsident Horst Köhler zwei Jahre zuvor an selber Stätte seinen Rückblick erklärte, „nahmen er und seine Frau sich an die Hand, als sie gingen“, schildert Gottschalk, der auch an diesem Tag Dienst hatte. Köhlers Abschied war seinerzeit halbwegs überraschend erfolgt. Ein missglücktes Rundfunk-Interview am Vortag brachte den Stein ins Rollen. Köhler beklagte sich über mangelnden Respekt und zog die Konsequenzen. Weil damit kaum einer gerechnet hatte, war Gottschalk mit einer Handvoll Kollegen allein im Schloss zugegen. 

Aber auch bei großer Fotografen- und Journalistenkulisse gehe es entgegen den weitverbreiteten Vorurteilen höchst diszipliniert zu: Kein Geschubse, keine Handgreiflichkeiten, keine bösen Worte. „Man sieht sich jeden Tag, und die Kollegen der Konkurrenz treffe ich bisweilen öfter als meine eigenen Kollegen, die ja auf anderen Terminen sind“, sagt Gottschalk. Vor fünf Jahren hat er noch für die Nachrichtenagentur dapd gearbeitet und das Berliner Fotografenbüro geleitet; heute ist er Mitarbeiter der Agentur Photothek, deren Dienste gern von verschiedenen Bundesministerien bei offiziellen Anlässen in Anspruch genommen werden. 

Immer wieder hat er Präsidenten und Minister etwa auf Auslands-Visiten begleitet. Der Kontakt zwischen denen vor und denen hinter der Kamera sei „äußerst eng“. Mit dem diese Woche gewählten neuen Bundespräsidenten und bisherigen Außenminister Frank-Walter Steinmeier ist Michael Gottschalk oft auf Tour gewesen. Ja sogar dann, wenn Steinmeier nur das „kleine Flugzeug“ nahm, dessen Handvoll Sitze mal gerade für die engsten Vertrauten und eben einen Fotografen reichen. 

Der Umgang mit Steinmeier, erzählt Gottschalk, zähle zu den unkompliziertesten: „Der geht immer freundlich auf die Leute zu.“ Und wenn er nach einem stressigen Tag abends im Flieger ein Glas Rotwein vor sich stehen habe, würde er selbst dann nicht den Fotografen wegschicken. Manch andere namhafte Protagonisten des Berliner Politik-Betriebs seien hingegen oft unentspannt und misstrauisch. Und wieder andere wie etwa die amtierende polnische Ministerpräsidentin Beata Szydlo höchst reserviert. 

Als Außenminister Steinmeier zum Antrittsbesuch nach Warschau reiste, war der Soester wiederum mit im Fotografenpulk. Die Bildermacher tauften Szydlo schnell auf den Namen „Eisprinzessin“ und befanden: Eigentlich ist das Attribut noch viel zu freundlich.

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