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„Ich will nicht unter einem Diktator leben“

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Von: Kathrin Bastert

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Ksenia Berezina hat in Soest Zuflucht gefunden.
Ksenia Berezina hat in Soest Zuflucht gefunden. © Kathrin Bastert

Sie ist im Urlaub in Ägypten, als in ihrem Land der Krieg ausbricht. In die Ukraine kann Ksenia Berezina nicht zurück. Jetzt hofft und bangt sie in Soest um ihre Familie und die Heimat.

Soest – Urlaub soll die schönste Zeit des Jahres sein. Das hatte sich auch Ksenia Berezina gewünscht, zumal sie die freien Tage zusammen mit einer Freundin , die mittlerweile in Dänemark lebt und arbeitet, in Ägypten verbringen wollte. Die Sonne dort tat den beiden jungen Frauen gut. Am 26. Februar sollte Ksenias Flieger zurück nach Kiew gehen. Doch es kommt anders. Am Morgen des 24. erhält sie ganz früh einen Anruf von ihrer Mutter aus Sumy, ihrer Heimatstadt im Nordosten der Ukraine. „Es ist Krieg bei uns.“ Ksenia kann nicht zurück, alle Flüge sind storniert. Und ihre Mutter bittet sie, nicht heimzukehren. Es ist eine schwere Entscheidung für die junge Frau, denn sie ist Ärztin, sie könnte helfen. Und sie ist ein Jungleutnant der ukrainischen Armee, freiwillig hat sie sich zwei Jahre lang neben Studium und Arbeit militärisch ausbilden lassen.

Ihr Zwillingsbruder Maxim meldet sich freiwillig. Er ist jetzt in der Nähe der Eltern stationiert, die ihn noch regelmäßig zu Gesicht bekommen und das Land nun auf keinen Fall verlassen wollen, aus Sorge um den Sohn. Ksenia kennt Soest aus einem Praktikum, und ihr Kontakt ins Klinikum führt dazu, dass sie nach einigen Tagen, die sie noch kostenlos in ihrem Hotel in Ägypten bleiben kann, schließlich einen Flieger nach Düsseldorf besteigt. Viele Zufälle später bekommt sie bei einer Familie in Soest ein Zimmer, dort wird sie schließlich aufgenommen wie ein Familienmitglied. Der Kontakt zu ihren Eltern und Geschwistern in der Ukraine ist bisher nie abgerissen, sie weiß, wie es ihnen geht. Vor allem um ihre Mutter ist sie besorgt: Sie sei sehr gestresst, sagt die 24-Jährige, die Situation setze ihr sehr zu.

Junge Ukrainerin kann aus dem Urlaub nicht in ihr Land zurückkehren: Kontakt nach Kiew

Auch zur Amosov-Klinik in Kiew, wo sie zurzeit ihr Praktikum macht, hält Ksenia engen Kontakt. Die Kollegen sind mittlerweile dort eingezogen, der Weg zur Arbeit lässt sich nicht mehr sicher bewerkstelligen. Sie seien dort gut versorgt, erfährt die junge Frau, das Krankenhaus kann auf akute Fälle reagieren, „normale“ Patienten gibt es nur noch wenige. Natürlich sind einige Ärzte und Pfleger nicht mehr dort, aus den unterschiedlichsten Gründen. Viele haben die Hauptstadt verlassen, um bei ihren Familien zu sein.
Ksenia ist in Sicherheit, und doch fühlte sie sich nie unsicherer. Ihre Perspektive, ihre Zukunft, das Leben, das sie kannte ist weg, vielleicht unwiederbringlich. Sie sieht Bilder von zerstörten Städten, Bilder von toten und verletzten Kindern. Was ihr bleibt, ist Ohnmacht. Und: „Es ist eine große Wut in der Seele.“

Sie möchte gern etwas tun, anderen, die nach Soest kommen, helfen, sich zurechtzufinden. Sie spricht sehr gut Deutsch, sie hat sich bereits gemeldet, um dolmetschen zu können. Dann hofft sie darauf, bald arbeiten zu können, „vielleicht kann ich auch helfen, wenn ich hier Geld verdiene.“ Wie es weitergehen wird in diesem Konflikt, das weiß sie nicht. „Aber wenn die Ukraine nicht mehr Ukraine ist, dann will ich nicht zurück. Ich will nicht in einem Russland leben. Ich will nicht unter einem Diktator leben.“ kab

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