Getrennte Stellungnahmen

Klinikum-Debatte: Jetzt melden sich Chefärzte und Geschäftsführung zu Wort

+
Klinik-Leitung und Chefärzte des Klinikums Stadt Soest melden sich in der Debatte um Kosten und Kinderklinik zu Wort.

Soest - Mit einem klaren Bekenntnis für die Kinderstation und der Erwartung, dass ärztliches Handeln nicht auf geschäftliche Aspekte reduziert werde, haben sich jetzt die Geschäftsführung und die Chefärzte des Klinikums Stadt Soest zu Wort gemeldet.

In getrennten Stellungnahmen gehen die Chefärzte (hier direkt zum Wortlaut) und die Geschäftsführung auf die jüngste Debatte in der Ratssitzung und in der Öffentlichkeit ein.

"Ich lege größten Wert auf die Feststellung, dass ich unsere Kinderklinik für absolut unentbehrlich halte, sie spielt eine herausragende Rolle für die Gesundheitsversorgung in unserer Region. Auch die Leistungen der Mitarbeiter der Kinderklinik stehen außerhalb jeglicher Kritik. Wir sind stolz auf unsere Kinderklinik“, schreibt Klinikum-Chef Oliver Lehnert. Durch die Berichterstattung der vergangenen Tage habe der Eindruck entstehen können, die Verantwortlichen wurden unter wirtschaftlichen Aspekten die Leistungen und Existenz der Kinderklinik hinterfragen".

Lehnert betont, im deutschen Gesundheitssystem würden die Leistungen der Kliniken nicht immer gemessen an ihrer Bedeutung für die Gesundheitsversorgung vergütet. Deshalb sei es so schwer, die Balance zwischen Versorgungsauftrag und Wirtschaftlichkeit zu halten.

Alles zum Thema finden Sie hier

In den letzten Jahren habe das Klinikum 1,2 Millionen Euro in die Modernisierung seiner Kinderklinik investiert. Wenn sie defizitär sei, liege das nicht an mangelhaften Leistungen des Teams, sondern an unzureichender Vergütung. Seine Forderung: „Diesen Preis müssen wir gemeinsam bereit sein aufzuwenden."

Die 17 Chefärzte betonen in ihrer Erklärung: „Wir stehen für qualitativ hochwertige Medizin und für eine soziale Verantwortung in unserer Region.“ Patientenbefragungen und externe Beurteilungen bestätigten dieses Engagement.

Gerade wegen des Spannungsfelds zwischen medizinischer und ökonomischer Verantwortung stimmten die Chefärzte mit der Klinikleitung überein, „dass der Versorgungsauftrag des Klinikums nicht nur als materielles, sondern auch als ein ideelles Gut unterstützt und wahrgenommen wird.“

Und: „Es ist etwas Besonderes, in einem kommunalen Krankenhaus zu arbeiten, das sich bewusst als Generationenkrankenhaus mit der entsprechenden Versorgung rund um die Uhr für alle hilfesuchenden Patienten versteht.“ Man erwarte deshalb „Achtung“ für „alle an der Leistungserbringung beteiligten Personen“.

 

Die Stellungnahme der Chefärzte im Wortlaut

"Die wirtschaftlichen Zusammenhänge des deutschen Gesundheitssystems sind aufgrund ihrer Komplexität selbst für gesundheitsökonomische Experten schwer zu durchdringen, Entwicklungen sind nur vage prognostizierbar. Als medizinische Leistungsträger des KlinikumStadtSoest möchten wir vor dem Hintergrund der jüngsten Berichterstattung Stellung beziehen.

Wir stehen für qualitativ hochwertige Medizin und für eine soziale Verantwortung in unserer Region. Erhebungen zur Patientenzufriedenheit mit sehr erfreulicher Rückmeldung und externe Beurteilungen der medizinischen Qualität unseres Hauses bestätigen unser Engagement.

Die erreichte Qualität ist nur möglich durch hohen persönlichen Einsatz aller Mitarbeiter, aber auch durch eine unangefochtene Integrität, die in ein Spannungsfeld zwischen medizinischer und ökonomischer Verantwortung geraten ist.

Gerade aus diesem Grund stimmen wir mit der Geschäftsführung des Klinikums überein, dass der Versorgungsauftrag des Klinikums nicht nur als materielles, sondern auch als ein ideelles Gut unterstützt und wahrgenommen wird.

Es ist etwas Besonderes, in einem kommunalen Krankenhaus zu arbeiten, das sich bewusst als Generationenkrankenhaus mit der entsprechenden Versorgung rund um die Uhr für alle hilfesuchenden Patienten versteht. Die bundes- und landespolitischen Vorgaben zur erforderlichen wirtschaftlichen Handlungsweise stellen für alle Krankenhäuser eine große Herausforderung dar. Gemeinsam mit unserer Geschäftsführung versuchen wir, dieses Problem zu meistern, ohne dabei den wichtigsten Adressaten unseres Tuns, nämlich den Patienten, aus den Augen zu verlieren.

