Erinnerung an tödlichen Unfall

Mehr Sicherheit für junge Radfahrer in Soest: Toter Winkel auf dem  Stundenplan

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Holger Vock hat die Initiative „Sicherheitstraining für alle Soester Schüler“ ins Leben gerufen.

Soest - 246 umgefahrene Radfahrer in einem Jahr im Kreis Soest, 19 Unfälle passierten im toten Winkel von Lastwagen. Dekra, Polizei, Stadt, Schulleiter und Busunternehmer haben sich jetzt an einen Tisch gesetzt und überlegt, was getan werden kann für mehr Sicherheit. Vor allem Schüler haben sie dabei im Blick.

Es ist die Erinnerung an den grauenhaften Radfahrunfall 2017, als ein zwölfjähriger Gymnasiast von einem rechtsabbiegenden Lastwagen überrollt und getötet wurde, die die Akteure antreibt. Nicht nur die Eltern des Jungen haben schon wenige Wochen nach der Tragödie Konsequenzen für mehr Sicherheit verlangt, auch einzelne Soester haben das Heft in die Hand genommen. 

Dazu zählt auch Holger Vock; er arbeitet als Sachverständiger bei der Dekra, hat bereits mehrere Übungsstunden mit Lastwagen und radelnden Schülern eingefädelt und jetzt die anderen Akteure ins Boot geholt. „Wir müssen zweigleisig fahren“, sagt Vock. Zum einen sollten zumindest die örtlichen Spediteure und Busunternehmen den Einbau von Assistenzsystemen, die elektronisch den toten Winkel vor allem rechts neben ihren Transportern „ausleuchten“, zu ihrer Sache machen. Zum anderen aber müsse in die Köpfe der Radfahrer rein: „Rechts ist gefährlich!“ 

„Fahr niemals rechts vorbei!“

Wer sich vor einer Kreuzung einem wartenden Lastwagen nähert, sollte hinter oder vor ihm warten, bloß aber nicht an seiner rechten Seite. Die Gefahr, dort im toten Winkel übersehen und beim Rechtsabbiegen überfahren zu werden, sei immens groß. Jedes Jahr ereignen sich in Deutschland mehrere hundert (!) tödlicher Radfahrunfälle genau aus dieser Konstellation heraus. Exakt so wie der in Soest am 16. November 2017. 

„Fahr niemals rechts vorbei!“, heißt es denn auch auf den Plakaten, die nun möglichst alle Busse und Transporter in Soest ans Heck geklebt bekommen sollen. Vor allem aber soll das Training in den Schulen kein Stückwerk mehr bleiben, sondern konsequent alle Zehnjährigen erreichen. 

„Wenn ein Schüler mal auf dem Fahrersitz (eines Lkw) Platz genommen hat, in die Außenspiegel blickt und trotzdem seine gesamte Klasse draußen rechts neben dem Laster nicht erkennt, bleibt das haften“, sagt der Soester Busunternehmer Thorsten Karrie. Er bietet spontan an, die Schulklassen zu chauffieren, sofern die praktischen Kurse nicht auf dem eigenen Schulhof stattfinden können. 

Bilder, die sich ins Gedächtnis einprägen

Auch diese Szene dürfte Beobachtern – jung wie alt – im Gedächtnis bleiben, mehr als jede Broschüre oder theoretische Warnung: Biegt ein Lastwagen nach rechts ab, rückt der hintere Teil immer dichter an den Bordstein. „Wer hier steht und nicht sofort die Flucht ergreift, hat verloren.“ Bei der Demonstration dieser Szene soll einfach ein Fahrrad auf die Straße gelegt werden; wer dann sieht, wie der tonnenschwere Lastwagen das Rad zermalmt, wird die Bilder nicht mehr los. 

Bürgermeister Dr. Eckhard Ruthemeyer, der an der Runde mitwirkte und Vock für seine Initiative dankte, ermunterte die Mitstreiter, die guten Überlegungen in ein Konzept zu pressen und es zum „Soester Modell“ zu entwickeln. Dafür gäbe womöglich es nicht nur Fördergelder, davon könnten auch andere profitieren. 

Kinder können schon früh in brenzlige Situationen geraten

Wie interessiert schon heute Nachbarstädte auf die ersten Trainingseinheiten an Soester Schulen reagieren, erwähnte Edgar Rudat von der Dekra: Man habe Anfragen bekommen, so etwas auch in anderen Städten anzubieten. An den Details freilich muss noch gefeilt werden: Was wäre der optimale Zeitpunkt: Ende der Grundschule oder auf der weiterführenden Schule oder beides? 

Dazu Silke Hautkapp, Verkehrserzieherin bei der Soester Polizei: „Ab der weiterführenden Schule und mit zunehmendem Alter fällt es Kindern leichter, sich in die Perspektive des Auto- oder Lkw-Fahrers zu versetzen; erst ab 14 Jahren ist das Gehirn für Gefahrensituationen entwickelt.“ Allein dagegen spricht: In dem Alter sitzen die Kinder längst auf dem Rad und bereits geraten in brenzlige Situationen.

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