14 Stellen auf Karte eingezeichnet

Unruhe auf Soester Friedhof: Liegen an diesen Stellen Bomben in der Erde?

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Soests Osthofenfriedhof – ein Ort der letzten Ruhe. Doch im Moment herrscht Unruhe wegen der Bombenverdachtsfälle.  

Soest - 72 Jahre nach Kriegsende holt das grauenhafte Geschehen von damals die Soester gerade wieder ein. An 14 Stellen auf dem Osthofenfriedhof liegen womöglich Bomben in der Erde; ab sofort darf hier niemand mehr bestattet oder umgebettet werden. Denn auch 72 Jahre nach ihrem Abwurf hätten die Blindgänger nichts an ihrer Gefährlichkeit verloren haben.

Mit dem heiklen und viele Angehörige belastenden Thema muss sich die Soester Politik beschäftigen. Ab 17 Uhr tagt am Mittwoch der Verwaltungsrat der Kommunalbetriebe, die wiederum sind für den Betrieb des Soester Friedhofs zuständig. Formal sollen sie die Schließung („Außerdienststellung“) von 14 Teilflächen auf dem Friedhof beschließen und über die Frage beraten, wie die Angehörigen für diesen Verlust einschließlich möglicher Umbettungen entschädigt werden.

Wieso taucht das Thema gerade jetzt auf?

Tatsächlich hat die Stadt erst in diesem Jahr neue Luftbild-Auswertungen für sämtliche Soester Friedhöfe erhalten. Die Bilder haben die Alliierten im Krieg direkt nach den Bombenabwürfen auf Soest gleichsam zur „Erfolgskontrolle“ aufgenommen. Danach verschwanden sie für Jahrzehnte in Archiven. Die großen Krater auf den Fotos markieren die Stellen, an denen Bomben explodiert sind; die kleinen Krater zeugen von den Blindgängern.

Ist denn damals der Friedhof angegriffen worden? 

Nein. Die Bomberpiloten hatten vielmehr die strategisch wichtige Bahnlinie im Visier, die nur 100 Meter nördlich des Soester Friedhofs verläuft. Die Einschläge an den Gräbern waren Kollateralschäden.

Was genau weiß man über die Blindgänger? 

Wenig. Genau genommen sind es Bomben-Verdachtsstellen. Aber die vielen tatsächlichen Bombenentschärfungen in Soest seit Kriegsende fußen zum Großteil auf solchen Luftbildern. Schon um auf Nummer Sicher zu gehen, bleibt den Behörden gar nichts anderes übrig, als jeder Spur nachzugehen, da Bomben und Granaten auch heute noch nichts an ihrer Sprengkraft verloren haben.

Wie will die Stadt vorgehen? 

Alle 14 Verdachtsstellen werden mit einem Radius von sieben Metern um die auf den Luftbildern zu sehenden Krater ab sofort für jede weitere Beerdigung gesperrt. Im Bereich dieser 14 Verdachtskreise sind in den vergangenen Jahren über hundert Soester bestattet worden. Die Ruhezeiten von elf der 14 Flächen dauern an, teilweise sogar noch über 20 Jahre. Und erst nach Ablauf der Nutzungszeiten sollen die Stellen sondiert, also untersucht und aufgegraben werden.

Was sind die größten Probleme? 

Die meisten Eheleute entscheiden sich für ein Wahlgrab mit zwei Gruften. Ist bereits einer von beiden beerdigt, kann nun sein Partner nicht mehr neben ihm seine letzte Ruhe finden. Er (oder seine Angehörigen) müssten sich also eine neue Grabstelle suchen. Die bei der Stadt Verantwortlichen für den Friedhof, Peter Wapelhorst und Axel Ruster, haben auf Anzeiger-Nachfrage von 24 Wahlgräbern gesprochen, wo besondere Härten auf die Betroffenen zukommen: Denn der eine Partner ist bereits gestorben und hier beerdigt; der andere muss sich nun eine andere Grabstelle suchen.

Wäre denn nicht eine Umbettung des zuerst Gestorbenen möglich? 

„Auf keinen Fall“, sagen Wapelhorst und Ruster. Sie verlassen sich auf die Warnungen der Experten vom Kampfmittelräumdienst. In den Verdachtsstellen – jeweils im Umkreis von sieben Metern um die Fundstellen – darf nicht mehr bestattet oder gegraben werden: Das Öffnen alter Gräber ist aus Sicherheitsgründen verboten.

Wie erfahren die Angehörigen davon? 

„Wir haben alle angeschrieben“, sagt Wapelhorst. Wer also diese Woche noch keine Nachricht bekommen hat, ist auch nicht betroffen. Bei den 24 Grabstätten, wo der Ehepartner jetzt nicht mehr beigesetzt werden kann, sollen persönliche Gespräche und die Suche nach einer halbwegs zufriedenstellenden Ersatzlösung – möglichst in der Nähe – folgen. Ruster: „Es ist eine Herausforderung – für die Angehörigen, aber auch für uns.“ Ihm sei kein zweiter Fall in Deutschland bekannt, der so gravierend sei.

Wer zahlt dafür? 

Prinzipiell, so heißt es bei der Stadt, stehen den Betroffenen Ersatzansprüche für eine Umbettung der Toten zu. In diesem Fall aber ist eine solche Umbettung wegen der verbundenen Gefahr damit erst gar nicht erlaubt. Die Stadt lässt gerade ihre Friedhofs-Satzung entsprechend ändern. Und sie erstattet den Hinterbliebenen für die nicht vorhandene Umbettung pauschal 211,90 Euro. Zudem werden die Gebühren für die restliche Dauer des Nutzungsrechts an der Grabstätte gutgeschrieben, die nicht mehr benutzbar ist. 

An diesen Stellen könnten Blindgänger liegen

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