Eine Reduzierung ärztlichen Handelns auf geschäftliche Aspekte lehnen wir vehement ab. Für unsere Arbeit und im Sinne unseres ethischen Anspruches haben wir die Erwartung, dass gegenüber allen an der Leistungserbringung beteiligten Personen etwas kultiviert wird, was wir als Achtung bezeichnen möchten."

Prof. Dr. Meissner, Achim; Dr. Altrup, Ulrich; Dr. Bergner, Ina; Dr. Cordes, Joshua; Dr. Dahmann, Sonja; Dr. Ernst, Iris; Dr. Fischer, Hubert; Dr. Flachsenberg, Simone; Dr. Holinka, Bertram; Dr. Jebe, Hans Christian; Dr. Loesing, Norbert; Dr. Lücke, Sebastian; Prof. Dr. Meissner, Andreas; Dr. Menges, Ulrich; Dr. Nitschmann, Kristian; Dr. Saada, George; Dr. Keweloh, Thomas.

Stellungnahme des Geschäftsführers im Wortlaut

"Aus der jüngsten Berichterstattung über unser Klinikum konnte der Eindruck entstehen, die Verantwortlichen würden unter wirtschaftlichen Aspekten die Leistungen und Existenz unserer Kinderklinik hinterfragen. Ich lege größten Wert auf die Feststellung, dass ich unsere Kinderklinik für absolut unentbehrlich halte, sie spielt eine herausragende Rolle für die Gesundheitsversorgung in unserer Region. Auch die Leistungen der Mitarbeiter der Kinderklinik stehen außerhalb jeglicher Kritik. Wir sind stolz auf unsere Kinderklinik.

Allerdings werden in unserem Gesundheitssystem die Leistungen von Krankenhäusern nicht immer auf Grundlage ihrer Bedeutung für die Gesundheitsversorgung vergütet. Es ist derzeit für uns wie für viele andere Krankenhäuser in Deutschland eine große Herausforderung, die Balance zwischen Versorgungsauftrag und dem Gebot der Wirtschaftlichkeit zu halten.

Vor dem Hintergrund eines Ärzteappells in einem deutschen Nachrichtenmagazin entsteht dazu derzeit auch in der Fachöffentlichkeit eine intensive Diskussion.

Hintergrundinformationen:

https://www.bibliomedmanager.de/news-des-tages/detailansicht/38875-endlich-richtig-planen/ https://www.bibliomedmanager.de/news-des-tages/detailansicht/38853-mehr-zeit-fuer-menschen-und-medizin/

Dr. Michael Thiemeier hat absolut recht, wenn er sagt: „50%, der über ein gesamtes Leben eingezahlten Beiträge an die Krankenkassen werden in den letzten 6 Monaten eines Lebens aufgewendet“, die Kosten für die Medizin des Lebensanfangs werden in unserem System damit sträflich vernachlässigt. Dr. Annic Weyersberg führt dazu im deutschen Ärzteblatt aus: „Die systematische Benachteiligung und Fehlanreize gefährden die Versorgungslage kranker Kinder.“

https://www.aerzteblatt.de/archiv/196510/Paediatrie-Folgen-der-Oekonomisierung https://www.br.de/nachrichten/bayern/kranke-kinder-sind-zu-teuer-kliniken-schliessen-kinderstationen,

Wir haben im Klinikum in den letzten Jahren dennoch investiert und mit 1,2 Mio. Euro die Kinderklinik modernisiert, wir haben gemeinsam und in enger Zusammenarbeit mit dem Förderverein für Pädiatrie ein wichtiges Gesundheitsangebot für Kinder, Jugendliche und deren Familien geschaffen. Ich stehe fest zu der Kinderklinik und auch zu der Geburtshilfe am Klinikum.

Defizitär sind diese nicht wegen mangelhafter Leistungen unserer Teams, sondern wegen unzureichender Vergütung – die in einem ohnehin fragilen Finanzierungssystem für Krankenhäuser auch zu negativen wirtschaftlichen Ergebnissen beitragen kann. Wir leisten diese wichtige Versorgung gern und mit viel Empathie, müssen aber auch ganz emotionslos feststellen, dass diese ihren Preis hat. Diesen Preis müssen wir gemeinsam bereit sein aufzuwenden.

Der vom Gesetzgeber gewollte Umbau des deutschen Krankenhauswesens gibt nun auch uns Anlass, die Dinge neu zu denken. Mit unserem Zukunftskonzept „Klinikum 2022“ haben wir früh die Weichen gestellt, um auch die wichtigen Versorgungsleistungen der Medizin am Lebensanfang in der Region und am Klinikum wirtschaftlich tragbar aufrecht zu erhalten – dies ist unser erklärter Wille."

Oliver Lehnert, Geschäftsführer

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare