Kranke Kinder adoptiert – Jugendamt: Nur Einzelfälle

SOEST - Das Schicksal von Adoptiveltern, die ohne ihr Wissen ein Kind einer alkoholkranken Mutter adoptiert haben, wühlt seit Tagen viele Leser auf. Noch immer melden sich betroffene Familien in der Redaktion und schildern ihr Leid. Unterdessen beteuert das Soester Jugendamt, Eltern-Beschwerden nach der Adoption seien die absolute Ausnahme.

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„In den 20 Jahren, in denen das Jugendamt Kinder zur Adoption vermittelt hat, haben sich in einem Dutzend Fällen Eltern nachträglich mit dem Jugendamt in Verbindung gesetzt, weil sie Auffälligkeiten beim Kind festgestellt haben wollen“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme aus dem Rathaus, um die die Anzeiger-Redaktion gebeten hat. In nur vier dieser rund zwölf Fälle sei es um das „fetale Alkoholsyndrom“ (FAS) gegangen. Also um schwere Gehirnschädigungen – ausgelöst durch Alkoholkonsum der Mütter während der Schwangerschaft.

Die Aussage des Jugendamts deckt sich allerdings nicht mit den Aussagen betroffener Eltern aus Soest. Der Anzeiger-Redaktion liegen allein fünf Fälle vor, in denen sich Eltern – oftmals lange Zeit nach der Adoption – beim Jugendamt gemeldet haben. Alle fünf Kinder sind FAS-geschädigt, bei der Adoption – so die Eltern – seien sie nicht von den Behörden über die trinkenden Mütter aufgeklärt worden.

„Wir wollen möglichst alles über Babys wissen“

Zu den konkreten Fällen will das Jugendamt nicht Stellung nehmen. „Grundsätzlich erhalten potenzielle Eltern immer alle dem Jugendamt bekannten Informationen über ein zu vermittelndes Kind und sein bisheriges Umfeld“, sagt Erster Beigeordneter Peter Wapelhorst. Seine Mitarbeiter befragten die (leiblichen) Mütter über den Verlauf der Schwangerschaft und der Geburt. Sollten sich Anhaltspunkte für Krankheiten ergeben, würden „gegebenenfalls“ auch die behandelnden Kinderärzte befragt.

Auf die Frage, wie groß das Risiko heute für Pflegeeltern ist, die ein Kind zu sich nehmen wollen, betont Wapelhorst: „Das Jugendamt hat sich stets darum gekümmert, das Risiko für die Pflegeeltern durch geeignete Maßnahmen zu minimieren“ – neben den Befragungen auch durch Schulungen und Informationen für die Eltern.

Die Vermittlung von Pflegefamilien gehört nachwievor zu den Aufgaben des Soester Jugendamts. Mit Adoptionen ist es seit 2003 nicht mehr befasst, seither ist das Kreis-Jugendamt zuständig. Dessen Leiterin Gudrun Hengst zeigt aber auch die Grenzen von Recherchen und Aufklärung auf: „Wir schauen den Leuten auch nur vor den Kopf.“ Da es in den Kliniken kein Screening aller zur Adoption freigegebenen Babys gebe, und da manche Kinder aus dem Ausland kommen, um in Deutschland zur Adoption freigegeben zu werden, bleibe ein Rest an Unklarheit und Unsicherheit.

Trotzdem gelte: „Wir wollen so viel wie möglich über die Babys wissen; was bekannt ist, muss gesagt werden, alle Informationen werden an die Adoptiveltern weitergegeben“, sagt Hengst und versichert, sämtliche Gespräche würden dokumentiert.

In der täglichen Praxis erlebten die Mitarbeiter der Adoptionsstelle aber auch „Eltern, die so verzweifelt sind, weil sie unbedingt ein Kind haben wollen“. Diese Eltern gingen manchmal so weit und nähmen sogar Krankheiten in Kauf, um sich bloß den sehnlichen Wunsch nach einem Kind erfüllen zu können. - hs

‘ Leserbrief / Soest 3

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