Klima-Debatte

Soester Meeresbiologe warnt: „Wir betreiben Selbstmord auf Raten“

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Lautstark und ziemlich eindringlich machten die Schüler auf dem Soester Marktplatz ihrem Unmut Luft.

Kreis Soest – Dr. Udo Engelhardt hat eine Mission. Die ist für ihn persönlich ohne Alternative, sagt der 56-jährige Meeresbiologe. Es geht ihm darum, die Menschen wachzurütteln. Und es geht ihm um eine gemeinsame Anstrengung, damit eine drohende weltweite Klimakatastrophe in letzter Sekunde doch noch abgewendet wird. 

Von „Selbstmord auf Raten“ spricht er, von einem drohenden „Point of no return“ und von einer „absolut katastrophalen Klimaentwicklung“. Udo Engelhardt hielt am Freitag im Rahmen der „Fridays for future“-Demo eine Rede. Vorher sprach er mit Anzeiger-Redakteur Jürgen Vogt über Schüler-Demos, Klimaziele und persönliche Einsätze.

Wie sind Sie auf das Thema Klimawandel gekommen? 

Udo Engelhardt: Das war schon 1998 ein Thema. Damals habe ich miterlebt, wie 95 Prozent der Korallen auf den Seychellen zerstört wurden. Der Grund war nicht in meinem Spezialgebiet – dem Dornenkronenseestern – zu finden, sondern in einer extremen Hitzewelle. Die Korallen sind einfach am Hitzeschock gestorben.

Kommt so etwas nicht immer wieder einmal vor? 

Udo Engelhardt: Nein. Schon damals war jedem Wissenschaftler klar: Die größte Bedrohung ist eine langfristige globale Erwärmung. Die Korallen hat es als erste getroffen, weil sie so sensibel sind. Ich war damals schockiert, traurig und extrem frustriert. 2016 und 2017 hatten wir dann zwei Jahre in Folge dieses Phänomen. Da war auch dem letzten Zweifler klar: Jetzt haben wir ein richtiges Problem. Und wenn wir den Prognosen glauben, nach denen so etwas nun alle paar Jahre wieder passieren kann, dann ist das wie der letzte Nagel im Sarg der Korallen. 

Was entgegen Sie Kritikern, die auf immer wiederkehrende Ausreißer beim Klima hinweisen?

Udo Engelhardt: Denen sage ich, dass weltweit die 20 wärmsten Jahren der letzten 120 000 Jahre während der letzten 22 Jahre verzeichnet wurden. Und die fünf wärmsten Jahre waren die letzten fünf Jahre. Von Ausreißern kann da keine Rede mehr sein. 

Was bedeutet das für uns als Menschen? 

Udo Engelhardt: Die Klimaentwicklung verläuft absolut katastrophal. Nach Berechnungen des UN-Weltklimarats vom letzten Oktober müssen wir weltweit pro Dekade (Dekade = innerhalb von zehn Jahren, Anm. der Redaktion) 50 Prozent CO2 einsparen. 2050 müssen wir bei Null sein. Und selbst dann haben wir nur eine 60-prozentige Chance, dass die Temperaturen im Schnitt um weniger als zwei Grad ansteigen. 

Wie können wir dieses Ziele erreichen?

Udo Engelhardt: Nur mit einer riesigen, weltweiten Anstrengung. Wir müssen absolut radikale Maßnahmen ergreifen, um eine Chance zu haben. 

Welche konkreten Maßnahmen haben Sie im Blick? 

Udo Engelhardt: Eine umfassende Dekarbonisierung aller Systeme. Das bedeutet, dass wir radikal auf alle fossilen Brennstoffe verzichten müssen. Wir müssen jetzt alle mobilisieren, die bereit sind anzuerkennen, dass wir in einer existenziellen Krise stecken. Es klingt wie überzogen, das ist es aber nicht: Zwei Grad Temparaturanstieg bedeutet, dass wir einen „point of no return“ erreicht haben. 

Was wird nicht mehr rückgängig zu machen sein, wenn die Temperatur um zwei Grad ansteigt?

Udo Engelhardt: „Point of no return“ bedeutet, dass es zu einem Domino-Effekt kommt. Wenn der erste Stein fällt, dann gibt es eine Kettenreaktion. Nehmen wir die Mathangas-Vorkommen in den Permafrostböden der arktischen Tundra. Wenn die auftauen, dann kommt es zu einer Reaktion, bei der Methan freigesetzt wird. Und das ist 34 Mal so klimaschädlich wie CO2, über das wir jetzt sprechen. Kommt das in die Athmosphäre, dann ist eine Klimakatastrophe nicht mehr aufzuhalten. Ich bin sicher: Machen wir so weiter wie bisher, dann können wir das Klima zwar noch ein paar Jahre lang moderieren. Aber wir betreiben Selbstmord auf Raten. 

Schüler machen im Rahmen der Initiative „Fridays for future“ gerade weltweit mobil. Wie stehen Sie dazu? 

Udo Engelhardt: Die Schüler sind doch diejenigen, die nicht verantwortlich sind für die Situation, aber am meisten darunter leiden werden. Schon das gibt ihnen das moralische Recht zu sagen: Jetzt ist Schluss damit! Ich empfinde eine große Dankbarkeit den Schülern gegenüber. Die Schüler bringen harte Fakten und die richtigen Emotionen zusammen: Das ist ein unwiderstehliches Paket. 

