20 Jahre Waldorfschule: Einrichtung mit Sinn für Individualität

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Die Waldorfschule Soest setzt auf Individualität.

Soest - Vor 20 Jahren ging die Soester Waldorfschule an den Start. Es folgte eine Zeit mit Höhen und Tiefen. Inzwischen ist die Schule erwachsen.

Mal angenommen, eine Schule sei so etwas wie eines Wesen. Das Wesen der Freien Waldorfschule Soest hat in diesem Bild eine schwierige Geburt. Denn es gab bedrückende Rahmenbedingungen für die Niederkunft: Der Geburtsort in einem ehemaligen Nazi-Offizierskasino lässt auf die Anwesenheit unguter Geister schließen; und positive Geburtshelfer in Form von Patenschulen oder erfahrenen Waldorflehrern waren nicht in der Nähe. 

Ganz ohne Begleitung blieb das neue Schulwesen trotzdem nicht: Mit Eltern aus drei Waldorfkindergärten sowie vielen engagierten Persönlichkeiten rund um diese Gruppe wusste es starke Kräfte an seiner Seite. Die Initiatoren rangen lange um Finanzierungen und um einen guten räumlichen Standort. 

Mit dem ehemaligen „Club Eulenspiegel“, einem Gebäude mit NS-Vergangenheit, zuletzt vom belgischen Militär genutzt, fand sich schließlich die Wiege für die Ankunft. Die galt es in wenigen Wochen geburtsreif zu machen. Mit viel Enthusiasmus und noch mehr Energie gelang die Eröffnung der Freien Waldorfschule Soest pünktlich zum Schuljahresbeginn 1999: 45 Kinder in den Klassen 1 bis 5. Eine Sturzgeburt. Doch das neue Wesen lebte. Und genoss große Fürsorge. 

Hausmeister Hendrik Dekker begrüßte jedes Kind jeden Morgen per Handschlag; Parallel lasen die Lehrer den Spruch aus dem Seelenkalender Rudolf Steiners. Anschließend trafen sich alle zum gemeinsamen Beginn mit Gesang und Morgenspruch. Ein Pioniergeist fegte Sorgen weg, so dass ein reger Betrieb herrschte auf dem Gelände der in Anlehnung an den Soester Heimatdichter „Hugo-Kükelhaus-Schule“ genannten Waldorfschule. 

Die neue Schule lockte starke Lehrerpersönlichkeiten an, aber auch junge Lehrerinnen, meist Berufsanfänger. Das Kollegium und die Schüler waren einem steten Wechsel ausgesetzt. Gleichzeitig musste die Schule wachsen, weil in jedem Jahr eine neue Klasse kam. 2002 wurde der Neubau für die Klassen 1 bis 6 und für die Fachbereiche Musik und Eurythmie eingeweiht, auch die Werksgebäude gingen in Betrieb. Die Entwicklung im Außen verlief gut. 

Im Inneren indes kamen Mängel zum Vorschein. So fehlte ein klarer Weg, eine von allen getragenen Vision. Das äußere Wachtum blieb davon unberührt: Im Altbau zogen nacheinander die höheren Klassen ein. Bis dahin fand der Sportunterricht im Saal oder in der Sommerzeit im Jahnstadion statt. 2003 konnte die Turnhalle durch günstige Fördermittel entstehen. Auch wurde der Außenbereich durch einen Gartenbau mit Glashaus und Schuppen und einen Zaun umgrenzt. 

Die Stimmung im Kollegium wie in der Elternschaft wurde in dieser Zeit immer zuversichtlicher. Doch 2004 entstand neue Unruhe, weil sich wieder einige Lehrer von der Schule trennten. Die Einrichtung verlor in der Folge auch eine große Anzahl von Elternhäusern und damit Schülern. Ein Tiefpunkt: Die Schule steckte in einer ernsthaften Existenzkrise. 

Linderung brachte eine erfahrener Lehrer aus Schloss Hamborn: Er versuchte im Inneren die Spaltung zwischen Vorstand und Kollegium und damit zwischen Eltern und Lehrern zu heilen. Mit Erfolg. Nun standen die Zeichen wieder auf Wachstum. Und auf Genesung. Bis zur nächsten Krise. 

Im Jahr 2010 wies ein erfahrener Oberstufenlehrer der kränkelnden Schule eine Richtung: Mit ihm kamen neue Strukturen, durch seine Hilfe etablierte die Schule das Abitur. Neues Vertrauen wuchs. Mit diesem Vertrauen stand auch die Schule anders da: 2015 verließen die ersten Schüler mit dem Abitur die Schule. Im Sommer 2017 feierte die Freie Waldorfschule Soest ihren 18. Geburtstag. Volljährig. 

Noch nicht fest verwurzelt, aber doch mit viel Selbstvertrauen steht sie seither in der Welt. Und blickt zurück auf ein Leben, in dem immer wieder Menschen von außen in die Entwicklung eingriffen – undscheitern. Ganz individuell will sie sich entwickeln, die Waldorfschule. 

Heute, nach 20 Jahren, sind die Eigenarten der Schule unverkennbar: Im Inneren Veranstaltungen wie das gemeinsame Adventssingen; aus dem Inneren heraus die Feste zu Johanni oder Michaeli; und im Außen ein Schulzirkus, der einen wichtigen Beitrag leistet zur Persönlichkeitsbildung der Schüler. Und der Schule. Dazu mit Englisch und Russisch ein eigenes Sprachenkonzept; mit den Fächern Handarbeit, Werken oder Gartenbau ein Weg hin zum praktischen Tun; und mit Eurythmie ein typisches Angebot einer Waldorfschule.

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