Klimakrise macht mobil:

Soesterin wird zur Aktivistin

Anna-Maria Schuermann hat ihre Scheu überwunden: Vor den Soester Lokalpolitikern wirbt sie für eine Klima-Wende. Foto: NIGGEMEIER

Soest - Sie ist schüchtern. Eigentlich. Aber sie ist auch betroffen. Ganz persönlich betroffen. Weil sie nicht will, dass es zur Klima-Katastrophe kommt. Deshalb hat Anna-Maria Schuermann einen Bürgerantrag gestellt. Und allen Mut zusammen genommen, um vor der Lokalpolitik zu sprechen. Mit Erfolg.

„Reden, das ist eigentlich nicht so mein Ding“, sagt die 35-Jährige. Schon gar nicht in aller Öffentlichkeit und vor großen Gruppen. Doch Anna-Maria Schuermann ist gerade dabei, ihre ganz persönliche Scheu zu verdrängen. Warum? Weil ihr die drohende Klima-Katastrophe unter die Haut geht. Zwei intensive Momente machten aus der zurückhaltend auftretenden Frau eine Klima-Aktivistin, die sich um jeden Preis einbringen will. „Zum einen war das der Vortrag von Dr. Engelhardt. Als ich die ganzen Fakten gehört hatte, war ich erstmal zwei Wochen lang ausgeknockt“, sagt sie. In eine Mischung aus Wut und Hoffnungslosigkeit sei sie gefallen, als sie von der Dringlichkeit einerseits und den zögerlichen Reaktionen andererseits gehört habe.

Der zweite Moment: Während einer Anti-Atom-Demo auf dem Soester Marktplatz stand sie mit Gleichgesinnten an den Plakaten, ein Musiker spielte – und gleich nebenan tollte ein kleines Kind herum. „Das Kind war ganz unbeschwert und fröhlich. Und da kam es mir ganz klar ins Bewusstssein: Es kann nicht sein, dass dieses Kind keine Zukunft hat. Das war so emotional, dass mir die Tränen herunter liefen.“ Anna-Maria Schuermann muss um Fassung ringen, kämpft wieder mit den Tränen, als sie die Erinnerung auffrischt.

Ein Kinderwunsch für ein gutes Klima auch in der Zukunft.

Das kleine Kind wird für sie zu einem persönlichen Wendepunkt. Die Folge: Die Soesterin engagiert sich beim BUND, im Soester Klimatreff, geht zu den „Fridays for future“-Demos, knüpft Kontakte zu der Lehrer-Gruppe, die Unterrichtsmaterial aufbereitet. „Und dann habe ich von der Möglichkeit erfahren, einen Bürgerantrag stellen zu können. Ich habe mich eingelesen und dann vom Klimabündnis Hamm den Vordruck heruntergeladen.“ Spätestens jetzt ist klar: Anna-Maria Schuermann ist bereit, mehr zu riskieren, sich mehr zu engagieren, Zurückhaltungen aufzugeben – und von ihrem Recht Gebrauch zu machen, ihren Antrag persönlich in einer Rede bei den Lokalpolitikern vorzustellen. Als sie das tut – am vergangenen Donnerstag im Stadt-Ausschuss für „Umwelt, Klima- und Naturschutz“ – ist sie sichtlich nervös. Zuerst. Dann aber trägt sie vor, was ihr wichtig ist: Dass keine Zeit bleibe zum Taktieren, dass es das 1,5-Grad-Ziel unbedingt einzuhalten gelte, dass sie und andere heimische Aktivisten nicht mehr nachlassen werden mit ihrem Druck.

Nach ihrer Rede ist sie froh. Und nachdenklich. Weil sie, die nie etwas zu tun hatte mit (Lokal-)Politik, erschrocken ist von den rhetorischen Kniffen, von den parteiinternen Kämpfen, vom Spielen auf Zeit. „Es braucht einen Sinneswandel – oder andere Leute, die in die Politik gehen“, sagt sie.

Am Mittwoch, wenn der Soester Rat über die künftige Klima-Ausrichtung befindet, will sie wieder reden. Etwas anders diesmal.

Enge Begleitung der Lokalpolitik: Die heimischen Klima-Aktivisten zeigen auch im Soester Ratssaal Präsenz.

Ob sie froh ist, den Schritt heraus aus der Ohnmacht hinein in die Aktion gemacht zu haben? Anna-Maria Schuermann wiegt den Kopf hin und her. „Das ist schwer zu sagen“, meint sie. Einfacher sei es sicher, die Scheuklappen anzulegen und alles auszublenden. Dann blickt sie auf, schüttelt den Kopf. „Aber das kann ich nicht mehr.“ Deshalb bleibt sie aktiv, will weiter Menschen am Info-Stand der Klimaaktivisten samstags auf dem Soester Marktplatz informieren; will weiter Kontakte knüpfen, andere motivieren – und Präsenz bei allen relevanten Sitzungen zeigen.

Was sie sich wünscht? „Ich wünsche mir, dass immer mehr Menschen ihre Wut und ihren Frust über die Langsamkeit der Entscheidungen und die Dringlichkeit des Problems ,Klimawandel’ überwinden – und den Schritt hin zur Aktivität wagen."

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