Sie halten viele Vorträge vor Schulklasse zum Klimawandel. Warum?

Udo Engelhardt: Für mich persönlich ist das alternativlos. Ich mache das, weil das Thema aus dem Leben der Schüler sowieso nicht mehr verschwinden wird. Es wird das Leben aller heute lebenden Menschen definieren. Ich schließe mich da der Einschätzung von Professor Schellenhuber (Gründer und früherer Leiter des weltweit angesehenen Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung, Anm. der Redaktion) an. Der ist überzeugt, dass es einen globalen gesellschaftlichen Sinneswandel geben muss – und zwar bevor das Klima kippt. Daran will ich mitarbeiten.

Mit vielen wissenschaftlich fundierten Fakten macht Udo Engelhardt auf die „katastrophale Situation“ beim weltweiten Klimawandel aufmerksam. Foto: DAHM

Immer mehr „Friday for future“

370 Menschen nahmen nach Angaben der heimischen „Fridays for future“-Gruppe am vergangenen Freitag an der Soester Klima-Demo teil. „Damit sind wir sehr zufrieden“, meinte Noura Hammouda, eine der Organisatorinnen der Schüler-Veranstaltung zur Klima-Rettung.

Trotz anhaltenden Regens zogen die Jugendlichen und – erstmals deutlich sichtbar – auch viele Erwachsene mit Plakaten und in Sprechchören durch die Stadt. Anschließend gab es eindringliche Appelle vor allem in Richtung Politik. Die kamen zwar nicht immer ganz taufrisch rüber, weil einige Zettel schon derart aufgeweicht waren, dass die Redner kaum noch ein Wort entziffern konnten; die Botschaft allerdings war kaum zu überhören. Sie lautete: Jetzt handeln!

Auch das „Die in“, eine Aktion, bei der die Teilnehmer das eigene Sterben simulieren, fiel ziemlich ins Wasser: Kaum jemand legte sich tatsächlich auf den Boden, weil sich das Wetter einfach zu kalt und regnerisch zeigte. Der Funke sprang gleichwohl über. Denn nicht nur bei der Demo waren viele neue Gesichter wie die von Schülern der Möhnesee-Schule zu sehen.

Auch rund um die dritte Soester „Fridays for future“-Demo tut sich gerade ziemlich viel. Noura Hammouda: „Jetzt wollen wir unsere Aktionen praktisch machen. Deshalb haben wir für den kommenden Sonntag, 24. März, eine Tauschparty organisiert, bei der Kleidung, Bücher und Ähnliches getauscht werden können. Dazu gibt es eine ,Open stage’, bei der jeder etwas beitragen darf.“ Die Party findet ab 16 Uhr im Saal der Soester Waldorfschule statt und versteht sich als „Fest des Schenkens“. Am gestrigen Mittwoch statteten Klima-Interessierte Jugendliche zudem Soests Bürgermeister Eckhard Ruthemeyer einen Besuch ab. Sie wollten wissen, wieso er noch keine Zeit gefunden habe, eine der Demos zu besuchen. Und ob es eine Diskussion mit der heimischen Politik geben könne. 

Das Klima lässt auch viele Erwachsene nicht mehr los. So hat sich parallel zu den Schüler-Demos in Soest ein Klima-Treff etabliert. Die Demonstrationen gehen unterdessen weiter. Gerade wird noch bundesweit ein Termin für den April koordiniert. Fest steht bereits, dass in Soest am Freitag, 24. Mai, „zum Anlass der Europawahl“ wieder eine Schüler-Demo stattfinden wird.

Klimatreff im April

50 Menschen machen derzeit mit beim Soester Klimatreff, den Udo Engelhardt im Januar 2019 ins Leben gerufen hat. Einmal im Monat treffen sich die Mitglieder, um über die aktuellen Entwicklungen informiert zu werden – und Strategien zur Klimarettung zu entwickeln. Informationen zur Gruppe gibt es im Café 1825 in der Soester Marktstraße oder unter Telefon 02921/3879653. Das nächste Treffen findet Anfang April statt.

Dr Udo Engelhardt: Experte für Riffstudien

Dr. Udo Engelhardt (56) gilt als einer der renommiertesten Meeresbiologen weltweit, wenn es um Riffstudien geht. Seit 30 Jahren forscht er zum Thema Korallenriffschutz, zehn Jahre davon im Australischen Queensland am „Great Barrier Reef“. Dr. Udo Engelhardt verfolgte über viele Jahre die Entwicklung der Korallen auf den Seychellen, nachdem im Jahr 1998 nach einer Hitzewelle „95 Prozent des Riffs tot waren“. Heute arbeitet er unter anderen als Direktor von „Reefcare International“. Seit acht Jahren hat Udo Engelhardt seinen Wohnsitz „der Liebe wegen“ in Soest. Vor allem durch sein Engagement in den heimischen Schulen ist der Wissenschaftler auch rund um Soest bekannt geworden. Bei Vorträgen und Diskussionen weist er regelmäßig auf die aktuellen Klima-Probleme hin. Zudem gründete Udo Engelhardt im Januar diesen Jahres einen „Klimatreff“. Udo Engelhardt unterschrieb die Initiative „Sientists for future“, in der sich Wissenschaftler hinter die Forderungen der Schüler von „Fridays for future“ stellen.

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