Elektronische Registrierkassen contra offene Ladenkasse

Lästige Bonpflicht: Ersticken Markt und Kirmes demnächst im Quittungs-Müll?

In der Bäckerei Borghoff nimmt kaum ein Kunde den Bon mit, berichtet Verkäuferin Angelika Maibrink.
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In der Bäckerei Borghoff nimmt kaum ein Kunde den Bon mit, berichtet Verkäuferin Angelika Maibrink.

Soest – Die Äpfel packt der freundliche Markthändler ins mitgebrachte Einkaufsnetz, die Möhren schlägt er in die Zeitung von gestern ein. Es geht hemdsärmelig und unkompliziert auf dem Soester Wochenmarkt zu. Doch was ist mit der staatlich verordneten Zettelwirtschaft, die seit diesem Jahr greift: die Bon-Pflicht?

Ersticken der Wochenmarkt und demnächst auch die Kirmes im Quittungs-Müll? Vermutlich nicht, um die Antwort in zwei Wörtern zusammenzufassen. Noch reichen die Händler auf dem Soester Wochenmarkt Blumen, Apfelsinen und Rotkohl lose über die Theke, nehmen das Geld – und das Geschäft ist erledigt.

Und auch bei der Kirmes werden die Besucher, bevor sie in den Autoscooter oder die Achterbahn steigen, nur die Chips in die Hand gedrückt bekommen und nicht irgendwelche Bons. 

„Gott sei Dank!“, sagt Albert Ritter, „es wäre ein Wahnsinn geworden, der Weg in die totale Überwachung.“ Der Präsident des Deutschen Schaustellerbunds, der Jahr für Jahr die Soester Kirmes besucht und aus dem Effeff kennt, verweist auf den feinen, aber entscheidenden Unterschied, wer Bons ausgeben muss und wer nicht. 

Einnahmen rein, Wechselgeld raus 

Verpflichtet zur Zettelwirtschaft sind demnach alle, die elektronische Registrierkassen besitzen. Wer dagegen eine „offene Ladenkasse“ führt, bleibt außen vor. Ritter: „Die Schausteller auf der Kirmes sind alles Familienbetriebe, da hat niemand eine Registrierkasse“ – weder der Schausteller mit dem millionenschweren Karussell noch der kleine Ein-Mann-Betrieb, der Luftballons verkauft. 

Ähnlich sieht es auf dem Soester Wochenmarkt aus. Die meisten Anbieter haben eine Geldkassette auf dem Verkaufstisch stehen, da wandern die Einnahmen rein, da wandert das Wechselgeld raus. Klappe auf und zu, und der Fall ist geritzt. 

Anders sieht es freilich aus, wenn etwa große Anbieter mit Filialen und Verkaufswagen arbeiten, dort Personal beschäftigen und zur Kontrolle der Einnahmen und Umsätze Registrierkassen führen. Hier müssen neben Brot und Fisch tatsächlich auch die Quittungen gereicht, zumindest aber angeboten werden. 

Schausteller-Präsident trifft auf Bundesfinanzminister

Einige wenige Händler auf dem Soester Wochenmarkt, so berichtet Michael Schiewe vom Stadtmarketing, benutzen tatsächlich Registrierkassen und geben Bons aus – etwa die Anbieter von Brot und Käse. Die Schausteller jedenfalls hoffen, ihre Ausnahmegenehmigung für die offene Ladenkasse möge noch ewig halten.

Kommende Woche trifft Präsident Ritter bei der großen Schausteller-Tagung in München Bundesfinanzminister Olaf Scholz: „Wir werden ihm das unter die Nase reiben.“ Ob’s hilft? Da ist sich Ritter nicht sicher. Gerade das neue Duo an der SPD-Parteispitze habe in den vergangenen Wochen mit neuer Regelungswut von sich reden gemacht.

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